Okuli, 24.03.2019, Stadtkirche, Jeremia 20, 7-11a, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Okuli - 24.III.2019                                                                                                              

                 Jeremia 20, 7 -11a

Liebe Gemeinde!

Jeremia ist der Ungefragte unter den großen Propheten.

Wo Jesaja unser Denken, Singen, Sehen und Fühlen mit seiner Botschaft auch nach zweieinhalb Jahrtausenden erfüllt – das Röslein aus der Wurzel Jesse (vgl. Jes 11,1) und die Jungfrau, die den Immanuel gebiert (7,14), der Knecht, der unsre Krankheit trägt und unsre Schmerzen auf sich lädt und durch dessen Wunden wir geheilt sind (53,4f), bis der Wolf bei den Lämmern wohnt (11,6) und die Herrlichkeit des HERRN über der Finsternis des Erdreichs, dem Dunkel der Völker aufgeht (60,2), weil die Füße der Freudenboten auf den Bergen so lieblich sind (52,7) und die Schwerter endlich zu Pflugscharen werden und die Völker hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen (2,4) – … wo also kein Festtag ohne Jesaja vergeht und wir nichts, gar nichts ohne seine Verkündigung wären, ……. und wo Hesekiel und Daniel unsere Erschütterungen und letzten Hoffnungen durchdringen, weil wir die Schrift an der Wand dieser Welt und die tönernen Füße, auf denen sie steht, bei Daniel (5,5 + 25; 2,31ff) zu erkennen gelernt haben und weil die Künstler und großen Tröster das Totenfeld dieser Erde mit den Augen Hesekiels (37) erblicken, der sah, wie der Staub sich rührt und wie es rauscht und die dürren, bleichen Knochen zusammenrücken, Gebein an Gebein und endlich der Odem Gottes neues Leben aus dem Tod erweckt, … wo also die drei anderen großen Propheten bis heute durch ihre Worte und ihre Sprachbilder das Bewusstsein der Gläubigen prägen, ist Jeremia fast völlig aus dem Gedächtnis der Gemeinde verschwunden.

… Nur einmal im Jahr hat er in der christlichen Tradition seit vielen Jahrhunderten einen kurzen Urlaub aus dem Reich des Schweigens und der Vergessenheit:

Wenn in der Passionszeit, v.a. in der Karwoche der Schmerz um Christus und Christi eigener Schmerz die Kirche ergreift, dann findet sie in  den Klageliedern Jeremias eine Stimme, die das Grauenvolle ausspricht, hinausschreit, … die Stimme des jüdischen Leidens unter Verfolgung, Vertreibung, Heimatlosigkeit, Verbannung und Gottesfinsternis. Einmal im Jahr weint die Christenheit mit den Tränen Israels und klagt den hebräischen Weltschmerz hinaus … in vielen barocken Vertonungen der Klagelieder tatsächlich sogar im Lautbild des Urtextes, der die Klagelieder Jeremias nach den hebräischen Buchstaben durchnummeriert und der damit die Komponisten zu ungeheuer lautmalerischem Jammer inspiriert hat, wenn sie fremdklingende, ganz abstrakte Konsonanten und Vokale auskosteten – das Aleph, das Beth, das Gimmel usw. – , um den Ton reinen Leids zu schildern.

Den wortlosen Urschrei universaler Traurigkeit transportiert Jeremia also für die Kirche, den Klang sprachzerfetzenden Unglücks. ——

Dabei spricht er heute allerdings ja ganz deutlich zu uns.

… Zu deutlich wohl.

Denn seine Auflehnung gegen das Prophetenschicksal ist markerschütternd.

Er schreit seine Erfahrung der Ohnmacht gegenüber Gott, Der einen Menschen einfach zu Seinem Boten macht, in einer Art hinaus, die an die qualvollen Anklagen der vergangenen Jahre und nun der vergangenen Woche erinnert, als Frauen und Männer endlich nach brutalem Schweigen begannen, ihr Opferleid als Missbrauchte, Vergewaltigte und Gedemütigte öffentlich zu machen.

