Invokavit, 10.03.2019, Stadtkirche, Hebräer 4, 14-16, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Invokavit - 10.III.2019                                                                                                       

                   Hebräer 4, 14-16

Liebe Gemeinde!

Das Wartezimmer der Angst kennt jeder: Für die einen ist es der Raum mit der Leder-und-Chrom-Sitzgruppe, wo man nach dem Berater auch dem Direktor die Schwierigkeiten bei der nächsten Rate erläutern muss. Für die anderen ist es der schreckliche halb-Flur-halb-Hasenkäfig-Verschlag mit den zerkratzten Schalensitzen, wo man Stunde um Stunde auf dem Ausländer- oder Arbeitsamt totschlägt, nur um ein neues, noch sinnloseres Formular zu erhalten. Das Wartezimmer der Angst, in dem die Herzen wegen des Kredits bis zum Hals schlagen oder angesichts der anatomischen Schaubilder die Sorge wegen des Knotens einem die Kehle schnürt, … der Vorhof der Angst, in dem man auf das Bewerbungsgespräch oder auf die Entscheidung des Gerichtes wartet, … die vielen gekachelten Flure und öde beleuchteten, stummen Menschenschlangen vor den gefürchteten Grenzschaltern in der Friedrichstr., in Marien-born/Helmstedt, in Herleshausen und Lauenburg, wenn sich früher Glaubens- und andere Geschwister innerhalb Deutschlands besuchen wollten, … alle diese beklemmenden Niemandsländer und adrenalingefluteten Schweigestreifen vor dem Sitz des panisch Erschreckenden gehören zum Leben.

Wer Mensch ist, kennt auch die Angst.  ——

Der erste richtige Angstort meiner Erinnerung war ein reines Theatermöbel, … eine schwarz gebeizte, steife, grotesk geschnitzte Bank im nachgeahmten Tudor-Stil, auf deren figürlichen Sitzflächen kein Kind angemessen Platz fand, weil der Corpus der Banktruhe so hoch war, dass man keinen Boden mehr unter den Füßen und im Rücken das kantige Relief der Schnitzereien hatte, wenn man auf diesem Möbel zu sitzen kam. … Das Unangenehme daran war berechnet. Denn die quälende Bank war der erste Teil der schulisch möglichen Höchststrafe. Sie stand in der zentralen Halle meiner englischen Grundschule, über die lange Korridore in zwei Richtungen verliefen und sie bezeichnete das Banngebiet des Rektorenzimmers. Ein Schüler, dem auf dieser Bank sein Ort angewiesen wurde, saß lange und versteinert und öffentlich darauf und war dabei zur Abschreckung aller Betrachter unausweichlich dem Schrecken des Kommenden geweiht: Er hatte die Hand und den Rohrstock seiner Lehrer bereits hinter sich; nun blühte ihm eine Behandlung mit dem als Striemen eingesetzten Gürtel unseres Rektors, Gordon Ross, der ein lustiger, umgänglicher Bedarfs-Choleriker war. Er verdrosch für das edle Ziel der Disziplin. Die Neo-Tudor-Bank, dieser Pranger vor seiner Tür war ein Mittel der Kultivierung, eine Erinnerung an die Zivilisation. Eine erzieherische kleine Folterübung für die Nerven nervender Kinder. Als leerer Schauort der Angstschauer sollte die Bank uns Schüler schließlich auch wenn sie unbesetzt war bange machen und so zum Erwachsenwerden helfen: Sind Erwachsene doch jene Menschen, deren Leben am meisten von der Furcht bestimmt wird, weil sie alles tun – Kraft trainieren, Selbstsicherheit vortäuschen, Reichtum anhäufen –, nur um die Angst loszuwerden, die sie als Kinder kannten und am Ende wieder befürchten. Während Kinder nämlich schlicht dort Angst haben, wo Angst zu haben ist, leiden vermeintlich Erwachsene an einer unterschwellig ständig peinigenden Angst vor der Angst, die sie am liebsten nicht wahrhätten.

… Und das ist die Steigerung. Denn eigentlich bedeutet es Furcht vor dem Leben, zu dem die Angst gehört wie der Winter und die Nacht und der Schmerz.

