21.S.n.Tr., 21.10.2018, Stadt-u. Mutterhauskirche, Jer.29 1.4-14, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde,

sie saßen an den Wassern von Babylon und weinten. Ihre Harfen hatten sie in die Weiden gehängt, nein, es war ihnen wirklich nicht nach Singen zumute. Fern der Heimat waren sie. Verschleppt, deportiert ins Feindesland. Auf Hungermärschen waren viele von ihnen umgekommen. Der Tempel in Jerusalem war zerstört! Der Opferkult, die Gottesdienste - aus und vorbei. Sie fühlten sich, als wäre ihnen das Herz aus der Brust gerissen. Kein Tag verging, ohne wehmütige Erinnerung, ohne Klagen und Trauer. Voller Sehnsucht schworen sie sich: „Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte." Verunsichert, verstört, verbittert klagten gar viele zornig und wütend: „Tochter Babylon, du Verwüsterin, wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert." (Ps.137,8f)

Sie saßen an den Wassern zu Babylon - abgeschnitten vom Leben, wie sie es nur kannten und verstanden. Was sollte das Überleben da bringen? Resignation und Mutlosigkeit hatten die Exilierten fest im Griff. Und die Kunde davon drang bis nach Judäa, wo die, die zurückgeblieben waren, mehr schlecht als recht ebenfalls damit kämpften, das Überleben in dem zerstörten Land zu sichern. Unter ihnen Jeremia, der Prophet. Jahrelang hatte er ja kommen sehen, was dann geschehen war, hatte die riskante Außenpolitik der Judäischen Herrscher kritisiert und genauso die völlig aus den Fugen geratene Sozialpolitik, wo es nicht um Gerechtigkeit ging, wie Gesetz und Religion es verlangten, sondern wo die Reichen und Einflussreichen ihre Schäflein ins Trockene brachten auf Kosten der Armen und Schwachen. Doch seine Kritik war ungehört verhallt. Aber es war keine Schadenfreude, kein „Seht ihr, ich hatte doch recht!", was ihn erfüllte. Was brachte ein solches Statement schon für die Zukunft, für das Leben und Überleben seines Volkes? Doch genau darum ging es doch Israels Gott: um ein heilvolles Leben, um Zukunft. Trotz aller Krisen, trotz aller Widerstände und Widrigkeiten.

Jeremia setzt sich hin und schreibt einen Brief an seine Volksgenossen im Exil, einen ungewöhnlichen Brief, einen leidenschaftlichen Brief. Einen Trostbrief, ja mehr noch: einen Mutmachbrief an die klagenden und hoffnungsleeren Menschen in Babylon. Eine Aufforderung, nach vorne zu schauen und umzudenken: Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn und kümmert euch um ihr Wohlergehen.

Ich lese uns den Mutmachbrief aus dem 29.Kapitel:

„Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte ...

So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen:

Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte;

nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet.

Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.

Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen!

Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR. ...

Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.

Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten und ich will euch erhören.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen."

 

Wir sind nicht Verbannte, liebe Gemeinde. Wir Christen leben nicht im Exil. Dieser Brief richtet sich an Juden, die sich in einer vergangenen und einmaligen Situation befinden. Kriegsflüchtlinge in unserem Land mögen diese Worte ähnlich hören wie damals die Juden in Babel. Sollen sie darauf hoffen, bald zurückkehren zu können oder sollen sie sich hier auf ihre Integration in unsere Gesellschaft konzentrieren? Diese Fragen sind für sie sicher elementar. Da stehen wir eben ganz anders da. Aber in diesem Brief des Jeremia lassen sich Entdeckungen machen, die auch für uns als Christinnen und Christen, für uns als Kirche in unserer Gesellschaft heute Mut machend und lebenswichtig sind.

