5.Sonntag vor der Passionszeit, 03.02.2019, Stadtkirche, 1.Korinther 1, 4-9, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 3.II.2019 - 5.So.vor der Passionszeit                                                                                  

                  1.Korinther 1, 4-9

Liebe Gemeinde!

Ein Richter hat mir in der vergangenen Woche die Grenzen meiner Erkenntnis gewiesen, als er ganz nüchtern, ganz kühl zu meiner Belehrung die – gerechtfertigte – Frage stellte, wie es komme, dass so viele Pfarrer und Pfarrerinnen zu wissen behaupten, was man nicht wissen kann: Wer ein Christ ist unter den Zahlreichen, bei denen die Fragen von Religionswechsel und Taufe und Kirchenzugehörigkeit schicksalhafte Bedeutung gewinnen, weil ein Gerichtsurteil es entweder gelten lässt oder in Zweifel zieht, dass Flüchtlinge tatsächlich aus Überzeugung konvertieren. Der Richter wunderte sich angesichts der Verborgenheit des Gegenstandes über die Hellsicht, mit der Seelsorger allzu häufig hinter Stirnen und in Herzen blicken wollen, um dann den christlichen Glauben eines Menschen unter Eid zu bestätigen. Er seinerseits war bemüht, mich darauf hinweisen, dass ich auf die Frage, ob jemand Christ sei, keinesfalls nur mit „Ja“ antworten müsse, sondern auch „Nein“ sagen könne oder „Ich weiß nicht“.

Recht hatte er.

Weder er noch ich können eine solche Frage beantworten: Ob jemand hier in dieser Kirche, ob einer hier auf dieser Kanzel Christ ist, lässt sich nicht wissen, ist nicht zu erkennen in gerichtsfestem Sinn. Wir können es für andere und uns selbst nur erbitten und hoffen. Aber beweisbar ist es nicht. … Es könnte noch beim Frömmsten, beim Überzeugendsten, beim Gerechtesten anders sein. Und beim Gleichgültigsten, Abweisendesten, Unmoralischsten auch. …….

Genau das aber ist für Christen nicht verwunderlich.

Im Gegenteil: Weil die Botschaft, von der wir leben, die Botschaft einer großen Wende ist – einer vergangenen und gegenwärtigen und auch noch ausstehenden Wendung aller Dinge –, darum können Christen sich über die rätselhafte, manchmal auch schillernd schöne Mehrdeutigkeit, die uns überall und bei allen begegnet, nicht wundern. Klare Schildchen mit dem eindeutigen botanischen Namen dran, lassen sich den Pflanzen in Gottes Garten einfach nicht zuordnen, weil alle Gattungsbegriffe fließen und alle Bäumchen sich wechseln, seit Christus für die Sünder gestorben ist, damit sie durch seinen Tod in ihrem Leben Gerechte würden und durch Seine Gerechtigkeit in ihrem Tod zum Leben durchdringen (vgl. Rö5,8).

Wenn wir demnach in Christi Nähe, im Kreis seiner Gemeinde einen Menschen kennen, … dann kennen wir ihn nicht: Weil Christen in der Umkehr leben und auf die Verwandlung der Welt zu. Ein Ungerechter wird unter dem Einfluss Christi ein Gerechtfertigter; ein Übeltäter wendet sich zum Guten; ein Kranker wird gesund; einem Sterbenden steht der Anfang bevor. Huren können Heilige und bestechliche Betrüger können Evangelisten werden, wie wir es eben im Evangelium des Zöllners Matthäus (21,32) hörten.

Was immer wir von einem Menschen zu wissen meinen, kann durch Christus daher in’s glatte Gegenteil umschlagen.

Die wirkliche christliche Menschenkunde und Weltkenntnis ist also eine tiefe Übung und hohe Kunst darin, nicht das zu sehen, was man sieht, sondern zu suchen, was dahinter verborgen und verheißen ist.

