1.Christtag 2018, Johannes 1, 1-4.9-14, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Christtag 2018                                                                                                                 

             Johannes 1, 1-5.9-14

Liebe Gemeinde!

Warum ich unter allen Weihnachtgeschenken der Erde vor allen andern tatsächlich immer wieder den Glauben an Jesus Christus, den Menschgewordenen wählen würde, hat einen einfachen Grund: Jedes andere Geschenk und viel anderer Glaube fällt unter die Kategorien des Seins und des Habens.

Einen geschenkten Gegenstand  z.B. besitzt der Beschenkte seit gestern Abend: Ausgepackt, angeeignet ist das Geschenk jetzt in sein Eigentum übergegangen. Gabe ist jetzt Habe. Dieser uns ganz vertraute Vorgang bedeutet eigentlich keine Entwicklung, sondern eine äußerliche Abwicklung: Was deins gewesen ist, ist jetzt meins.

Geändert hat sich wirklich nur ein juristischer Tatbestand. Geschehen ist nichts.

Ähnlich funktioniert in vielen Fällen auch das Geschäft des Glaubens.

Nach grobem Verständnis werden durch  Glauben Tatsachen vermittelt, die dem praktischen Anfassen oder dem vernünftigen Nachhalten sonst nicht zugänglich wären. Glaube setzt mich demnach in den Stand korrekten Zugriffs auf Unsichtbares, auf Geistiges, … Glaube setzt mich also z.B. in den Stand, auf die Wahrheit zuzugreifen. —

Wenn man noch mehr vergröbern wollte, könnte man sagen, dass dieses Verständnis der Glaubenserkenntnis das Grundmodell des Islams und seines Erfolges ist. Islamischer Glaube vermittelt, was stimmt. Islamischer Glaube vermittelt, wer Gott ist, was er will und was für den Menschen folglich das Richtige und das Verkehrte ist. Wer solchem Glauben beitritt, ändert seinen Kenntnisstand oder gibt den Tatsachen, die er vorher nicht anerkannte, seine Zustimmung. Jetzt hat der gläubige Muslim von Rechts wegen Teil am Recht.

Veränderung an sich findet dabei weder im Glaubenden noch im Geglaubten statt: Die theologischen und moralischen Fakten und Wahrheiten sind gegeben, und wer glaubt, bestätigt, dass sie es sind. ——

Ein so starres System ist nun gewiss nicht biblisch und entspricht auch nicht dem Gott des Alten und des Neuen Testamentes.

Denn eines der lebendigen Wunder der Bibel im Gegensatz zum Vollkommenheitsanspruch des Qor’an ist ihre Widersprüchlichkeit und eine Offenheit, die noch und noch von Verheißung zur Erfüllung und von Verwerfung zu Versöhnung drängt.

Das Wort, die Botschaft der Bibel gibt keine Gleichungen vor, die durchgerechnet sind und damit stimmen, so dass man sie ein für allemal unveränderlich nachprüfen könnte.

… Im Gegenteil: Die biblischen Gleichungen und Wahrheiten gehen nie einfach auf. Dazu sind sie viel zu realitätsreich. Sie enthalten so viel von der lebendigen Spannung, die in Liebe und Abwendung zwischen dieser Welt und ihrem Schöpfer besteht, dass keine idiotensichere Formel, kein toter Lehrsatz daraus werden kann.

Oft zeigt die biblische Offenbarung uns sogar zwei unversöhnliche Ansichten, die dennoch gemeinsam Wahres bezeichnen: Der Mensch ist geliebt und gerichtsreif; die Schöpfung ist wundervoll und todverfallen; Israel ist heilig und halsstarrig; Gott ist unfehlbar gerecht und unfassbar barmherzig; die Welt taumelt auf eine Apokalypse zu und zugleich wächst das Friedensreich Gottes in ihr heran. …….

Im Gegensatz zum eindeutigen Islam ist daher das Glaubensverständnis des Judentums eine Wunderwerkstatt der Vieldeutigkeit und Phantasie. Nichts Starres ergibt sich, wenn die jüdischen Frommen und Weisen in der Bibel forschen und ihrer verschwenderischen Lebendigkeit nachspüren, sondern eine stete Verflüssigung allzu festgeronnener Dogmen, um immer wieder neu dem Geist und der Zukunft Gottes Raum zu geben und Folge zu leisten und dem Herrn der unendlichen Möglichkeiten gerade darin treu zu sein, dass man Sein Wort nicht in einer Deutung erschöpft, sondern zahllose zulässt. ——

Doch an Weihnachten ist etwas geschehen, das von Gottes Seite sogar noch über diese Freiheit des Glaubens hinausgeht – und über die Festlegungen, die Menschen immer wieder versuchen, erst recht.

