Altjahrsabend 2018, Stadtkirche, Hebräer 13,8f, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Altjahrsabend 2018                                                                                                             

                 Hebräer 13,8f

Liebe Gemeinde!

Jetzt sind alle Möglichkeiten von 2018 vorbei. Es kann noch Folgen haben … dieses Jahr, … aber es hat nichts Offenes mehr. Was so oder so, was gut oder übel oder anders hätte sein können, ist nun nur noch … gewesen.

Das macht die Härte der Vergangenheit aus: In sie können wir nicht mehr eingreifen. Sie lässt uns mit gebundenen Händen zurück. Allenfalls ihre Nachwirkung, was aus ihr herausragt, was fortwächst aus ihrem Grab, das können wir im kleinen Spielraum des Heute noch nutzen oder entschärfen, aber die Masse aller Möglichkeiten, die sich boten, ist verloren. Geblieben sind von 2018 viele vertane, viele verwirkte Chancen. Wer Kinder hat oder Kindeskinder oder wer Gottes Kindern in ihrer Mannigfaltigkeit Gutes wünscht, der weiß, dass man an vielen Stellen der vergangenen Monate sich anderes erhofft und von sich selber anderes zu verlangen gehabt hätte, wenn sich denn aus den jetzt verstrichenen Tagen Heilsames für die Tage, die noch kommen werden, hätte ergeben sollen.

……. Jedoch, über den eigenen Tag hinaus, in die Gegenwart Späterer blicken und denken wir selten, … viel, viel zu selten.

Wir kleben allzu sehr an den wenigen Stunden, in denen unser Dasein summt und vor sich hin um den Honigtopf oder den Misthaufen schwirrt, die uns gerade verlocken: Was sein wird, kümmert die Eintagsfliege nicht, die jetzt ihre einzige Beute machen, ihren unruhigen Brauttanz abwickeln, ihr liebloses Gelege zurücklassen und endlich die Klatsche erwarten muss. …

Doch als Insekten sind wir nicht geschaffen.

Unser Geist hat andere Maßstäbe und Horizonte empfangen – so hörten wir doch auch den mehr als skeptischen Prediger Salomo (3,11) bekennen: Gott alles schön gemacht; auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“

Wenn also der Mensch auch nicht ergründen kann, wie Gottes Werk begann und wie es sich fügen wird: Er kann doch mit seiner Suche nach Verstehen und mit seinem Willen zum Richtigen über den Augenblick hinaus in eine Weite greifen, die das eigene Dasein unermesslich übertrifft.

Und darum ist der Mensch ein Wesen, das im Gegensatz zu allen anderen Geschöpfen die Kategorie der Zukunft spürt, kennt und beachten kann.

Durch diese Zukünftigkeit seines Geistes, durch die futuristische Auszeichnung, als einzige Kreatur auch das Noch-nicht-Dagewesene berücksichtigen zu können,  könnte der Mensch also tatsächlich sein Entscheiden und Handeln, seine ganze Lebensweise an den Fragen von morgen, an der Perspektive des Kommenden ausrichten. Er würde damit das eigentliche Wesen der Zeit – nämlich, dass sie Möglichkeiten schafft und bietet – auf angemessene Weise berücksichtigen. Nur so, indem der Mensch das grenzenlose Reich des Möglichen stets vor Augen hätte, würde er seine Berufung ergreifen: Existenz im Angesicht des Potentials der Zukunft … ein Dasein in der Fülle des Potentialis, des Denkbaren, des Wo-Möglichen.

Ist das nicht die Höchste der menschlichen Fähigkeiten?

Frei zu sein für alles? Jede Eventualität, jeden Ruf des Allerneusten, jede Regung der Erstmaligkeit, jede Transformation zum Mehr-als-Modernen zu erfassen und der Zeit immer schon voraus zu sein? Und ist das nicht auch die Signatur unserer Epoche, die zwar so wenig tut, um das Morgen praktisch zu ermöglichen, sich aber am liebsten einbildet, sie sei von nichts als von der Zukunft inspiriert und deren unglaublichen Chancen? ———

……. In der Tat, das mag so sein.