Die erste Entdeckung: Jeremia zeigt auf, dass Gott auch ohne Tempel und ohne Opferriten erfahren und verehrt werden kann. Das war in Israel damals revolutionär und ist es für fast zweitausend Jahre Zerstreuung der Juden geblieben. Gott ist kein Provinzgott, sondern ein Gott aller Menschen überall. Einer, den jeder Mensch auf der Erde überall finden kann, weil er sich finden lassen will. Gott ist kein nationaler, kein jüdischer, kein deutscher, kein amerikanischer oder russischer Gott. Vor Jahren las ich einmal in einer kleinen Kirche bei Hamburg ein Schriftband, das zeigt, was das bedeutet:

„Wenn wir einer anderen Religion, einer anderen Kultur, einem anderen Volk begegnen, dann ist es unsere Aufgabe, unsere Schuhe auszuziehen, denn der Ort, den wir betreten, ist heiliger Boden. Sonst könnte es sein, dass wir die Liebe, den Glauben, die Hoffnung eines anderen zertreten oder vergessen, dass Gott schon vor unserer Ankunft dort war." Gott ist ein Gott aller Menschen überall.

Die zweite Entdeckung: Jeremia setzt an die Stelle von Hass , Zorn und Rache der Verbitterten die Liebe zu denen, die ihre bittere Lage verursacht haben: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl." ...Eine Feindesliebe, die befreit - die Exilierten aus der Opferrolle herausholt, die ihnen das Heft des Handelns in die Hände legt und damit Zukunft eröffnet. Macht etwas aus eurem Leben, dafür hat es euch Gott gegeben. Gestaltet eure Zukunft gerade dort, wo ihr seid - mit den Menschen, die um euch herum leben, wohnen und arbeiten. Euch geht es nur so gut, wie es ihnen auch gut geht. Euer Wohlergehen hängt an ihrem Wohlergehen. „Suchet der Stadt Bestes."

Die dritte Entdeckung: Jeremias Brief gibt eine lebendige Anschauung davon, was Nüchternheit bewirkt. Er rät den Seinen (und uns auch), die Gegenwart anzunehmen allen Widrigkeiten zum Trotz und sich nicht in Nostalgie zu flüchten. Der Alltag ist die Zeit, die einen herausfordert, das Leben soll und muss und wird weitergehen. Und wo das bejaht und angepackt wird, da tut sich Schritt für Schritt Zukunft auf, wächst Hoffnung und Zuversicht.

 

Mit diesen drei Entdeckungen im Rücken will ich jetzt etwas Ungewöhnliches wagen. Ich schreibe einen neuen Brief des Jeremia und zwar an uns heute. Einen neuen Mutmachbrief, um unser Gottvertrauen zu stärken und uns davon abzubringen, ewig nach hinten zusehen und Verluste zu beklagen, sondern um uns eine Zukunftsperspektive zu eröffnen, die uns auf Größeres hoffen lässt.

„Liebe Gemeinde in Kaiserswerth, ich habe eine Botschaft für euch. Ihr habt den Eindruck, dass es schon länger bergab geht mit der Kirche. Manche sehen gar das christliche Abendland untergehen. Wenn ihr in bestimmten Stadtteilen in Düsseldorf oder Duisburg unterwegs seid, fühlt ihr euch vielleicht wie in einem fremden Land. Kirchen werden geschlossen, Jahr für Jahr treten immer mehr aus den Kirchen aus, in vielen Kirchen verlieren sich sonntags die Gottesdienstbesucher, bei Beerdigungen können viele nicht einmal mehr das Vaterunser mitsprechen. Der christliche Glaube, er erscheint mehr wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Früher hat er das Jahr mit seinen Festen geprägt, doch nun sind es die kommerziellen Events, zu denen die Menschen zusammenströmen. Nur da, wo der Kommerz ein Fest brauchen kann, ist es noch von öffentlichem Interesse wie das Weihnachtsfest. Auch in den Familien ist der Glaube kaum noch ein Thema: wo wird noch zusammen gebetet, wo über Fragen des Glaubens gesprochen?

