Tag der Auferstehung des Herrn, 21.04.2019, Stadtkirche, Johannes 20,11-18, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Ostersonntag – 21.IV.2019                                                                                                 

                   Johannes 20, 11-18

Liebe Gemeinde!

Ostern – das unglaublichste Fest der Welt! – will uns verrückt machen.

Und umgekehrt wird nur wer sich selbst noch verrücken lässt überhaupt Ostern feiern wollen.

Denn die immer schon und heute Morgen immer noch wissen, was Sache ist und was nicht, die würden es ja sowieso niemals aushalten, wirklich das zu hören und zu fassen und zu sagen und zu tun, worum es heute geht.

Viel zu unglaublich ist es ja für alle, die sich sicher sind. Viel zu unglaublich ist Ostern für alle, die zu wissen glauben, was man wissen kann und was nicht. Viel zu unglaublich ist Ostern für alle, die festgestellt haben, was möglich und was unmöglich ist. Viel zu unglaublich ist Ostern für jeden gesunden Menschenverstand, für jedes kritische Denken, für jeden nüchternen Blick.

Und weil das alles wirklich zutrifft – soweit es überhaupt Wirklichkeit und Richtigkeit geben kann –, … weil es jedenfalls stimmt, dass Ostern unglaublich ist, darum wollen wir heute ausnahmsweise nicht vom Glauben reden.

Ostern ist nämlich nicht das Fest des Glaubens.

… Anders Karfreitag: Da steht für viele als Tatsache fest, was an jenem Tag historisch geschah: Zu glauben aber, dass es für uns geschah, vermögen nur wenige. … Ohne Glauben also kein Karfreitag. … Umgekehrt wiederum: An das Geschehen von Ostern glauben die Menschen eher selten; dass es aber tatsächlich auch ihnen zugutekommt, ändert sich dadurch nicht. … Ist der Tod damals besiegt worden, dann hat das Folgen … ob man’s nun glaubt oder nicht!

Verrückt, oder? ——

Jedenfalls wollen wir dem unglaublichen Wunder der Auferstehung zu Ehren heute einmal von dem reden, was wir nicht glauben und nicht glauben können:

Ich glaube zum Beispiel nicht – und es lässt sich auch nicht glaubhaft machen –, dass die Begegnung Maria Magdalenas mit dem Auferstandenen eine Erfindung sein kann, denn bis heute bringt sie alles durcheinander. Die wichtigste und größte Tat Gottes, das Wunder, durch das die Christusgläubigen zur Auferweckungsgemeinde, zur Gemeinde des endgültig Lebendigen und des ewigen Lebens wurden, hätte man sich doch von einer feierlichen und anerkannten Zeugenschar beglaubigt gewünscht: Die 11 männlichen Erz- und Ur-Zeugen, deren Bedeutung die Evangelien mit wechselndem Erfolg inszenieren und deren alberne Sorge um ihre Dominanzansprüche und Positionen auf der Autoritätsskala die Evangelien auch nicht verschweigen, werden jedenfalls vollkommen düpiert dadurch, dass keiner von ihnen die Primärquelle der Auferweckungsberichte sein durfte.

Eine Frau, der derart entscheidende Erfahrungen und Aufträge zuteilwerden, eine Frau, auf deren Aussage die Zentralbotschaft des Neuen Testamentes beruht ……., das ist unerfindlich. … Man kann nicht glauben, dass es nicht so war!

Paulus schäumt noch heute darüber und verschweigt die erste Adressatin jener Botschaft, die auch sein Leben völlig verrücken sollte, konsequent, … vielleicht mit Ausnahme eines spröden Grußes im Römerbrief[i], wo er jeden anderen genannten Namen mit einer sehr persönlichen Sympathie- und Verbundenheitsbekundung bedenkt und nur in einem Fall distanziert und spitz, ach was, säuerlich beleidigt klingt (Rö16,6): „Grüßt Maria, die viel Mühe und Arbeit um euch gehabt hat“ ….. „Ich persönlich hätte ihren Eifer ja durchaus entbehren können“, meint man zu hören.