……. Martin Buber übersetzt Jeremias Ausbruch gegen seinen Herrn denn auch er-schreckend richtig und deutlich in die Sprache der Übergriffe:

„Betört hast du mich, / ich ließ mich betören, / Gepackt hast du mich, / du hast übermocht.

… Auch wenn sich uns alles sträubt: Der Prophet spricht tatsächlich von Vergewaltigung. —

Nun wäre es ein Leichtes, dieses Trauma, das natürlich auch in der Bibel begegnet, weil sie wirklich allem Menschlichen vor Gott und in Gott das Wort verleiht, … nun wäre es also ein Leichtes, dieses Trauma des Jeremia als schreckliches Beispiel jener Überwältigungen zu betrachten, die zu unserm Entsetzen schon immer im Raum einer Glaubensgemeinschaft begegnen, in der höchste und geheimnisvollste Kräfte Menschen berühren und verbinden und verleiten und verängstigen.

Doch die Erfahrung der Wehrlosigkeit des Jeremia rührt nicht her aus den –  weiß Gott! – missbrauchsanfälligen Strukturen von Menschenmacht.

… Sie rührt vielmehr an ein noch tieferes Ausgeliefertsein.

Denn das Leid Jeremias beginnt pränatal.  …….

Er ist nicht erst gegen seinen Willen als Erwachsener in den Dienst Gottes genötigt worden, sondern bereits vor seiner Empfängnis wurde Jeremia vom HERRN beschlagnahmt: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von deiner Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für die Völker“, so beginnt das Buch seiner Unfreiwilligkeit (Jer1,5f).

Jeremias verzweifelter Groll gegen seine Bestimmung ist also gerechtfertigt: Er hatte nie eine Wahl, … und genau dagegen richtet sein Hader sich derart hartnäckig, dass die Bibel und die Glaubenden kein zweites Beispiel derart unmissverständlichen Gottes-Protestes kennen.

Dass solcher Widerstand gegen die vorgeburtliche Festlegung, gegen das Eingespanntsein in ein Geschick, das vorm eigenen Lebensbeginn schon feststand, aber eben zu den großen Prophetien der Bibel gehört, das lehrt uns, hinter Jeremias lautem Protest mehr zu sehen als ein Einzelschicksal, mehr als das düstere Los eines embryonal Erwählten.An Jeremias immer wieder vergessener, aber nicht verklungener Stimme, die gegen die Eingliederung in etwas viel Größeres als unser eigenes Leben einen so unüberholten Einspruch erhebt, lässt sich etwas Unheimliches erfahren.

… Denn auch wenn es in Gegenwart fröhlicher Taufeltern beinah zynisch zu sagen ist: Wir alle haben unsere Kinder ja nicht gefragt, ob sie geboren werden wollten, und auch wir selber konnten unserm Dasein nicht freiwillig zustimmen.

Da zu sein, heißt etwas zu erleben, was wir nicht bejahen konnten; unsere Geburt und unser Leben sind fremdbestimmt…. Für die meisten unter uns ist es ein grundloses Geschenk, dass wir leben; für manche aber auch ein unverdiente Verhängnis.

… So oder so machen wir indes am Ursprung unseres Lebens die Entdeckung: „Unser keiner lebt sich selber“ (Rö14,7). ……. Jeder lebt von Vorausgegangenem. Jeder lebt von wem her und von woher. Auch am Beginn ist also keiner ein Anfang, sondern immer schon eine Folge. —

Diese Bedingtheit, dass wir nicht für uns stehen, dass unser Leben nicht unsere Sache ist – eine Bedingtheit, die in der kirchlichen Theologie negativ als die Erbsünde, positiv als die Erwählung zum Glied eines einzigen großen Menschheitskörpers in Christus begegnet – … diese Bedingtheit, dass Menschsein wohl oder übel Zusammenhang und nicht radikale Autonomie bedeutet, lehnen die Fanatiker der Unabhängigkeit, die Eisprediger des Egoismus seit Jahrtausenden ab. Seit Jahrtausenden brüsten sie sich: „Wir entscheiden nur für uns“. Seit Jahrtausenden verweigern sie sich: „Außer mir selbst geht nichts mich an“.