Ihr erlebt dieses als Verlust. Gerade die Älteren beklagen diese Entwicklungen. Allzu viele werden so von ihrem Alltag mit seinen Sorgen in Beschlag genommen, dass sie keine Zeit haben für Gott, Gott nicht suchen, obwohl er doch so wichtig war und ist. So erging das damals meinen Landsleuten auch, als der Tempelkult nach der Zerstörung des Tempels aufhörte. Ihr seid da nicht viel besser oder schlechter dran als sie. Damals habe ich die Verängstigten vor den Vertröstern gewarnt. Die redeten ein schnelles Ende ihres beklagenswerten Zustandes herbei. „Alles wird bald ein Ende haben. Es wird schon wieder. Alles wird gut." So machten sie sich Illusionen und gaben dabei gar Gott als Garanten aus.

Euch sage ich: Das, was euch beunruhigt, wird anhalten. Es gibt kein Zurück auf dieser Welt. Die gute alte Zeit, die es ja so auch nie gegeben hat, kommt nicht zurück. Misstraut denen, die euch vorgaukeln, dass alles bald wieder sein wird wie früher, wenn man nur ein paar Stellschrauben anzieht. Ihr werdet nicht zurückbekommen, was ihr verloren habt. Die Welt und die Zeit bewegen sich immer nach vorne. Wie meinen Landsleuten damals sage ich auch euch:

Bleibt nüchtern. Haltet eure Lage nicht nur klagend aus. Nehmt doch erst einmal wahr, was ihr habt, all die guten Möglichkeiten, die materiellen wie die ideellen, um die euch meine Landsleute damals beneidet hätten. Und setzt euch damit ein. Mischt euch ein - in eure Gesellschaft. Macht euch nützlich - in eurer Nachbarschaft. Setzt euch für den sozialen Wohnungsbau und für bezahlbare Mieten ein, sorgt dafür, dass keine Ghettos entstehen - weder für die Reichen noch für die Armen. Schützt eure Umwelt, verhindert das sinnlose Abholzen ganzer Wälder.  Sorgt für ausreichende Grünflächen in den Städten. Ernährt euch möglichst von dem, was vor Ort wächst. Und zeigt eure Dankbarkeit, dass es euch so gut geht, dankt Gott und bezeugt ihn damit vor den Menschen. Ihr habt einen Auftrag und eine Aufgabe mit eurem Leben für diese Welt. Gott hat jede und jeden berufen, das Seine, das Ihre zu tun, damit das große Ganze seines Reiches gelingen kann. Gott hat einen großen Sinn in jedes kleine Leben gegeben, darum ist nichts umsonst und unwichtig, was ihr tut.

Und wie damals sage ich: ihr sollt Kinder haben und mit ihnen leben. Es gibt zu viele, die meinen, in diese Welt könne man keine Kinder setzen. Bedenkt: jedes neugeborene Kind ist ein Bote Gottes, der euch zeigt, dass Gott die Hoffnung für diese Welt nicht aufgegeben hat. Und jedes Kind soll euch an eure Verantwortung erinnern, dieser Hoffnung entsprechend heute zu leben - achtsam und bereit, sich um der Lebensmöglichkeiten der kommenden Generationen willen zu bescheiden.

Ja, setzt euch für den Frieden ein. Sucht das Gespräch und den Ausgleich auch mit denen, die eure Lebens- und Glaubensformen nicht teilen, die ablehnen und bekämpfen, was euch wichtig und heilig ist. Haltet und macht Frieden mit Gegnern, mit Fremden, ja selbst mit Feinden. Lernt immer mehr, dass ihr Frieden nie gegen eure Feinde, sondern nur mit ihnen machen könnt. Auch beten könnt ihr nie gegen andere. Betet vielmehr, dass Gottes Geist ihr Herz und ihren Verstand erleuchten möge. Haltet solche Veränderung für möglich.

Und lasst euch nicht die Hoffnung rauben, dass sich eine lebenswerte Zukunft auftun kann. Haltet euch an die Worte, die ich schon meinen Glaubensgeschwistern als Worte Gottes gesagt habe:

„Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet,

so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR;

denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung."   

Euer Jeremia.

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