Und darum trauen wir im Licht des Evangeliums keiner Bestandaufnahme, die uns erklärt, wer einer ist und wie die Dinge nun einmal seien. Wir haben zu viel Hintergrund und glauben an zu viel Umkehr und Veränderung, um vor der Ewigkeit schon irgendetwas festlegen oder endgültig benennen zu können. … Schließlich hätte am ersten Passahtag des Jahres 33 auch niemand unter allen Beteiligten wetten mögen, dass ein gewöhnlicher Krimineller, der an jenem Freitag hingerichtet werden sollte, am Abend dieses Tages schon im Paradies sein würde, weil neben ihm der Versöhner starb. ———

Für unseren Vorbehalt also, dass alles anders sein und kommen könnte, wenn man nur weiter oder tiefer sieht, ist nicht zuletzt der Beginn des 1.Korintherbriefes ein sprechendes, wenn auch nicht unbedingt beruhigendes Beispiel.

Auf den ersten Blick sind es herzlich freundliche und erwartbare Worte, mit denen Christen einander grüßen und im Wesentlichen nahe sein können; überraschend wirken sie kaum.

Wenn man aber weiß, dass die Korinther tatsächlich jene Gemeinde sind, bei der die Grundsatzfrage meines juristischen Gegenübers aus dieser Woche wahrhaftig am angebrachtesten war, dann hört man durchaus mehr als briefliche Höflichkeit.

Unter den Getauften von Korinth herrschte Anarchie: Von Anfang an bildeten sich Parteien, die einander die wahre Erkenntnis absprachen und eine virtuose Anti-Moral ausprobierten, die darin bestand, die durch Christus geschenkte Freiheit in allen Spielarten menschlicher Rücksichtslosigkeit zu demonstrieren. Ob unter diesen experimentellen Formen, das Evangelium von der Rechtfertigung der Sünder anzuwenden, überhaupt etwas entstand, das den Namen des „Christlichen“ verdient, darf man tatsächlich fragen. …

… Paulus aber dankt für diesen Haufen radikaler Kräfte! Er dankt für ihre eigenwilligen und kontroversen Lebensentwürfe, bei denen auch haarsträubende Missverständnisse sich zeigten, wenn man z.B. sämtliche sexuellen und kulturellen Tabus über den Haufen warf oder sich auf jede spontane Weise Begeisterungen und Offenbarungen hingab.

… Waren das Christen, für die man die Hand in’s Feuer legen wollte?

… Paulus aber dankt für sie mit dem Zentralbegriff des entstehenden christlichen Gottesdienstes: „Eucharistō“, so beginnt er. … Heiliger, liturgischer Dank für die frivolen und pole-mischen Auswüchse im instabilen Leben der von ihm jüngst gegründeten Gemeinde?! …

Und in aller Doppeldeutigkeit, die darin steckt, haben wir es bei dieser feierlichen Beteuerung nicht nur mit dem apostolischen Sarkasmus zu tun, dessen Paulus extrem fähig war.

Hört man nämlich noch genauer hin, so gilt seine Dankbarkeit ja nicht rhetorisch den zänkischen Korinthern, sondern dem, was ihnen in Jesus Christus gegeben ist: Paulus’ Dankbarkeit gilt der Gnade Gottes und – in ihm, in Jesus Christus! – auch dem, was unter den Christen allzu schnell zu umstrittenen Schlagworten werden sollte …. dem Reichtum an Wort und an Erkenntnis, … an Logos und an Gnosis. Ein Begriff wie „Gnosis“ - Erkenntnis -  sollte bedauerlich bald in der Kirchengeschichte Ketzereien und Häresien ihren Titel geben …, zwischenmenschlich wurde er zu einem der umstrittensten Reizworte. Vor Gott und in Gott aber war und bleibt er ein Dankwort, weil die Wahrheit Gottes eine andere ist, als ihre Beanspruchung und Verwendung unter den Menschen.

Mit dieser anderen, … dieser Gottes-Dimension vor Augen, in der oberflächliche Konflikte eine unerschütterliche Wahrheit doch nicht aufheben, nicht entkräften können, muss man dann aber die freundlichen Worte des Paulus weiterlesen, die zunächst wie ein Wohlwollen heischendes Stilmittel wirkten, in Wirklichkeit aber schon das Tragende unter allem wechselseitigen Angriff und Widerspruch bewiesen haben.