Aber wenn wir uns im Zeitalter der virtuellen Fortschritte, der digitalen Revolution wirklich als zukunftsfähige Leute, als Gesellschaft der Offenheit für das Unbekannte darstellen wollen, dann doch leider so, wie es in einem zeitgenössischen Weihnachtslied aus England heißt, in dem die Herbergssuche des heute anklopfenden Chris-tus die Antwort erhält:

“No, we haven’t got a manger / no, we haven’t got a stable. /

We are Christian men and women / always willing, never able.”[i]

„Nein, wir haben keine Krippe, / sind die Herren keines Stalls. /

Wir sind Christen: Immer willig – / aber fähig keinesfalls“!

Wir mögen das Mögliche mögen, aber wenn es um die Herausforderung geht – und das Risiko –, dass es unter allen Möglichkeiten ja nur eine gibt, die wirklich und historisch werden wird, … wenn es also um die Verwirklichung des vielen Möglichen geht, dann kneifen wir zukunftsfreudigen Jünger der Moderne und bleiben lieber beim Gewohnten: Unsere Technik, unsere Energie, unsere Geschäftsmodelle, unseren Lebensstandard behalten wir am liebsten so wie immer. Lass doch die Zukunft ihre Möglichkeiten begraben und tastet unsere Gegenwart nicht an!

…… “Always willing, never able”. ——

Müssten da dann nicht wir Christen uns als die eigentlichen Verteidiger der Zukunft zeigen? Müssten wir nicht die vielen Predigten und Botschaften und biblischen Merksätze vertreten, die auch ich immer wieder stark mache: Dass der Advent unsere wahre Orientierung zeigt und dass das kommende Reich Gottes und die letzten Dinge – alles, was man die „Eschatologie“, also die gespannte und treue Erwartungshaltung des Glaubens nennt – unsere eigentlichen Anliegen sind?! ———

Doch immer, wenn man meint, man wüsste haargenau, was nun die christliche Haltung sein wird, kommt eine handfeste Überraschung!

Ohne Zweifel ist das Christentum die Botschaft von der größten Hoffnung der Welt und ebenso zweifelsohne nimmt es uns tatsächlich hier und heute in Verantwortung auch für Menschen und Dinge, die wir nicht sehen und nicht selbst verschulden können, für die wir aber als Gemeinschaft vor Gott doch geradestehen werden. … Natürlich muss es uns Christen daher umtreiben, wenn die Zukunft des Menschengeschlechtes und der Schöpfung kaltblütig auf’s Spiel gesetzt wird und alle tragenden Säulen der Gegenwart beschädigt und zum Wanken gebracht werden.

Und dennoch: Gerade jetzt, wenn man Alarm schlagen, wenn man zum Unheilspropheten, zum Zeichendeuter und Künder schrecklicher Ahnungen und Omina werden könnte, die das Schwarzmalen zum hellsichtigsten Blick machen, … gerade jetzt, wenn man meint, nun sei die Sache klar und die Botschaft endgültig finster, kommt aus dem Herzen der Bibel und des Glaubens ein Schelm – es ist der Heilige Geist! – und alles wird ganz licht und einfach: „Zukunft? – Ist das denn wirklich eure Sache?“ … „Zukunft? – Was müsst ihr da noch lange fragen?“ … „Zukunft? – Hört doch mal auf zu flattern!“, sagt der Heilige Geist, der selbst ja die Beweglichkeit Gottes ist. „Hört auf zu flattern. Denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde!

Und dann wird alles plötzlich ruhig, wenn der zutiefst gelassene Geist und die hell aufgeregte Braut – das sind wir, die Kirche (vgl. Offb.22,17) ein Herz und eine Seele werden.