….... Nicht zu glauben, Paulus – nicht wahr?! –, dass Deine ganze Frauenverachtung an jedem Ostertag so entlarvt wird, wenn die Kirche allerorten wieder hört, wer die “Apostola Apostolorum”[ii] war, die Apostelin der Apostel, die Evangelistin der Evangelisten, wie die Väter der griechischen und lateinischen Kirche sie in der Antike immerhin nennen – und auf wessen Verkündigung unser heutiges Fest der Feste zurückgeht!

Ich glaube jedenfalls nicht, dass es ohne die ruhelose und trostlose Magdalena heute Ostern wäre.

Ihre verzweifelte Anhänglichkeit an Den, Der sie überhaupt erst zu einer freien Frau gemacht hatte, als Er sie von ihren Dämonen, von der Qual treibender, steuernder Mächte befreite, die sie in Abhängigkeit hielten (vgl. Lk8,2), … ihre im frauenfeindlichen 19.Jahrhundert sicher rasch als „Hysterie“ diagnostizierte existentielle Empfänglichkeit für die heilend sinn- und segenstiftenden Worte und Taten Jesu, … ihre verrückte Persönlichkeit also hat mit dem, was wir heute Unglaubliches feiern, allerdings nichts zu tun.

Denn eines wird ganz deutlich, wenn wir von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen am Ostermorgen hören: Sie konnte an die Auferstehung der Toten – zu der sie sich als fromme, vermutlich pharisäische Jüdin aus Jesu Begleitung doch ausdrücklich bekannte – praktisch genauso wenig glauben wie wir.

Denn – seien wir klar, seien wir ehrlich – auch wenn dieser Satz in unserer „Ich glaube-nicht-Predigt“ am schwersten fällt: Ich glaube nicht an einen Glauben an die Auferstehung, und weder Maria Magdalena noch sonst eine Jüdin oder Christin oder Heilige besaß je einen solchen Glauben.

Wer einmal den unglaublichen Vorgang des Sterbens erlebt hat, wo schwindet, was wir halten wollen und fremd wird, was wir lieben und ohnmächtig ist, was immer wir vermögen, und wer dann die völlige Entzogenheit, die eine Leiche ohne Leben umgibt, erkennen musste, und wer schließlich auch nur in Ansätzen die unerbittliche Chemie und Physik der Verwesung mitbekam, der wir wegen unserer schwachen Nerven heute so oft mit Feuer zuvorkommen, der kann nicht ernsthaft meinen, an eine Auferstehung zu glauben. … Vielmehr verschwindet und zerfällt diese naive Erwartung, diese ahnungslose Täuschung, der kalte Leib könne sich wieder regen, die gebrochenen Augen könnten uns wieder ansehen, die vergangene Bewegung könne von neuem entstehen, von Stunde zu Stunde, nachdem einer den Geist aufgegeben hat. Und am dritten Tag nachdem Magdalena die traumatische Entseelung und Entleibung, ja die Entmenschung Jesu auf Golgatha miterleben musste, weiß sie genau, dass er tot ist, und weder ist sie so vermessen noch so dumm, so zu tun, als könne er irgendetwas anderes als ein kläglich zugerichtetes Überbleibsel an Zellen und geschundenem Stoff mehr sein. Nur diese grauenvollen, leeren Reste kommt sie suchen. Mit anderem rechnet sie nicht.

Und ich glaube auch nicht, dass man das darf.

Weil ich nicht glaube, dass irgendetwas selbstverständlich ist, außer dem Wort Gottes: „Du bist Erde und sollst zu Erde werden“ (1.Mose3,19).

Und darum glaube ich auch nicht, dass ein Mensch erkennen könnte, was Auferweckung der Toten, was Auferstehung des Fleisches ist.

Maria Magdalena, diejenige, deren Liebestreue zu Jesus so unvergleichlich war, dass sie sein Sterben ertrug und seinen Anblick im Grab meint ertragen zu können und nach dem Bericht des Johannes am Ostermorgen bereits ein zweites Mal an diesem Ort (vgl.Joh20,1f), an dem ihre Dämonen vermutlich wieder auf sie warten, ist … nachdem sie zunächst Reißaus nahm, weil die geöffnete Höhle sie so verstörte – so fern war ihr der Auferstehungsglaube! – … Maria Magdalena beweist es uns ja gerade, dass keiner von uns vorbereitet, dass niemand von uns fähig ist, Auferstehung zu begreifen. Denn – auch das ist nichts, was man sich ausdenken könnte – da steht sie vor Dem, Den ihre Seele sucht (vgl. Hoheslied 3,1) und kann Ihn nicht erkennen, obwohl es wirklich Er selber und kein anderer ist!