An Weihnachten ist Gott in’s Werden gekommen.

Das heißt, dass es nicht mehr bei den alten Feststellungen und Festschreibungen bleiben kann, wer und wie Gott ist, und dass auch die Bereitschaft für Gottes endlose Möglichkeiten nicht mehr das letzte Wort sein wird.

…  An Weihnachten ist aus dem Sein und Können, aus der Existenz und Potenz Gottes eine wahrhaftige Entwicklung, tatsächlich eine Erweiterung geworden.

Gewiss: Gott hat sich nicht verändert. Aber indem er Mensch wurde, hat Er der Wandlungsfähigkeit, die seine Schöpfung auszeichnet – eine Schöpfung, in der sich Wachstum und Verfall ereignen –, den Makel des Unsteten und Instabilen genommen. …. Dass Gott selber zu solchen Wechseln, dass Er zur Teilnahme am Spiel von Zeit und Bewegung bereit war, ist eine Begnadigung, ja eine Rechtfertigung dessen, was sich bei uns Menschen tatsächlich nicht gleich bleibt, sondern verändert.

Und das ist das ungeheure, das im Wortsinne unendliche Weihnachtsgeschenk, das die Menschwerdung Jesu Christi bedeutet und ohne das zu leben unvorstellbar wäre. Dieses Geschenk bedeutet ja, dass unsere Entwicklungen, unsere Veränderungen und Verwandlungen keine Brüche mit Gott sind, weil Gott seit Weihnachten nicht mehr statisch über allem, sondern am Lauf des Lebens  selbst beteiligt ist.

Weihnachten schenkt uns den Glauben an und das Recht auf das Werden! ——

Als der Evangelist Johannes – den die Ostkirche immer nur mit auf den Mund gelegten Fingern abbildet, … schweigend, sprachlos – … als dieser Evangelist Johannes sein staunendes Schweigen vor der Offenbarung brach, da hatte sich ein unglaublicher Satz in ihm gesammelt.

Der Satz, der niemals aufhören wird zu klingen wie ein noch-nie-dagewesener, abenteuerlicher Versuch, etwas zu sagen, für das alle Sprachen zu ungeschmeidig sind:

„Das Wort wurde Fleisch.“

Dieser eine Satz, der äonenlang undenkbar gewesen wäre und der plötzlich eine unendliche Epoche des Staunens und des geistigen und praktischen Nachvollzugs und der Anbetung dieses Mysteriums des Werdens in der Gottheit selbst eröffnet hat, … dieser eine Satz ist das christliche Schicksal geworden.

Dass Gott selber Sich bewegt, … dass Er werden kann, was Er zuvor – jedenfalls als Mensch – nicht war, … dass aber diese Entwicklungsbereitschaft, diese Wandlungsgnade in Ihm selber angelegt ist, … dass Gott Sich einfach öffnen und in Schwäche und Demut begeben kann, … dass sogar Leid und Schmerz und Sterben nicht unter Seiner unberührbaren Würde sind, sondern dass Er bis so tief hinein in unser Elend sich selbst und uns treu bleiben kann … diese maßlose Überraschung, dass Gott sich aus Liebe frei entfalten kann wie wir, ist das Herz unseres Glaubens – und es beginnt an Weihnachten zu schlagen.

Und tatsächlich ist solche Wandlungsgnade, tatsächlich ist dieses Wunder der auf uns zugehenden, ja in unsere Mitte, in unser Wesen eingehenden Gegenwart Gottes das wesentliche Merkmal des Christentums geworden.

Christentum ist Bereitschaft für den Wandel und Erfahrung mit der Veränderung.

Im Christentum beginnt mit der Fleischwerdung des Wortes ein Tanz der Tatsachen!

Das zeigt sich gerade auch auf dem vernachlässigten Feld der Sakramente:  

Geist begegnet im Wasser, Wasser wird Wein, Wein wird Blut, Brot wird Fleisch, … Fleisch, das das Wort wurde, … Fleisch, das den Geist schenkt, der im Wasser begegnet: Verwandlung in allen für die übrige Welt ordinären, nichtssagenden Bausteinen des Lebens.  

Es zeigt sich aber ebenso bei den Bestimmungen und Verhältnissen der Wirklichkeit in christlicher Erfahrung: Ein Toter wird auferweckt, eine Jungfrau wird Mutter, ein Blinder wird sehend, Heiden werden Kinder Gottes, Sünder werden gerecht, Menschen werden … … … …

Ja, … was können Menschen werden, seit Weihnachten wurde, seit das Wort das Werden annahm?