Zukunft als das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten ist tatsächlich keine christliche Sorge.

Im Gegenteil – und nicht zu verwechseln mit der herrlichen Erwartung der christlichen Eschatologie! –, … im Gegenteil: Das Christentum ist eine Immunisierung gegen die agitierenden, aber (wir sahen es ja eben) gleichzeitig auch lähmenden Reize des als künftig Denk-und Fürchtbaren.

Die Botschaft, die der Glaube der aufreizenden Unklarheit, der chaotischen Fluktuation und panisch flirrenden Unschärfe möglicher Zukunftsbilder entgegenhält, ist die radikale Bergpredigtweisung (Matth.6,34): „Sorgt nicht für morgen!“

„Sorgt einfach nicht!“: Das ist die Stimme unseres Herrn. Das ist seine Stimme in einer vor Morgen-Sorgen umgetriebenen Zeit.

Er dagegen weiß es ganz nüchtern: „Der morgige Tag wird für das Seine sorgen!“

Und in dieser schlichten Wahrheit wird zwar nicht die Ordnung der zerfahrenden und sich aufheizenden und zerrissenen und gespaltenen Welt wieder hergestellt, aber in alle von Klima, Krieg, Korruption und Klonen verdüsterten Ausblicke fällt der Strahl der Vernunft, der uns zeigt: Von den sich potenzierenden potentiellen Katastrophen- oder Wunderszenarien wird die Zukunft wahrhaftig nicht alle mit sich bringen. … Im Gegenteil: Nur eine einzige unter allen denkbaren Ent- und Verwicklungen wird sich tatsächlich auch einstellen. Nur eine einzige Wendung wird die Geschichte nehmen. Nur ein Ergebnis werden die tausend verworrenen und doch auch miteinander kommunizierenden Komplexe aller Möglichkeiten zeitigen. … Und wir zerbrechen uns den Kopf über sie alle. …….

Damit ist nicht der Verantwortungslosigkeit das Wort geredet.

Aber der große Ruf Christi zur Sorgenfreiheit im Glauben darf nicht ungehört unter allen Entspannungs-, Entschleunigungs- und Zentrierungsangeboten der Menschen verhallen.

Es ist und bleibt die für uns im sinnlos kreißenden, nur Wind gebärenden Abendland (vgl.Jes.26,18) ungewohnte, heute bloß noch als Exotik des Fernen Ostens empfundene Herausforderung Christi, alle unsere klugen und ängstlichen Voraussichten und Befürchtungen zu befrieden, den gegenwärtigen Augenblick als die Präsenz Gottes, als Begegnung mit Seiner Gnade und Übung unseres Vertrauens anzunehmen und darüber hinaus weder die Phantasie noch die Gier immer schon die Pleiten oder Zinsen unserer bevorstehenden Handlungen ausmalen zu lassen.

„Lebt nicht im Reich der Möglichkeiten, sondern in der Gegenwart des Wirklichen!“, rät Jesus Christus uns also heute.

Und da entfaltet sich plötzlich jenes wunderbar tragende, unerschütterliche Wort aus dem Hebräerbrief, das ich mir auf meinem Grab wünsche, weil es über meinem Leben steht.

 

JESUSCHRISTUSGESTERNUNDHEUTEUNDDERSELBEAUCHINEWIGKEIT.

 

Und in diesem Satz der größten Ruhe – einem Satz ohne Verb, ohne Tu-Wort – fehlt auch noch das andere Beunruhigungs-Wort, das uns winkt und peinigt am Altjahrsabend und immer wieder in den aufwühlenden, endlosen, aggressiven Anstrengungen unserer Alltags-Arbeit: „Morgen“ fehlt.

Jesus Christus – der Ursprung und das Ziel der Zeit – unterliegt nicht dem Erwartungsdruck und nicht der Hoffnungsillusion, die sich für uns in’s „morgen“ drängt.