Zum Verrücktwerden ist diese Beschränkung unseres Reaktions- und Fassungsvermögens: Wir sind von Natur aus und mit allen unseren derzeitigen Instinkten und Wahrnehmungen wirklich nur auf dieses kurze, vorübergehende, abbrechende Dasein ausgelegt, auf dieses Leben, in dem wir immer schon mitten im Tod sind.

Drüberhinaus reicht’s bei uns nicht.

Und so müssen wir wahrhaftig auch nicht glauben, Marias Sehnsucht, ihre Phantasie hätte Anteil an der Erscheinung, an dem Treffen dort am Grab: Wenn ihre Erinnerung Ihn beschworen, ihre seelische Anspannung Ihn herbeihalluziniert hätte, wäre Er ihr niemals fremd gewesen, hätte sie nie den Gärtner in ihm vermutet, der doch ein Geschöpf ihrer Wünsche war.

Den Mann, den sie hatten töten können, kannte sie; Den, Der den Tod überwunden hatte, nicht! 
Und darum glaube ich auch nicht, dass Maria Ihn je erkannt hätte, so wie ich nicht glaube, dass je ein Mensch Gott und Seine Wirklichkeit erkennen könnte und würde, … wenn Er nicht gesprochen hätte
.

Aber dann spricht Er!

… Und Er spricht die heilige Sprache, die  doch zugleich die Alltagssprache aller Menschenkinder ist und aller Welt Muttersprache. … Es ist das Hebräisch der Liebe.

Und da glaube ich nun nicht, dass es einen Menschen gibt, der diese Sprache nicht erkennen, der sie nicht verstehen würde.

Was die Augen und der Verstand und alle Sinne nicht erfassen konnten, dem kann das Ohr sich nicht entziehen.

Auch das ist verrückt.

… Denn die Stimme – so ätherisch sie zunächst wohl wirken mag – ist ihrerseits zweifellos zugleich eine somatische Erscheinung, ein „Stimm-Körper“, ein Merkmal mit bestimmten physikalischen Eigenschaften… etwas, was ich immer dann merke, wenn ich mit meinem Vater und meinem Bruder gemeinsam singe: Wie gnadenlos laut das sein muss, mag man ahnen, … dass es aber in einer sonst nicht auftretenden Weise – die keine musikalische Qualität hat – „voll“ klingt, beweist, dass es eben auch eine DNA der Stimme, ein leiblich ausgeprägtes Profil individueller Stimmen gibt, das biologische Verwandtschaft und andere biologische Bedingungen kennt.

Ich glaube darum auch nicht, dass der auferweckte Jesus, Dessen Stimme Maria Magdalena so vertraut war, dass sie Ihn in Seinem Wort erkannte, ein Geistwesen oder eine Vision war. … Es waren die Stimmbänder und der verletzte Brustkorb, es waren Mund und Lippen Dessen, Den sie gehört hatte, ehe der Tod Ihn verstummen machte, die sie nun wieder hörte!  

Andernfalls hätte sie ja nicht getan, was dann folgte – nach Ihm gegriffen – , und Er hätte nicht entgegnet, wie Er’s dann tat: „Halte mich nicht fest!“

Ich glaube nicht, dass ich anders als sie reagiert hätte.

Jede ergreifende, erschütternde Begegnung von Angesicht zu Angesicht führt vom Anblicken und Ansprechen zum Anfassen, … und wir haben in der jüngsten Zeit einige Wiedersehen erlebt, die von lautem Jubel und Schluchzen in wortlos innige Umarmung übergingen, wenn die Verlorenen gefunden, die Bedrohten gerettet, die Totgeglaubten wiedergeschenkt waren. So geht es bei uns zu. ———

Doch Ostern ist unglaublich verrückt.

Es überspringt die Grenzen unserer gewohnten Natur und seelischen Verfassung. Es ist keine einfache Wiedergutmachung dessen, was verdorben und zerstört war, denn das hieße, alles wird, wie’s einmal war. Doch in Wirklichkeit wird alles neu durch die Auferweckung Jesu. … Nicht das Alte geht weiter, sondern das große Endgültige kommt!