Wer wirklich leben will, darf die Angst nicht fürchten, existiert er doch sonst in Täuschung und Lüge, weil alles, was wir auf Erden lieben und sind, unter der Bestimmung steht, von der wir heute in der 1.Lesung (1.Mose 3,19) hörten: „Du bist Staub und sollst wieder zu Staub werden.“

Mit der Endlichkeit und dem Tod müsste man also angstfrei leben können, wenn man nicht ständig aussichtlos verleugnen will, was sicher ist.

… Aber man müsste es eben wie die Kinder können, die so selbstvergessen frei und frech sein können, dass die Angstbank sie nicht beeinträchtigt, bis sie nicht auf ihr sitzen. … Während Erwachsene davon beherrscht werden: „Niemals will ich in die Situation kommen, die zum Fürchten wäre“, leben Kinder im glücklichen Bewusstsein: „Gewiss kann man dahin kommen, – aber jetzt bin ich woanders!“

Ist das aber eine Haltung für die Passionszeit? … Diese Meditationszeit der Todesleiden, in die uns am heutigen Invokavit-Sonntag gleich die beiden biblischen Lesungen vom Fall der Menschen und von Satans Jesus-Prüfung[i] mit ganzer Wucht und Schwere eingeführt haben, so dass alle bitteren Bilder und Tatsachen– Sünde, Tod und Teufel – sofort beisammen wären?!

Kann man zu Beginn dieser ernsten Wochen wirklich von einer kindlichen Unbefangenheit vor den Schlägen des Schicksals und den Gesetzen der tödlichen Sündenwirklichkeit reden?

Müsste man nicht vielmehr den Erwachsenen, denen Todesfurcht und Gottesfurcht und beinah jede Ehrfurcht so peinlich sind, angesichts der Leiden Christi absichtlich Angst einjagen?

Müsste man nicht ausziehen, um in vierzig Tagen nun bewusst das Fürchten zu lernen? …….Nein!

Die Passionszeit predigt uns das glatte Gegenteil. Sie führt nicht in die Verzweiflung, sondern aus ihr hinaus. Sie schleudert uns nicht in die Hölle, sondern sie will uns vom Gericht befreien. Die Passionszeit verstärkt nicht das Heulen und Zähneklappern, sondern sie tröstet und rettet uns. ———

Um das nicht nur als theologisch richtigen Satz, sondern als wirkliche Richtung unserer Lebenswege zu verstehen, muss ich noch einmal zurück in meine englische Grundschule, die als das Waisenhaus der mächtig wachsenden Stadt Liverpool in den Zeiten der Cholera gegründet worden war[ii].

Sie bestand nämlich nicht nur aus dem langgestreckten Gebäudeteil, in dem sich den Korridor entlang Klassenzimmer an Klassenzimmer reihte, sondern genau an der Mitte dieser Längsachse gab es einen Vorbauflügel, an dem ein breites Hauptportal zwischen Aula und Speisesaal in das Gebäude führte. Das war der Weg der Erwachsenen; wir Kinder mussten den großen alten Kasten durch Nebeneingänge an den äußeren Enden betreten.

Wenn es ausnahmsweise aber doch erlaubt wurde, dass wir die zentrale Flügeltür nutzten, sprach die Schule eine ganz veränderte Sprache. Zwar war durch das offene Portal und den Gang dahinter auch sofort der Mittelpunkt der ganzen Institution auf dem langen Korridor zu erblicken: Die Angstbank. … Doch über dem Portal war ein Relief angebracht, das diesen Blick in eine völlig neue Perspektive rückte: In weißem Stein war da ein Kind zu sehen, ein lachendes Kind, das seinerseits von jungen Tieren und Menschen umgeben war und beide Arme ausbreitete. Und wenn man so unter der Willkommens- und Freundschaftsgeste des Christuskindes in das Innere schaute, war die Bank eine andere. … Noch immer kein Platz, an dem man gerne gesessen hätte, aber doch eindeutig kein Ort der Verlassenheit und des Ausgestoßenseins mehr. Das Kind über dem Eingang  winkte ja unzweifelhaft jedem als sein Begleiter: Rechts in die täglichen Andachten, links zum Essen … und geradeaus – wenn’s sein musste – auf die Angstbank.

Mehr nicht.

… Aber darin alles.