Auch die weiteren Botschaften des Apostels zielen auf einen viel tieferen Ernst als jene Pseudo-Probleme, denen Menschen und darum auch Christenmenschen sich mit Vorliebe widmen: Was in Luthers Übersetzung – irreführenderweise – als die Predigt von Christus begegnet, die den Christen Grundlage zum Warten auf die endgültige Offenbarung ihres Herrn bietet, das bringt in Wirklichkeit zwei ganz andere Worte und Wahrheiten ins Spiel:

Paulus spricht hier von der „Martyria“ – also dem Zeugnis für Christus –, aber auch vom Martyrium, also von der Bezeugung Christi durch das Leiden der Seinen. … Echtes Wort- und Blut- und Lebenszeugnis können tatsächlich die Konsequenz sein, wenn man ihn das Ziel der christlichen Erwartung nennen hört: Im Griechischen ist das die „Apokalypse“.

Und in diesen beiden Worten, die Paulus am Anfang seiner Korrespondenz mit den zweifelhaften Glaubensgeschwistern von Korinth benutzt, packt uns wahrhaftig eine ganz andere, eine ungeahnte Möglichkeit des scheinbar harmlosen Glaubens, aus dem so viele – nicht nur damals – eine Meinungssache, eine subjektive Vorstellung machen, mit der man sich selber bequem identifizieren und andere noch bequemer nieder machen kann.

… Unter allen unseren leichten und seichten Ideen, was Christentum denn nun bedeuten könnte und wie wir es uns am ehesten anschmiegen und nützlich machen möchten, zeichnet sich nun aber plötzlich die harte Kante ab, die dem ganzen angepassten und angemaßten Christsein das schärfste und letzte Profil gibt: Martyrium und Apokalypse – also persönliches und geschichtliches Durchhalten, wenn es gar nicht mehr der Selbstbestätigung und der überlegenen eigenen Seelenruh dient, sich als Christ darzustellen.

… Sind wir dann aber Christen, … werden wir es sein, wenn es wirklich um Leidensbereitschaft und endgültige Entscheidungen und Scheidungen gehen sollte, … um Hingabe aller unserer Sicherheiten, ja um Auflösung der Welt, die wir kennen und als die unsre betrachten?

Werden wir Christen sein? ——

Was hat der Richter nur für eine tief, tief treffende Frage gestellt … auch wenn sich ihr Verdacht nicht in erster Linie gegen die Konvertiten und Neuchristen richtet, über deren Ernsthaftigkeit deutsche Gerichte neuerdings befinden müssen.

Werden wir Christen sein, wenn es nicht mehr einfach nur auf unsere jeweiligen Spielarten und Selbstbilder in Sachen Glaube und Gutdünken ankommt?

Werden wir uns als Christen herausstellen, wenn das nicht mehr nur eine Frage von längst zurückliegender Taufe und etwas befremdlicher, aber immerhin doch auch sinnvoller Kirchensteuer und angestammten Feiertagsgewohnheiten mehr ist, sondern wenn es tatsächlich um Gotteserkenntnis geht, die wir mit unserem ganzen Dasein besiegeln müssten?

Wenn es um Treue zu einer Botschaft von der ewigen Menschenliebe geht, die sich unter den zunehmend verschärften Bedingungen irdischer Unmenschlichkeit nicht mehr kostenlos befürworten lässt?

Werden wir Christen sein, wenn bald tatsächlich unausweichlich klar wird, dass die Jünger des Heilands der Armen die Sünden der reichen Welt nicht mehr teilen und decken und schönreden können, sondern Hungrige speisen und Verlassene schützen und die Anwälte der Rechtlosen und ihrer gerechten Forderungen sein müssen?   

Werden wir also Christen sein, wenn wir einst gemessen werden an den Maßstäben der Lehre, des Lebens und Leidens Jesu?