Jesus Christus war da und ist da und bleibt für immer. In ihm – um Mörike[ii] abzuwandeln – … in ihm hat’s begonnen, der Monde und Sonnen entstehen sah und Anfang und Ende sind ihm in die Hände für immer gelegt:

Und eben darum ist das kurzfristige und atemlose „Morgen! Was wird morgen sein? Morgen wollen wir’s besorgen! Morgen, Kinder, wird’s was geben …“ bei ihm kein eigenständiger Zeitabschnitt.

… Jesus Christus ist so unveränderlich die Verheißung und des Siegel der Menschenliebe und der Weltvollendung Gottes, dass es müßig wäre, seine Zuverlässigkeit, seine Nähe und Hilfe als Glücksanhänger wie bei einem treffende sogenannten „Bettelarmband“ in die kleinen Ketten unserer aneinandergefädelten Tage zu knüpfen: Er ist ja immer – Tag für Tag, Stunde um Stunde, bei jedem Atemzug, im tiefsten vorweltlichen Schweigen und nach der alles verwandelnden Nanosekunde der letzten Posaune – derselbe. Er ist die allgegenwärtige Liebe des Vaters, er ist die tat-sächliche Erlösung der Menschheit von Innen heraus, er ist die Gabe des Geistes aus der Höhe: Er ist das!

Ihn darum auch als den Garanten von morgen, als die Erwartung für ein neues Jahr, als die Ermöglichung der Zukunft zu bezeichnen, wäre eine überflüssige, ja eine paradoxe Verniedlichung: … Als könne man die Wirklichkeit sich spaßeshalber auch als eine Möglichkeit vorstellen.

Denn nicht das ist heute unser Trost, dass Jesus Christus auch morgen da sein wird, sondern unsere Gewissheit ist, dass es eben auch ein morgen geben wird, weil Jesus Christus ist und war und derselbe bleibt.

Und so schauen wir am letzten Abend dieses Jahres nicht in das neblige Reich aller möglichen Morgen, sondern in die beständige Tatsache und Wahrheit, dass Gott die Welt geschaffen hat, erhalten und vollenden wird durch Seinen Sohn, den Eckstein, das Leben, die Auferstehung.

Wenn darum der große Karl Barth, dessen Tod sich vor drei Wochen zum 50.Mal jährte und dessen epochemachender Römerbriefkommentar 1919 erschien – weshalb die EKD das bald anbrechende Jahr zum Karl-Barth-Jahr erklärt hat – … wenn also Karl Barth (wie andere Fromme vor ihm und nach ihm) fordert, auf den Tisch des Theologen gehörten aufgeschlagen nebeneinander stets die Bibel und die Zeitung, dann können wir doch nicht umhin, deren Verschiedenheit zu bedenken:

Was in den Zeitungen von 2019 stehen könnte, welche Wege die Welt wählen wird, welchen Segen sie verwirklichen und welche Gebote und Gelegenheiten sie verfehlen wird – und wir mit ihr! –, das wissen wir noch nicht. Das ist die Sorge von morgen.

Aber dass der eine Jesus Christus schon über jeder Seite des Kalenders feststeht  und dass er in jeder Stunde der Zukunft da sein und die Welt tragen wird, das ist bereits heute für uns unzweifelhaft.

Es ist die große Gnade eines festen Herzens.

Es ist das Fundament aller Wirklichkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Es macht alles möglich.

Und darum sind wir von Herzen willig und bereit, ihm forthin zu leben (vgl. Frage 1 des Heidelberger Katechismus – EG 856): Jesus Christus, der gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit ist.

Amen.



[i] “Standing in the rain” von Sydney Carter – No.400 in: Hymns Ancient & Modern (Standard edition, 1993)

[ii] Nach Mörikes „Zum neuen Jahr – Kirchengesang“ („Wie heimlicher Weise…“), in: Eduard Mörike, Werke in einem Band, hg.v. H.G.Göpfert, München Wien, 1977, S.117.

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