In dieser trivialen Schulerinnerung ist nämlich die eigentliche Botschaft des Hebräerbriefs enthalten, der uns sagt, dass Christus unser – oft sagen wir „Leidensgenosse“, aber genauso gut könnten wir sagen – unser „Klassenkamerad“ in der Schule des Menschseins ist, in den Proben und Prüfungen, die jeden erwarten und die alle bestehen müssen.

„Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir“, das heißt dass die Höhe und Tiefe, die Oberfläche und die Schwere, die Flüchtigkeit und der Ernst unserer sämtlichen Erfahrungsmöglichkeiten auch Christus vertraut geworden sind.

Kein Erleben, keine Reaktion, kein Instinkt eines Menschen sind für Christus, unseren Botschafter in Gottes Gegenwart nur eine Sache des Hörensagens oder bloßer Ahnung. Er hat von Geburt an die ganze Breite der irdischen Wirklichkeit kennengelernt und ihre ganze Härte abbekommen. Hunger und Durst, Erschöpfung und Traurigkeit, Verlegenheit und Beschämung, Ratlosigkeit und Gefährdung, Krankheit und Ohnmacht, Verletzung und Sterben und wie die angsterregenden Begleiterscheinungen des Leben auch heißen mögen: Jesus Christus hat sie alle am eigenen Leib kennengelernt und durchlaufen, hat ihre Wirkung und ihre Spuren körperlich und seelisch ertragen, und hier und heute nimmt er an ihnen so unmittelbar teil, wie einst bei seiner Versuchung (vgl. Matth.4,1-11).

Wenn irgendwo ein Mensch leidet, wenn irgendwo einer in der Presse der Trübsal, im Kreuzfeuer der Anfechtung, in der Herz und Nieren durchbohrenden Ausquetschung von Leib- und Seelenkräften unter Krisendruck stöhnt, … dann ist derjenige stets dabei, der uns vor der Tür unseres Lebens in Empfang nimmt und alle Stationen unseres Daseins mit uns durchläuft und noch auf der Angstbank unser Los teilt.

Dieser Hohepriester – und das heißt nichts anderes als: Dieser, der unser Schicksal zu seinem Schicksal macht – … der hat bei seiner Versuchung gezeigt, wo er seinen Ort sieht: Nicht auf den Flügeln der Schutzengel, nicht im Labor der Zauberlehrlinge, nicht auf den Posten der angemaßten Weltbeherrscher, … überhaupt nicht bei denen, die unverletzbar, unerreichbar über den gemeinen Grausamkeiten der Sterblichkeit existieren, sondern in der Wüste der Hungrigen, an der Seite aller, die Höhenangst haben, in der Mitte derer, die nichts von dieser Erde besitzen, denen außer ihrer Seele nichts auf der Welt gehört.

Er ist ihr Klassenkamerad, … im schulischen wie im gesellschaftlichen Sinn: Nicht erhoben, nicht entrückt, nicht verschont. Er lernt zu leiden, wie sie; er ist bescheiden wie sie. Er ist das Kind Gottes, das auch die Erwachsenen alle durch alles begleiten will!

Und darum ist seine Passion, sein Leiden-Lern-Weg so allesentscheidend für die Menschheit, und darum müssen wir in der evangelischen Kirche leidenschaftlich Acht geben, dass diejenigen, die immer unangefochtener behaupten, die Kreuz- und Wundentheologie der Tradition und die Passionsfrömmigkeit seien überholt und überflüssig, nicht unwidersprochen bleiben.

Wenn es nämlich bald allgemein übernommen wird, dass Jesu Leiden ein Unfall, ein unbeabsichtigter politischer Justizskandal war und dass es also völlig unsinnig sei, mit Jesu eigenen Worten zu sagen, er habe leiden müssen (vgl. Mk8,31 u.ö.), dann ergibt sich ein furchtbarer Rückschluss: Wenn Jesu Leiden sinnlos war, ungewollt, ein Versehen, … dann ist die reine Sinnlosigkeit das letzte Wort auch über jedes andere Leiden in der Menschheit. … Es ist dann entweder reines Pech oder eigene Schuld, wenn es immer noch so grenzenlose Schmerzen und Schrecken auf Erden gibt. Es herrscht dann entweder blinder Zufall oder erbarmungsloser Individualismus, so dass manche, die es eben nicht besser wissen, können oder wollen, maßlos schlecht und andere aus eigenem Verdienst halt gut dran sind, oder aber es ist alles grundlos, …. aber auf  keinen Fall können die Leiden der Menschen ein Ziel und Ende finden, das durch Jesu Weg bestimmt wäre. …….

