20.n.Trin., 14.10.2018 Stadtkirche, 1.Korinther 7,29 - 31, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 14.X.2018 - 20.n.Trin.                                                                                                        

              1.Korinther 7, 29-31

Liebe Gemeinde!

Wenn ich mir beim Erziehen zuhöre, glaube ich gelegentlich, den Alten Fritz oder Churchill oder irgendeinen Fußballtrainer zu erleben, der sich auf’s „Blut, Schweiß und Tränen“-Predigen versteht. Als wäre es immer noch spätes 19.Jahrhundert oder als herrsche hier das Bildungswesen Süd-Koreas, verkünde ich das perverse Hohelied des eisernen Willens:

„Du musst wollen! Und alles, was Du Dir wirklich vornimmst, das musst Du ganz wollen! Und wenn Du einfach nicht willst, dann wird’s auch nix!“

……. Wollen, Wollen, Wollen! … Wille! Wille! Wille!

Was in der Vergangenheit die Zwangsjacke der Disziplin des Militärs und der Ausbeutung war, ist allerdings auch heute noch genauso verbreitet. Nur dass inzwischen die Diktatur des unbedingten Menschenwillens am liebsten von jedem gegen sich selbst ausgeübt wird. Man nennt es „positives Denken“, und es herrscht in weiten Teilen der Welt besonders im christ-lichen Gewand als die Botschaft: „Wenn Du fest an einen Erfolg glaubst, … wenn Du unbeirrt Dein Glück, Deine Gesundheit, Deinen Wohlstand anpeilst und sie wirklich willst, dann wird dieser gute Wille gesegnet, dann wirst Du kriegen, worauf Du Dich vertrauensvoll konzentrierst.“

Diese sadistische Lüge ist natürlich eine der bittersten Formen von Folter, die es geben kann, weil der Umkehrschluss so vernichtend ist: Wer trotz der Wunderwaffe des menschlichen Willens, positiv zu denken, Kummer, Hunger, Leid erlebt … der ist selber schuld. Der hat versagt. … Der wollte eben nicht.

Mit diesem Zynismus füllt man die Megakirchen der Welt.

Mit diesem Zynismus fülle ich die Köpfe meiner Kinder: „Du musst schon wollen! Du musst bloß wollen! … Du hast halt nicht gewollt.“ ———

Gott sei daher Dank, dass es noch die Väter und Lehrer der Christenheit gibt, die die Kinder und die Völker nicht den Götzen der Gier und des Ehrgeizes opfern. Gott sei Dank, dass Paulus uns eine so andere, eine so weise Sicht auf das eröffnet, was uns als die große Arena, in der unsere Wünsche wahr werden müssen, vorgegaukelt wird.

Paulus – der Mensch, dem auf dem Damaskus-Weg zur Durchsetzung seiner Ziele das endgültige Überrumpeln durch Gott widerfuhr – … Paulus hat die Wahrheit über die Welt erlebt, als er ausdrücklich gegen alle seine Wünsche und Erwartungen Christus begegnete …, Christus – dem Ende der Welt.

Denn das ist Christus ja, wenn er die Erlösung, wenn er der Neubeginn, wenn er das zukünftige Endgültige ist: Christus wird zum Ende der Wünsch-Dir-was- und Woll-noch-mehr-Welt.

Die Welt, die uns nicht gut genug ist – weil wir nicht gut sind! –, … die Welt, die uns besessen macht, weil wir unterschwellig spüren, dass wir sie niemals so fest besitzen können, wie wir wollten, … die Welt, die wir mit allen unseren Sehnsüchten und Begierden nach ihr ja gerade zerstören, wenn wir sie packen und melken, … die Welt, die wir als Gegenstand unseres Willens umso mehr vergewaltigen, je mehr sie uns in ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit den heiligen Willen eines Anderen zeigt …, diese Welt ist nur das Vorletzte, wenn man Christus erkennt,  … Christus, das Alpha und Omega.

Christus, der die Welt erneuert, … Christus, der die Zukunft bringt, … Christus, der das Bleibende zeigt und schenkt: Christus löst den wilden, trotzdem ohnmächtigen und unsren Willen darum zur Verzweiflung bringenden Klammergriff, mit dem wir die entgleitende Welt beherrschen wollen.