Wer da aber - wie Jeremia - vom ersten Atemzug an in den weiten Rahmen der Menschheitspläne Gottes eingespannt ist, wer dazu berufen ist, sich nicht auf sein weniges, kurzes Einzelleben zu beschränken, sondern zu warnen und zu hoffen für das Volk Gottes insgesamt auf seinem Weg von den Toren des verlorenen Paradieses bis zum Anbruch des kommenden Reiches Gottes, der wird von den kleinen Ichheiten, von den raffenden „Mein!“-Sagern, von den hasserfüllten Selber-Rechthabern verleumdet und bekämpft.

… Und da Jeremia dem Jerusalem seiner Tage – den engstirnigen Kultidioten, den rücksichtlosen Politprofiteuren, den perversen Macht- und Gewinnspielern – immer nur in den Ohren liegen musste, dass ihre kurzsichtigen Eigeninteressen Nacht und Finsternis über die Zukunft des Gottesvolkes bringen würden zu einer Zeit, da Israel hätte umkehren und umdenken müssen, statt sich den Strömungen der Großmannssucht und der Risikoverharmlosung von Ägypten bis Babylon auszuliefern, …  da dieser miesepetrige Spielverderber also, dieser unausstehliche Schwarzmaler Jeremia den Zeitgenossen immer nur in den Ohren lag und Buße und Gerechtigkeit verlangte, darum war er der Allerverachtetste und Un-werteste und man hielt ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre (vgl. Jes53,3f) … und er sich auch! ——

Gott, der ihn predigen hieß, der ihn einfach nicht losließ, sondern wieder und wieder in taube Ohren rufen machte, dass es keine Zukunftsgarantie gibt – weder durch Waffen noch durch Weltanschauung – … Gott machte ihn zum Spott, über den täglich gelacht wurde, wenn er immer nur „Frevel und Gewalt!“ schrie. …….

Aber das war ja das Verhängnis des armen Jeremia, dass er nicht aus dem großen, von Gott gegebenen Rahmen der Menschheitsgeschichte in ein abgedichtetes Gebäude aus Lebenslügen und Privatvergnügen flüchten konnte, sondern immer und überall erinnert wurde und selbst daran erinnerte, dass kein Mensch nur für sich allein lebt, sondern wir alle schon vor unserer Geburt Verantwortung erben und sie für die Nachkommen tragen.

… Die eingeigelten Judäer wollten es nicht hören; die selbstgefälligen Bürger und Priester Jerusalems machten sich lustig darüber, dass Jeremia ständig warnte, wer nur auf sich achte, komme um, und wer nur auf sich selbst vertraue, übe Verrat.

Und auch die Kirche vergaß – bis auf die eine schwarze Woche, in der die Klagelieder unvermeidlich wurden – allzugern den Propheten der lästigen Botschaft Gottes, die den herausfordernden Zusammenhang aller Menschen von den Ureltern, den Erzvätern und -müttern über die heutige Generation bis zu den letzten Lebenden aufrichtet, …eine Schicksalsgemeinschaft, aus der kein Einziger sich ausnehmen darf. …….

So litt Jeremia also, litt stumm – und manchmal schreiend, anklagend – unter Gott und den Menschen … und konnte das Feuer der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes doch nicht loswerden, nicht abtun, nicht verschweigen, nicht vergessen.

… Nur er selber, der langweilig ewige Mahner schien wieder und wieder vergessen zu werden. ———

Aber im großen Weltzusammenhang Gottes bleibt keiner vergessen.

