1.Advent 02.12.2018, Stadtkirche, Matthäus 21, 1- 11 - Gottesdienst mit Einführung der revidierten Perikopenordnung und des neuen Lektionars, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Advent - 2.XII.2018                                                                                                        

                     Matthäus, 21, 1–11

Liebe Gemeinde!

Ein „Einzug“ – so wie wir ihn eben bei der Ingebrauchnahme des neuen Lektionars erlebt haben[i]ist eigentlich ein unverzichtbarer Bestandteil echter christlicher Liturgie!

… Nicht weil uns sitzfreudigen evangelischen Bewegungsmuffeln der Pomp oder die Parade fehlten, … nicht weil das Trampeln im Gänsemarsch oder das fröhliche Abhalten einer Polonaise Zeremonien wären, die dem Gottesdienst mehr Würde oder vielleicht auch nur mehr Schwung verleihen: Wer an die höheren Weihen des Gleichschritts glaubt, kennt bloß den Karneval nicht. ……. Und dennoch – obwohl wir Grund genug haben, das Zwiespältige und Lächerliche an allzu inszenierter Feierlichkeit zu bedenken – fehlt uns nicht nur eine verständliche und unmittelbare Dimension des Gottesdienstes wenn unser Körper ihn bloß passiv und abgekoppelt im Sitzen erlebt, sondern unsere hartnäckige Sesshaftigkeit widerspricht dem eigentlichen Wesen des Christentums und der Person Christi.

Das Christentum ist nicht als Lehrgebäude und nicht als feste Einrichtung entstanden, sondern als Bewegung. Aus umherziehenden Missionaren, aus Wanderpredigern und Glaubensflüchtlingen, die sämtlich ein Leben der Nachfolge Jesu übten, wuchs jene Kirche, die uns als Inbegriff des ortsgebundenen, spießigen „Es-war-schon-immer-so“-Vereins erscheint.

Weil wir ursprünglich aber eben von einem rastlosen Volk abstammen, von lauter Nomaden vom Schlag eines Moses, Paulus, Suitbertus, Zinzendorf, Wesley und Fliedner, darum „steckt’s auch uns im Blut“: Mal äußert sich dies bewegliche Erbe in der Bereitschaft, Pilger zu sein und mal darin, Protestler zu werden; mal treibt es weit hinaus in die Mission und dann wieder einfach auf die Straßen Alabamas von Selma nach Montgomery oder auf die Straßen von Leipzig, um dort Veränderung herbeizusingen und zu rufen.

Christen jedenfalls beweisen immer wieder, dass nicht das Einst, sondern das Bald, nicht das „War einmal“, sondern das „Wird einmal“, nicht die Gewohnheit, sondern ihre Hoffnung, nichts Verlassenes, sondern bloß das Ziel Heil und heilig sind. —

Und darum fängt in der Kirche das Jahr mit dem Advent an: Mit aufschwingenden Toren, mit Türflügeln, die durchschritten werden und einem Blick, der nach vorne und nach oben geht und die alte Tiefe, die Stallwärme, die Gruben der Füchse, die Nester der Vögel, den Ofen des Bürgers, die Behaglichkeit des Vertrauten vergisst. ——

Advent sollte einmal – vielleicht kommt’s bald wieder so! – unbequem sein.

Advent sollte – vielleicht werden wir’s noch erleben! – mit Verzicht und Freiheit beginnen. Advent sollte tüchtig machen – vielleicht lernen ja auch wir es eines Tages! –, ganz neuen Ufern, einer neuen Zeit entgegenzugehen.

Advent sollte Anfang, nicht Wiederholung bedeuten.

Advent sollte wartendes Zittern, nicht dösendes Sesselpupsen sein.

Advent sollte Spannung und Hoffnung und Morgenrot, endzeitliche Freude, Wiederkunft Christi, Auferstehung der Toten und Anbruch des Reiches Gottes bescheren, nicht Schokoladenschock, Kaufrausch und Schenkschlacht.

Und darum ist jede Erinnerung daran, dass sich durch die Tage und Stunden, die Lieder und Gebete des heute begonnen Advent die Spur der Erwartung und die Bewegung des Aufbruchs als geistliches Grundmotiv und körperliche Grundhaltung ziehen, nötig und heilsam! —

Auf seine Weise hat das auch der schlichte Einzug eben zeigen wollen, mit dem Anfang und Erneuerung sinnenfällig werden sollten: Wir können nicht einfach hocken bleiben, wenn uns das Wort, das Christus ist und Christus in seinem Wort neu nahe kommen.

