1. Advent, 02.12.2018, Mutterhauskirche, Mar 11, 1-10, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

die Evangelien weisen - im wahrsten Wortsinn - dem Esel eine tragende Rolle zu. Alle vier Evangelisten überliefern, dass Jesus auf einem Esel ritt, als er das letzte Mal nach Jerusalem kam. Ein Esel musste es sein - kein Pferd, kein Kamel - und das nicht von ungefähr. Warum sollte dieses Tier also nicht einmal im Mittelpunkt eines Adventsgottesdienstes stehen?

Bis heute werden im Nahen Osten Esel als Reit- und vor allem als Lasttiere eingesetzt. Manchmal so hoch bepackt, dass von dem Tier selbst nur die Beine zu sehen sind. Das war vor zwei- bis dreitausend Jahren noch mehr der Fall. Damals und heute: nicht ein PS, sondern ein ES, eine Esels-Stärke für den kleinen Mann.

Das wird auch an manchen Stellen in der hebräischen Bibel deutlich. So erzählt das 4.Kapitel des 2.Mosebuches, wie Mose von Gott nach Ägypten geschickt wird, um seine Landsleute in die Freiheit zu führen. Seine Frau und seine Söhne nimmt er mit und setzt sie - auf einen Esel. Der Befreier kommt nicht auf hohem Ross!

Zu Beginn des 1.Königsbuches wird eine andere Episode erzählt. Es geht um die Nachfolge König Davids. Der älteste seiner überlebenden Söhne, Adonia, fühlt sich schon als kommender Herrscher. Deshalb schafft er sich Wagen und Pferde an, denen bei Ausfahrten 50 Männer vorauslaufen, um die Menschen auf den bedeutenden Mann aufmerksam zu machen. Doch David bestimmt Salomo zu seinem Nachfolger und lässt ihn, den Gepflogenheiten entsprechend, dazu salben. Zur Salbung aber muss der junge Mann auf einem Esel (Maultier) reiten. Herrschen und Bescheidenheit gehören zusammen, darauf wird der künftige König von vornherein hingewiesen.

Das wird noch deutlicher beim Propheten Sacharja. In seiner berühmten Weissagung (im 9.Kapitel) kündigt er den neuen König Israels an und schreibt: „Demütig ist er und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin." Genau daran hat sich Jesus, der die Bibel seines Volkes kannte, orientiert, als er nach Jerusalem kam.

Ungewöhnlich war es deswegen nicht, weil er damit eher ein gewohntes Bild bot. Dass Rabbinen auf einem Esel ritten, kam immer wieder vor. In einer rabbinischen Überlieferung heißt es: „Es geschah, dass Rabbi Jochanan ben Zakkai auf einem Esel ritt, und seine Schüler gingen hinter ihm her." So zog auch Jesus begleitet von seinen Jüngern, seinen Schülern nach Jerusalem. Und der Esel spielte dabei eine tragende Rolle.

Jesus bezog sich nämlich ganz bewusst auf die Worte Sacharjas. Wie er immer bildhaft in Gleichnissen seine Botschaften unter die Menschen brachte und nie abstrakt-philosophisch, so wollte er mit dem Esel eine Bildpredigt halten. Wenn die Leute Jesus auf dem Grautier sahen, sollten sie sich ihre Gedanken machen. Die Bibelkundigen konnten an Sacharja denken. Und die anderen mussten zumindest eins zugeben: dieser Jesus, der trägt die Nase nicht hoch, der kommt zu den kleinen Leuten, ja er ist einer von den kleinen Leuten. Der Esel ist wie der überlange Zeigefinger von Johannes dem Täufer auf dem Isenheimer Altarbild, mit dem er auf den Gekreuzigten weist. So verweist in dieser Einzugs-Szene der Esel auf Jesus. Seht, euer König sitzt nicht auf dem hohen Ross, er ist nicht hochmütig, sondern demütig, er ist in erster Linie nicht für die oberen Zehntausend da, sondern für die „Stiefkinder des Glücks", für die im Schatten der Weltgeschichte: für alle Armen, Enttäuschten, Geschundenen, Verzweifelten. Jesu Weg hat nichts gemein mit den Triumpfzügen der Könige und Sieger. Seine Straße führt ihn ins Leiden. Gerade dadurch macht er aber seine Liebe zu allen Menschen deutlich. Auch darauf weist sein lebendiger Untersatz hin, der ihn in die Hauptstadt trägt.

Das betrifft natürlich auch uns, nicht nur Jesu Zeitgenossen. Wieder einmal beginnt eine Adventszeit. Erneut hören wir die alte Botschaft, dass Gott sich in Jesus auch uns nahen will. Und seit damals hat sich nichts an der Art und Weise geändert, wie er kommt. In einem Adventslied in unserem Gesangbuch (eg 5) heißt es: „Gottes Sohn ist kommen uns allen zu frommen hier auf diese Erden in armen Gebärden ..." oder in einem anderen Lied (eg 9) „... zwar ohne stolze Pracht .... Er will hier seine Macht ... verhüllen ..." Sein Weg zu uns - auch heute noch alles andere als ein Triumpfzug. Der Ritt auf einem Eselsfüllen lässt den Reiter nicht locker daherkommen. Es ist ein unruhiges Trippeln, man braucht viel Geschick und Aufmerksamkeit, um sich überhaupt auf dem Tier halten zu können. Königlich sieht anders aus. Doch so kommt eben dieser König. Sein Kommen lässt sich viel besser in negativen als in positiven Aussagen zur Sprache bringen.