Und in diesen Wochen regt sich die Stimme Jeremias wieder einmal unerwartet laut und deutlich: Der Protest gegen das wehrlose Ausgeliefertsein an Entscheidungen und Lasten, die längst vor den eigenen Tagen feststanden, der Protest gegen die Bestimmung, die das eigene Dasein durch Frühere und bald Vergangene erfährt, der Protest gegen den maßlos ungerechten Geiz derer, die nur ihr eigenes Dasein interessiert, die nur einen Pakt schmieden, der die Sünden der Väter auf die Häupter der Kinder bis ins dritte und vierte Glied niederregnen lässt, … diese Anklage gegen ein künftiges Geschick, das aber längst schon fremdverantwortet ist, ist neuerdings zum Ton der Freitage – der “Fridays for future” – geworden:

Da gehen die, die jung sind, wie Jeremia es war, dem der HERR entgegenhielt (Jer1,7): „Sage nicht »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete“, … da gehen die Jungen also und schreien ihre Sorge um die Bedingungen heraus, die man ihnen vorgegeben hat und deren etliche sich doch noch wandeln, ändern ließen.

… Gewiss sind sie nicht alle kleine Jeremias, vorherbestimmt, der Welt die Leviten zu lesen, statt ihre unregelmäßige Verben und jede andere Unregelmäßigkeit, die die Erwachsenen für unentbehrlich halten, zu lernen.

Aber ganz gewiss sind sie eine Generation, der es bestimmt ist, auszubaden, was der große Zusammenhang der Welt- und Wirtschaftsgeschichte ihnen an Sturm, an Flut und Feuer hinterlässt. Sie sind eine Generation, der ihre Vorgänger Gewalt angetan haben.

Und darum treffen sie bei den Spießern und Scheinheiligen, die jetzt von der Verletzung der Schulpflicht heuchlerisches Aufhebens machen und die eigene tödliche Verletzung des Sorgfaltspflicht auf einer bedrohten und begrenzten Erde übersehen, auf genau die selbe Ablehnung, die der Prophet erfuhr, der den Jerusalemern den faulen Frieden ihrer letzten freien Tage verdarb, ehe Nebukadnezar sie überwältigte und in die Verbannung schleppte.

In dieser Gemeinsamkeit der jungen Protestierer an den Zukunftsfreitagen mit dem Propheten der Auflehnung gegen das vergewaltigte Leben wird die Zukunftsfrage aber tatsächlich zeichenhaft beantwortet.

Denn Jeremia, dessen Leiden an Gott und der eigenen Vorherbestimmung zu einem großen Prophetenbuch – und das heißt ja: zu einem Teil des Gotteswortes selber – wurde,  … Jeremia ist mit seinem leidigen Aufbegehren gegen das Unrecht und mit seiner steten Warnung vor dem Unheil eben nicht vergessen und vergangen.

Im Gegenteil: Sein pränatales Leiden, seine lebenslange Einspannung in den Wächter- und Zeugendienst im Kampf gegen Lebenszerstörer und Gerechtigkeitsverächter und alle Gottlosigkeit und Unmenschlichkeit hat Nachfolger gefunden … Nachfolger bis in die heutige Jugend, die dem einen besorgten Mädchen aus Schweden zu Tausenden auf deren prophetischen Wegen folgt.

Darüber hinaus aber hat Jeremia den größten aller Nachfolger gefunden: Einen, der wahrhaftig schon vor seiner Entstehung im Mutterleib auserwählt war, das Leiden Gottes an den Menschen und alles zwischenmenschliche Leid und auch das Gottesleiden der Menschheit zu tragen. Einen, dessen ganzes Leben schon ewig vor seiner Geburt und auch ewig über den heutigen Tag hinaus erfüllt ist von der Bereitschaft, die Schmerzen und Lasten und Festlegungen der Menschheit zu tragen und sie durch seine grenzenlose Freiwilligkeit, seine unbe-grenzte Stellvertretung zu überwinden.

„Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleib bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker“ (Jer.1,5):

Das ist Christus, der das vorgeburtliche Leiden und die Gewalt- und Ohnmachtserfahrung Jeremias restlos teilt … und vollendet … und dem darum die Zukunft im größten Zusammenhang gehört, … die ganze bedrohte Erde, ja, das Universum selbst.

Morgen feiern wir seine Empfängnis.

… Und dass darin – trotz allen wirklichen Leids – alles Leben wirklich bejaht ist für immer!

Amen.

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