Werden wir Christen sein, wenn das nicht mehr nur durch Behauptung, sondern – das krude Wortspiel sei mir verziehen – wenn es etwa durch Enthauptung zu klären wäre?

Werden wir Christen sein, wenn wir merken, dass der Glaube an Gott, den Vater Jesu Christi unser Leben nicht komfortabler, sondern angreifbarer, unbeliebter, anstrengender und schutzloser macht?

Werden wir Christen sein, wenn eines Tages das Zeichen unserer Glaubens aufhört, ein Symbol zu sein und wieder – wie am Anfang – eine Wirklichkeit wird, … das Kreuz?! ——

Ist es nicht rätselhaft, dass jeder von uns vor so einfachen und naheliegenden Fragen verstummen muss?!

Denn sie lassen sich nicht beantworten, … jedenfalls nicht theoretisch, ……. und doch sind sie gar nicht theoretisch gestellt. Es ist ja nicht nur die große – seltsam an weltweiter Realität gewinnende – Drohung von Martyrium und Apokalypse, die uns um eine klare Antwort bringt: Jede Krankheit, die uns oder die Unseren trifft, jedes Unglück, das im Nu geschehen kann, … und schließlich sogar der langweilige, zähe Zahn der Zeit, der alles zerreibt, … so viele Ereignisse und Entwicklungen im Leben können unsre Täuschung aufdecken … oder vielmehr die darunterliegende nackte Wahrheit, dass wir gar keine Christen sind, sondern nur glaubten, zu glauben, … nur hofften, zu hoffen, … nur geliebt hätten, geliebt zu sein.

Wenn’s aber drauf ankommt, ist oft von alledem nichts wirklich, sondern fraglich, zweifelhaft, im Nebel von Traurigkeit und Trübsal und Enttäuschung verschwunden.

… Und ob unsere Geschwister in Korinth, die ganz am Anfang so hyperaktiv und feuereifrig auf dem nagelneuen Spielplatz des Glaubens an Jesus Christus herumlärmten und ausprobierten, wie waghalsig man den Himmel stürmen und die Hölle herausfordern kann, wenn der Tod besiegt und die Sünde entmachtet ist, … ob unsere Vorläufer damals die Prüfung bestanden und sich in Anfechtung und Verfolgung, in Verlassenheit und Sterben so vollmundig bewiesen, wie ihre Selbsteinschätzung als Vollkommene es war, … das bleibt fraglich.

Unter den Märtyrern der Alten Kirche begegnen auffallend wenige aus dieser doch besonders hervorgehobenen und lebhaft selbstbewussten Gründung der ersten Generation.

Vielleicht lernten die korinthischen Krakeeler ja irgendwann, dass ihr christlicher Glaube ein in Wirklichkeit auch ihnen verborgenes Geheimnis und keine spektakuläre Ansage mit der großen Glocke sein musste.

… Vielleicht fand es sich gar, dass sie doch nicht so christlich sein konnten, wie sie es von sich im Gegensatz zu allen anderen erklärt hatten. …….

Aber gerade dann, … dann wiegen die letzten Worte in der Briefeinleitung des Paulus am Schwersten: Denn auf das, was wir an uns feststellen können, kommt es nicht an.

Wir glauben ja nicht an unseren Glauben, … wir glauben nicht an uns!

Wir glauben an Gott.

Und von Dem sagt der Apostel nicht nur ausgerechnet den Korinthern, sondern auch jedem, der bei uns an sich, an seinem oder an eines anderen Glauben zweifelt:

„Gott wird euch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig  seid am Tage unseres Herrn Jesu Christi.“

Denn die Antwort auf die erschütternd offene Frage, ob jemand ein Christ sei, … ob ich selber ein Christ sein könne, … die Antwort auf die wichtigste und unlösbarste Frage unseres Lebens lautet weder „Ja“ noch „Nein“ noch „Ich weiß es nicht“, sondern:

„Gott ist treu, durch Den ihr berufen seid zur Gemeinschaft Seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn“!

Darauf können wir uns verlassen.

Für jeden, nach dem man uns fragt.

Für jeden.

… Sogar uns selber!

Amen.

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