Und ich glaube nicht, dass Magdalena es verstand oder ich es verstehe, was das heißt.

Aber dass weder sie, Seine erste Zeugin, noch die Jünger noch seine Mutter den Auferweckten einfach in ihre Arme schließen und festhalten konnten, das zeigte sich sofort.

Denn es wäre hier bei uns heute nicht dieses unglaubliche Fest zu feiern – fast zweitausend Jahre nachdem sie Ihn doch wohl am liebsten in ihren Armen und an ihrer Brust erstickt hätten –, wenn die Apostelin der Apostel und alle weiteren Jesus-Liebenden seitdem nicht immer wieder erlebt hätten, dass Ihn zu finden, Ihn weiterzugeben heißt, dass Ihn nur hat, wer Ihn teilt, dass bei Ihm nur bleibt, wer Ihm nachfolgt … nachfolgt auf dem Weg zum Vater, nachfolgt auf dem Weg durch die Welt und die Zeit und das Leben und den Tod und die Hölle und den Himmel … zu Gott!

Darum glaube ich auch nicht, dass Ostern – dieses verrückte Fest, das unseren Blick so weit voraus, so hoch hinauf, so fern hinein in die Ewigkeit lenkt, dass alle unsere sonstigen Seh- und Denk- und Lebensweisen dadurch wirklich verschoben, verrückt und verlassen werden, … ich glaube also nicht, dass Ostern an Ostern das Ziel wäre, sondern dass uns durch Ostern ein ganz anderes, … das wahre Ziel unseres Lebens gewiesen wird.
Das aber ist nicht mehr der Tod! ……. ——

Wenn wir dieses andere, dieses wahre Ziel indes auch nicht einfach finden, nicht leicht erkennen, nicht heut verstehen, nicht selber festhalten können, so sollen wir nun doch mit Maria Magdalena, die von sich aus ebenso wenig von alledem glauben und begreifen und behalten durfte, … so sollen wir doch mit Maria Magdalena selbst die Gesuchten und Gefundenen, die Gemeinten und Genannten, die Gesandten und Geretteten werden.

Denn das ist das Letzte, was unglaublich ist: Ostern weist uns den Weg zu einem Ziel, von dem wir eigentlich nicht glauben dürfen, dass es auch unseres sein könne.

… Aber Christus, der uns an Ostern durch Maria Magdalena Seine „Brüder und Schwestern“ nennen lässt, sagt’s uns unüberhörbar in der Sprache des persönlichen Rufes: Gott ist tatsächlich euer Ziel! Denn Er ist „euer“ Gott und Vater!

… Und wenn das auch unglaublich ist, so ist es doch wahr.

… Nicht, weil wir es so fest glauben, sondern weil Er so unverrückbar daran festhält, wie an Maria Magdalena, der die Stimme des Auferweckten es bewies (Jesaja 43,1):

„Fürchte dich nicht, denn ICH habe dich erlöst;

ICH habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist MEIN!“

Das glaube ich.

Das dürfen wir alle glauben!

Amen.



[i] Dieser Gruß ist für die orthodoxe Überlieferung ein Anhaltspunkt für die alte Überlieferung, Maria Magdalena sei nach Jesu Himmelfahrt nach Rom gegangen, für die christliche Mission tätig gewesen und habe v.a. dort beim Kaiser Tiberius selber interveniert, um Pontius Pilatus abberufen zu lassen. Der Reichtum und die Eigenständigkeit des ostkirchlichen Bildes von Maria Magdalena verdiente im Übrigen eine eigene Predigt!   

[ii] Mit diesem und ähnlichen patristischen Zitaten hat Papst Franziskus im Jahr 2016 in einem Dekret den Gedenktag der Magdalena (22.Juli auch im evangelischen Kalender) endlich – aber auch erstmals!!! –  dem Rang nach den anderen Apostelfesten gleichgestellt. Die Symbolik dieser Entscheidung ist in ihrer Bedeutung für eine Neubestimmung des androzentrischen katholischen Amtsverständnisses nicht zu unterschätzen; vgl. dazu: http://www.vatican.va/roman_curia/congregations/ccdds/documents/articolo-roche-maddalena_ge.pdf

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