Dieser König - er lässt die, die an ihn glauben, nicht Millionäre werden, mit ihm kommt das Heil, aber nicht der Wohlstand. Das mögen sich all die Pfingstkirchen, die gerade in Afrika und Lateinamerika die Menschen mit genau diesen Versprechungen ködern, endlich einmal zu Herzen nehmen.

Dieser König - er befreit die, die ihm nachfolgen, nicht von ihren alltäglichen Sorgen und allen Krankheiten. Seine Kirche ist nicht der strahlende Beginn des Reiches Gottes und sie ist noch nicht einmal die moralisch unbestrittenste Institution auf dieser Erde - das haben die massenhaften Missbrauchsfälle gerade wieder einmal gezeigt.

Ja, wir hätten es natürlich lieber, wenn Jesus königlicher, mächtiger daherkäme, unbehelligt und unberührt von all den Peinlichkeiten und Machenschaften der Menschen, die sich auf ihn berufen.

So wie er 1989 kam, da konnte man doch stolz sein auf die Kirche, die Wesentliches beigetragen hatte zum Fall der Mauer mit ihren Friedensgebeten.

Aber - das ist Geschichte. Ein kurzes Zwischenspiel.

Jetzt ist wieder Alltag.

Aber genau in diesen hinein kommt Jesus. In den ganz normalen Alltag.

Er macht sich hörbar in der Verkündigung - im Gottesdienst,  in der Andacht einer Adventsfeier.

Er kann uns ansprechen, wenn wir in der Bibel lesen.

Er kann uns zum Nachdenken bringen beim Zeitungslesen oder bei der Lektüre eines guten Buches oder beim Hören einer Reportage im Radio oder im Fernsehen.

Er kann uns begegnen, wenn wir uns Zeit nehmen für einen Besuch bei einem einsamen oder kranken Mitmenschen. Nach Matthäus 25 begegnen wir in solchen Menschen Jesus selber.

Er kommt, aber um anzukommen, braucht er uns - am rechten Ort und in der rechten Haltung.

Er braucht uns nicht als Zuschauer. In einem Buch mit heiteren Begebenheiten aus der Kirche früherer Zeiten habe ich eine Anekdote gefunden: Ein altgewordener Pastor wollte sich nicht zur Ruhe setzen. Sein Generalsuperintendent besuchte ihn, um ihm liebevoll klarzumachen, dass er nicht länger in Amt und Würden bleiben könne. Die Antwort des Pastors: „Nein, ich kann und darf mich nicht zur Ruhe setzen. Es geht einfach nicht." „Warum denn nicht in aller Welt?" entgegnet der Generalsuperintendent. Darauf der Pastor: „Der Herr bedarf meiner noch!" Darauf nach kurzem Überlegen der Generalsuperintendent: „Lieber Bruder, in der Bibel steht nur einmal, dass der Herr eines bedurfte, und das war - eines Esels."

Das klingt hart. Natürlich ist der Esel alles andere als ein edles Tier und wird sogar als Schimpfwort missbraucht. Wer möchte schon ein Esel sein? Wer möchte schon Lasten für andere tragen? Nützlich sein?

Doch genau so braucht uns der Mann aus Nazareth: er bedarf unser, um Einzug zu halten in unserer Welt.

Um allen deutlich zu machen, was in seinem Königtum zählt, worauf es ankommt: auf Freundlichkeit, Güte, Verständnis, Barmherzigkeit, Mitgefühl.

Er regiert eben nicht von oben durch, sondern unterfängt alle, die unten sind, um sie nach oben zu heben und zu tragen.

Und dazu braucht er Esel - pardon: Menschen, die von seinem Geist erfüllt sind und bereit sind zu solchem Dienst. Menschen, die damit nichts weniger tun, als was Gott tut - so wie es Jesaja von Gott vernimmt (46,4.9) : „Ich will heben und tragen und erretten. Ich bin Gott, ein Gott, dem nichts gleicht."

So wie Jesus ein König ist, der mit keinem anderen König zu vergleichen ist.

Sie alle kennen sicher das berühmte Grafitti aus dem 2. Jahrhundert, mit dem ein Unbekannter sich über einen Christen lustig macht: zu sehen ist eine menschliche Gestalt an einem Kreuz mit einem Eselskopf , davor eine zweite Gestalt in Anbetungshaltung und dazu der Text: Alexander betet seinen Gott an.

Ein Spottbild, das für den, dessen Herz vom Geist Gottes erfüllt ist, genau die Wahrheit enthüllt: der Mann aus Nazareth ist der, der tut, was Gott tut: er hebt die auf, die am Boden liegen, beugt sich zu ihnen herab, er trägt die, die unter der Last des Lebens zusammengebrochen sind, und er errettet, die der Rettung bedürfen. Er ist sich für den Eselsdienst nicht zu schade.

Die Adventszeit gibt uns die Gelegenheit, in uns zu gehen und für uns zu klären, wo wir uns sehen, wo unser Platz ist in der Geschichte des in unsere Zeit und unser Leben einziehenden Jesus. Können wir uns darauf einlassen, Esel Jesu zu sein? Gewiss ist: er bedarf ihrer.

Amen.

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