Wo immer uns der begegnet, der selbst Weg, Wahrheit und Leben ist, da sollen wir uns nicht hängen lassen oder an etwas hängen, sondern da können Christen auftreten als die, die dem Kommenden die Ehre geben und die selbst mit allen Kräften mitziehen, wenn es um die Ankunft Gottes in der Welt geht.

Dass wir daher aus der lethargischen Haltung bloßer Zuschauer und Zuhörer aufgeweckt werden, dass wir uns buchstäblich aktivieren lassen, wenn und wo Gott nach uns ruft, ist der unmittelbare Sinn jeder Bewegung, die die Gottesdienst feiernde Gemeinde vollzieht.

In der griechischen Liturgie wird das deutlich gerade am sog. „Kleinen Einzug“, bei dem in jedem Gottesdienst das Evangelienbuch – also Christus im Wort und nicht in den sakramentalen Gaben – feierlich durch die Kirche in den Altarraum getragen wird. Bei dieser Handlung ruft der Diakon der Gemeinde zu: „Weisheit! Stehet aufrecht!“[ii]

Dabei geht es natürlich nicht um militärisches Strammstehen, sondern um die befreite Haltung der Erlösten, die nicht mehr gebeugt und nicht mehr gefesselt bleiben können, sobald Gottes Sohn unter sie tritt.

Und weil Christus, das fleischgewordene Wort eben nicht nur ein statisches, abgeschlossenes Buch sein kann – leider sagen wir von schönen, dauerhaften Büchern ja ausgerechnet, sie seien „gebunden“ – … weil also das lebendige Wort in Wirklichkeit frei bleibt und befreit, darum ist es kein Kult, sondern eine durchaus angemessene Veranschaulichung, dem Evangelium etwas von seiner Dynamik und Mobilität zurückzugeben, indem wir es nicht liegen lassen, sondern uns zu seinen Wegbegleitern machen.

Dabei ruft dann die von uns getragene Schrift das Bild wach, das wir zu Beginn dieses Advents und damit am ersten Anfang des neuen, sechsjährigen Durchgangs durch die biblische Botschaft vor Augen haben. Es ist eine Szene, mit der wir nie fertig werden, wenn sie uns auch noch so bekannt erscheint: Wie Christus auf  jenem Tier, das schon an seiner Krippe stand, unter dem Jubel der heiligen Stadt zum Kreuz reitet.

... Vertraut ist das ja wahrhaftig, aber in Wahrheit doch eine lächerliche Szene, … wie da ausgerechnet ein Hungerkünstler auf einem entwendeten Grauen als Retter begrüßt wird!

Indes erkennen wir darin immerhin aber das entscheidende Grundmotiv wieder: Dass wir einen beweglichen und nicht fixierten, dass wir einen fortschreitenden und nicht stehengebliebenen Gott in unserer Mitte begrüßen sollen.

Und das ist eine der erstaunlichsten und verheißungsvollsten Wahrheiten des christlichen Glaubens – gerade im zweideutigen Rätselbild des Eselreiters, der Fortbewegung auf dem Rücken eines beharrlich sturen Lasttieres versinnbildlicht und Stürme der Begeisterung auslöst, obwohl er in offensichtlicher Tiefstapelei einherzieht.

Der da schnell auf dem Langsamen kommt, der da solchen Überschwang in seiner Bescheidenheit weckt, der da so anders als gedacht und dennoch so völlig in den Bahnen der Verheißung vor den Augen der Welt erscheint: Er ist tatsächlich das Gegenbild, ja die Gegenbewegung zu allem, was sonst die Metaphysik der Menschheit an Göttlichem entwirft!

Ein Gott, wie wir ihn denken würden, hätte Würde. … Würde er würdelos, hätte er nichts Göttliches mehr an sich.

Ein Gott, wie wir ihn uns vorstellen wollten, stellte etwas Großes dar. … Verstellte er sich als klein und lächerlich, dann enttäuschte er wohl unsere Vorstellung.