Da ist dem Evangelisten Johannes neben dem großen Satz vom Geheimnis des göttlichen Werdens ein nicht minder wunderbarer Satz über die menschliche Werde-Wirklichkeit aufgegangen:

„Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen die an seinen Namen glauben.“

Das ist ein Satz, der außerhalb des Christentums allenfalls bildlich zulässig ist, aber seit Weihnachten eine Qualität gewonnen hat, die staunenswert bleibt.

Die Möglichkeit, die er uns zeigt, ist nicht biologisch zu verstehen, sie betrifft nicht unsere leibliche Natur.

… Aber das Gottes-Kinder-Werden begegnet in der Werde-Meditation des Johannes noch vor der Fleischwerdung des Wortes: Es ist also nicht nur eine symbolische Redewendung, die eine geistige Wirkung, einen inneren Nachhall der tatsächlichen Geburt Jesu in den Gläubigen beschreibt, sondern es bezeichnet tatsächlich ein vorgeordnetes Ziel des Weihnachtswunders. Damit diese Entwicklung möglich würde – so muss man schließen –, ging Gott den neuen Weg, den unerhörten Weg vom Geistigen in die Materie, in das konkret Stoffliche.

Um aus Menschen – den vielseitigen, den anpassungsfähigen, aber auch eigensinnigen Künstlern der Evolution (um einmal ein wahrhaftig naheliegendes Wort zu benutzen) – diejenigen zu machen, die wirklich Ihm ähneln, die wirklich Ihm entsprechen, die Ihm wirklich wesentlich verbunden sein würden: Darum hat Gott den Weg der Einleibung, der Verwirklichung, der Realisierung Seiner selbst in der Menschheit gewählt.

Das Fleischwerden Gottes in Jesus Christus dient dem Ziel der Verwirklichung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes.

Damit Er der Vater aller werden könnte, die an Ihn glauben, wurde Gott … Sohn.

Was Gott demnach an Weihnachten zu werden bereit war, will also unsere Entwicklung freisetzen, will uns bereit machen, wie Er nicht festzuhalten an dem, was wir sind und haben, sondern Gott ähnlich zu werden in den Möglichkeiten des Neubeginns, des Aufgebens, des Anderswerdens und Andersmachens. ———

Wenn also wirklich das schönste aller Weihnachtsgeschenke die geglaubte Menschwerdung ist, dann ist es auch das folgenreichste aller Geschenke, weil es uns nicht mit etwas ausstattet, das wir schnell und einfach haben könnten, sondern uns eine Veränderung, eine Hoffnung, eine Aussicht auf große Wandlungen zumutet.

Doch gerade in dieser weiten Wirkung – dass Weihnachten uns nichts für uns schon Fertiges schenkt, sondern erst auf eine fortwährende Verwandlung und Annäherung an Gott verweist – … gerade in dieser langen, weiten Fortwirkung ist Weihnachten eine unendliche Befreiung:

Nichts muss bleiben, bloß weil es einst war, jetzt ist oder als unabänderlich gilt. Alles kann sich wandeln und wechseln; wir können wachsen und werden, was bisher unvorstellbar schien.

Wir können hoffen, dass die paralysierte und zementierte Lage unserer Menschheit sich ändern lässt, die zwischen großartig erfinderischen Möglichkeiten und tödlich verstrickter Selbstbezogenheit keine Entscheidung treffen kann.

Wir sollen – seit wir von Gottes wundervollem Sich-Einlassen auf die Welt wissen – glauben und bezeugen und bewirken, dass nichts und niemand in der Welt rettungslos ist und noch die urältesten Gewohnheiten, die am wenigsten hinterfragten Gesetzmäßigkeiten hier kein ewiges Verhängnis darstellen und dass sich ändern kann und muss, was dem Leben der Welt und Menschen Gottes schadet und dass siegen soll und wird, was der Gerechtigkeit und der Liebe dient.

Wir haben seit Weihnachten also wirklich eine neue Welt, in der eine neue Wirklichkeit des einen Gottes sich entfaltet: Der Segen des Anders-Werdens.

Sein weihnachtliches Fleischwerden.

Sein sakramentales Übersetzen von einem Stoff in den anderen.

Unser ethisches und praktisches Heilwerden durch Umkehr und Neuanfang.

Endlich auch das österliche Weltwunder, das die Todeswirklichkeit sprengt und überall ewiges Leben werden lässt.

Das alles ist das vollkommene Weihnachtsgeschenk in dem einen unendlichen Satz:

„Das Wort ward Fleisch“!——

Und wir sehen seine Herrlichkeit.

Amen.

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