Nun ist der christliche Glaube zwar bestimmt nicht die Überzeugung, dass alle Leiden dieser Zeit sinnvoll und gewollt seien, … aber das ist die christliche Gewissheit, dass Jesu Leiden sehr wohl dem göttlichen Willen entspricht und den Sinn hat, dass er leidgeprüft und endlos leidensbereit, jedem, der ihn sucht, erkennt und bittet, in allem Leiden vorangeht und damit den Weg zum Ziel, den Weg zum Leben, den Weg zu Freiheit und Segen in Gottes Gegenwart eröffnet.

Diesen Weg ist Jesus bewusst gegangen und geht ihn solange, bis auch der letzte Mensch durch das Portal gekommen ist und sich unterwegs nach einem umsieht, der ihm zur Seite bleibt und ihn in keiner Prüfung verlässt und auch auf der Angstbank da sein wird, auf der wir sonst so verlassen, so verloren wären. ———

Dass wir einen haben, der die schwerste Prüfung, die letzte Versuchung von Schuld und Tod aus freien Stücken auf sich nahm und der dieses Examen bestand – „Examen“ heißt  im klassischen Latein „das Zünglein an der Waage“[iii] –,  …dass wir einen haben, der sein bestandenes Leiden als Zünglein an unserer Waage einsetzt, der auch uns also durch seine Erfahrung und Prüfung die unsrigen bestehen lässt:

Das ist die Gnadengabe der Passion Jesu.

Es ist der Blick auf’s Letzte im Leben, der auch uns unbefangen machen kann

Wer Jesu Weg ans Kreuz also als bedeutungslosen Irrtum abtut, der verwirft die Gnade, die schon mit dem freundlich einladenden Kind über meiner Schultür über unser aller Leben steht.

Wer Jesus vom Kreuz trennt, der fegt die größte Hoffnung der Welt davon.

Denn der kann nicht sagen – was jedem im Vorhof der Angst so überlebensnotwendig ist, zu hören – „Lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zum Thron der Gnade“, … denn dieser Thron ist das Kreuz.

Es ist der Ort, an dem unser Bestehen hängt.

Es ist der Ort, an dem die Angstbank zum biblischen Gnadenstuhl wird, an dem wir die Gegenwart Gottes selber finden und Barmherzigkeit empfangen zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Das ist das Kreuz, … nur das Kreuz, auf das die sechs Wochen der Passionszeit uns leuchtend und klar hinweisen.

Weil wir denn einen so großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat – und die Hölle und den Tod –, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis!

Amen.



[i] Die Lesung aus 1.Mose 3, 1-19 und das altkirchliche Invokavit-Evangelium Matthäus 4, 1-11 sind von altersher das Proprium dieses Sonntags, der einen ganz besonderen existentiellen Ernst besitzt: Man vergleich dazu z.B. die zu Recht berühmten Invokavitpredigten, die Luther in der Fastenzeit 1522 in Wittenberg hielt, deren erste, vom 9.März 1522 mit den Worten beginnt: „Wir seindt allsampt zu dem tod gefodert / und wirt keyner für den andern sterben. Sonder ein yglicher in eygner person für sich mit dem tod kempffen. In die oren künden wir woll schreyen. Aber ein yeglicher muß für sich selber geschickt sein in d’zeyt des todts / ich würd denn nit bey dir sein / noch du bey mir. Hierjn so muß ein yederman selber die hauptstück so einen Christen belangen / wol wissen und gerüst sein“ (Martin Luther, Acht Sermon gepredigt zu Wittenberg in der Fasten [9.-16.März] 1522 – Dominica Invocauit Sermon., in: Luthers Werke [Bonner Ausgabe], Nachdr. Berlin 1962,  VII. Bd, S. 363).  

[ii] Dieses mächtige, von einem verschwenderischen „green“ umgebene Bauwerk, bekannt als „Salisbury House“, in dem die „Childwall Church of England Primary School“ untergebracht war, musste leider in den 90er Jahren des 20.Jahrhunderts einem funktionalen Neubau weichen.  

[iii] Vgl. K.E. Georges‘ Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, 11.Aufl., Hannover 1962, Bd. I, Sp.2505.

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