Ein enttäuschender Gott aber wäre eine Gottestäuschung: … So kritisch aufgeklärt und anspruchsvoll können wir ja sein. Ein Gott jedoch, der unseren Ansprüchen nicht genügt, kann nicht beanspruchen, für uns ein Gott zu sein. ……. ——

Und so stellt das erste Bild, das der Gott der Bibel am Beginn unseres neuen Weges mit Ihm abgibt, noch einmal ganz andere Ansprüche an unsere Beweglichkeit, als dass Er uns nur herausforderte, nicht so ganz so lustlos herum zu sitzen, wenn Er sich doch auf den sonderbaren Weg als Mensch auf einem Esel macht.

Die Herausforderung, mit der alles für uns losgeht, ist nämlich vielmehr, dass wir offenkundig kein einziges natürlich naheliegendes, nachvollziehbares Bild von Gott haben können.

Der dumme kleine Esel mit dem armen Mann auf seinem Rücken reitet sie alle zuschanden.

… Und statt den Ahnungen und Überlieferungen philosophisch wertvoller und psychologisch wahrscheinlicher Theologie nachhängen zu können, sollen wir am Beginn des Kirchenjahres ohne allen festen Grund, ohne gesicherte Erkenntnis, ohne klare Vorstellungen nur ein unverstandenes Staunen, nur eine offene Frage aufgreifen und Abschied von den großen, logischen, einleuchtenden Mutmaßungen nehmen.

Wir sollen anscheinend wirklich bei Null anfangen.

Kein Vorwissen mitbringen.

Gott als den Unbekannten aushalten.

…. Uns wieder einmal wirklich nur von der Wahrheit selber und nicht von unseren Meinungen leiten lassen, …. Meinungen, die Gott in einem Kleinkind ausschließen würden, … Meinungen, die Gott in einem sturmumtosten Boot aus-schließen würden, … Meinungen, die Gott in Gesellschaft der Bösen ausschließen würden, … Meinungen, die Gott unter den Bettlern ausschließen würden, … Meinungen, die Gott als einen blutige Tränen Weinenden ausschließen würden, … Meinungen, die Gott vor Gericht ausschließen würden, … Meinungen, die Gott unter der Todesstrafe ausschließen würden, … Meinungen, die Gott in der engen Kammer hinter dem Felsen ausschließen würden, … Meinungen, die Gott in Christus vollkommen ausschließen würden.

Alle diese Meinungen sollen wir zurücklassen.

Ohne sie noch einmal anzurühren, sollen wir losgehen durch das Tor, …. in den Advent.

Das ist die höchste Form der Beweglichkeit, die uns nötig bleibt: Dass wir tatsächlich jede feste Idee eines fertigen Gottesbegriffs ablegen und uns vorurteilslos dem Unbekannten überlassen, in das nicht unser Intellekt oder unsere messerscharfe Kritik uns führen, sondern … jener Esel, der einen jungen Mann trägt, der bald sterben wird.

Wenn es aber wirklich so sein soll, dann müssen wir eben diese Freiheit zulassen, nichts anderes von Gott zu besitzen und behaupten zu können, als was uns nun nach und nach auf den abenteuerlichen Wegen der Demut Jesu, seiner Wehrlosigkeit, seiner Opferbereitschaft, seiner Auslieferung und Hingabe begegnen wird … von Schritt zu Schritt, von Evangelienbericht zu Evangelienbericht, von Gottesdienst zu Gottesdienst, von Sonntag zu Sonntag, von Jahr zu Jahr.

……. Auch wenn wir instinktiv einen Gott, der die Dinge beherrscht und sie nicht erleidet, bevorzugen würden.

Auch wenn wir instinktiv die Vorstellung, dass Gott wirklich ein Mensch wurde und also hinfällig und sterblich, für eine Übertreibung halten, die nicht buchstäblich meinen kann, was da gesagt wird.

Auch wenn wir schon die Geburt in Bethlehem eher für eine poetische Spekulation, als für ein Schicksal, das Gott sich selber auferlegt hat, nehmen. …....

Doch heute fangen wir ja neu an.

Heute bewegen wir uns in die liturgische Zukunft, gehen gottesdienstlich Unbekanntem, gehen persönlich Ungewohntem, gehen der Ungewissheit eines Kirchen- und bald auch Kalenderjahres entgegen, die alles bringen können: Erbetenes oder Befürchtetes, Segen oder Anfechtung, Not oder Gnade. …….

Wem das aber zum 1.Advent aufgeht – dass wir Menschen viel weniger vom Bisherigen als vom Zukünftigen abhängig sind – …, wem die Bestimmung aufgeht, dass wir nie fertig sein können, weil der morgige Tag seine eigene Plage und sein eigenes Wunder haben muss, … wer so die Wahrheit des adventlichen Vorbehalts vor allem Bestehenden und Abgeschlossenen erkennt, der könnte allerdings von lauter hellem Staunen und sprachloser Anbetung ergriffen werden, wenn er auch erkennt, was die Unbekanntheit Gottes, was die ungeahnte Unabhängigkeit Gottes von allen menschlichen Erklärungen und Einordnungen und Festlegungen gerade dann bedeutet: Sie bedeutet, dass Gott ebenso offen zur Zukunft ist wie unser ungeklärtes, ungewisses Leben!

Wenn wir Gott noch nicht begriffen haben können, dann heißt das, dass Er uns noch bevorsteht!

Wenn wir alte Missverständnisse aufgeben, dann dürfen wir noch nie vermutete Wahrheit erwarten!

Wenn wir nicht beharren müssen, genau zu wissen, wie Gott ist, dann kommen Überraschungen und Offenbarungen auf uns zu.

… Wenn wir uns bewegen und in den Advent aufbrechen, dann werden wir erfahren, dass genau das die Zeit und Dimension unseres Gottes, des Gottes Israels, des in Jesus Christus zu uns Kommenden ist.

Gott ist der Gott der Zukunft!

Anders als die abgeschlossenen Sagen der Heiden und das endgültig unüberbietbare Hörensagen Mohammeds ist das Wort unseres Glaubens das Wort des Kommenden!

Gott „war“ nicht einmal, sondern Er erwartet uns genauso wie wir Ihn erwarten.

Er ist seit den Tagen der Wüstenwanderung ein Wegweiser in’s Morgige, und verheißt seit den Propheten, dass Er näher und näher bei Seinem Volk auf Erden sein will und kommt zur Welt, um bis auf den heutigen Tag nicht nachzulassen, immer weitere Menschen und Zeiten zu rufen und mit Künftigem zu erfüllen.

Darum können wir Gott noch nicht haben; Er kann noch nicht aus-verstanden und zuende-erkannt sein. Denn immer weiter öffnet Er das Tor dessen, was wird.

Ja, Gott ist immer noch so viel mehr und wunderbarer und herrlicher, als wir es bisher erfahren und bezeugen konnten; so dass man mit dem großen Theologen Eberhard Jüngel sagen muss: Gottes Sein ist im Werden[iii].

Und darum bewegt Er uns so!

Und darum ist es ein solcher Segen, in den Advent aufzubrechen!

Denn es geht auf Gott zu, auf Gott, den in Christus Kommenden, … unsere Zukunft!

Und so singen auch wir dem sonderbar, wunderbar Einziehenden entgegen:

Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN! Hosianna in der Höhe! (Matth. 21,9)

Amen.



[i] In diesem Gottesdienst, der mit der revidierten Perikopenordnung, die ab dem 1.Advent 2018 gilt, wieder in den ersten Jahrgang des Lese- und Predigtzyklus eintritt, wurde auch das neue Lektionar eingeführt. Eine Konfirmandin und ein  Konfirmand, Küster und Presbyterin trugen mit dem ersten Licht des Adventskranzes auch Lektionar und Altarbibel in einem Einzug nach vorne

[ii] Zitiert aus der orthodoxen Chrysostomus-Liturgie nach: „Griechische Liturgien“ – übersetzt von Remigius Storf, in: BKV 5: Griechische Liturgien / Leben der Heiligen Väter von Palladius / Leben der Hl.Melania von Gerontius, Kempten 1912, S.226.

[iii] Vgl. dazu Eberhard Jüngel, Gottes Sein ist im Werden – Verantwortliche Rede vom Sein Gottes bei KARL BARTH: Eine Paraphrase, 3.Aufl., Tübingen 1976.

Alle anzeigen

Gemeindebüro

Fliednerstr. 6
40489 Düsseldorf
Tel.: 0211 40 12 54
Fax: 0211 408 98 16

Öffnungszeiten:
Dienstag: 15:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag & Freitag: 9:00 - 12:00 Uhr


Flüchtlingshilfe

Kaiserswerth: 0157-525 718 39
Lohausen: 0157-589 207 26