Und damit – nur damit – wird ein gelöstes Welt-Verhältnis und Welt-Verhalten möglich.

Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, dass man die Welt und alle ihre Wunder und Wahrheit aufgeben solle!

Es geht nicht um die finstere und gefährliche Abkehr, die die von der Welt Enttäuschten vollziehen, wenn sie sich vom Leben betrogen fühlen und am liebsten Sintflut und Weltenbrand über alles brächten, was sie nicht befriedigen und glücklich machen konnte.

… Zu solchen Weltverneinern sollen wir Christen wahrhaftig nicht werden!

Die Welt ist es ja nicht, die ein Versprechen nicht hielt oder uns leerer ausgehen ließ, als wir sein zu sollen glaubten.

Alles, was die Welt ist und kann, verdient unsere Zuneigung, unsere Dankbarkeit, unseren Schutz! ……. Wenn man in diesen Zeiten, wenn man nur in dieser vergangenen Woche daher hört und liest und erlebt, dass wir Menschen der Erde und allem, was darauf lebt, unwiderruflichen Schaden zufügen, dann muss die christliche Kirche tatsächlich stark und strikt der gottlosen Faulheit und dem Gewinnstreben derer widersprechen, die das nicht anzufechten scheint:

… Schwach ist sie ja … und unverteidigt, diese Welt, die alles hergeben muss, um uns zu dienen und der wir eine Gewalt antun, die unsere flüchtigen Tage um Jahrtausende überdauern wird.

Und uns ist sie anvertraut, sie zu bebauen und bewahren (vgl.1.Mose2,15).

Darum kann keiner von uns sich von der Welt einfach abwenden und sie ungerührt ihrem Schicksal überlassen.

Missachtung der Schöpfung ist Missachtung des Schöpfers.

Das, was man heute „Öko-Sünden“ nennt, ist tatsächlich angewandter Atheismus.

Doch genauso schlimm und schädlich und verkehrt ist das Gegenteil der Weltmisshandlung: Die Weltvergötzung. Ob sie nun ökologisch die Natur zum Fetisch erhebt oder sie als Materialismus unbekümmert ausschlachtet: Wer immer in allen Dingen nur auf das Geschaffene sieht und zielt, der verfehlt den Schöpfer.

Und das ist der Grund, weshalb die  ganze Welt mit allem, was sie enthält, uns nicht glücklich machen kann. Sie ist zwar der Kosmos – … aber nicht das „All“, das PAN, das die griechische Philosophie und Frömmigkeit in ihr vermutete und verehrte. Sie ist nicht bleibend.

Spätestens seit der Mensch ist, wie er ist – seit dem Sündenfall also –, ist die Welt in den Sog des Seins zu Tode geraten; … seit der Mensch die einzige Grenze, die es für ihn gab, übertrat, ist ja alles der Begrenztheit verfallen.

… Seitdem gilt, dass das Wesen und die Gestalt dieser Welt vergehen.

… Und dass jede Bindung an Vergängliches – wenn sie absolut wird – uns leer ausgehen lassen und enttäuschen muss. ———

Gewiss hat der anonyme Street-Art-Künstler, der unter dem Decknamen Bansky letzte Woche das Auktionshaus Sothebys und eine Sammlerin moderner Kunst so sagenhaft narrte, keine Anschauung für die Botschaft des Apostels Paulus beabsichtigt. Aber das Bild „Girl With Balloon“, das gerade eben teuer ersteigert war und daraufhin  durch den im Rahmen heimlich eingebauten Shredder noch im Auktionssaal zerfetzt wurde, ist ein unüberbietbar treffendes Symbol unseres gesamten Verhältnisses zum Irdischen. … Ès ist „Haschen nach Wind“ – wie der Prediger Salomo sagt (1,17 u.ö.) – … es ist „Haschen nach Wind“, dieses Mädchen mit dem davonfliegenden Luftballon, … und wenn wir es endlich zu haben meinen, … wenn es ergattert und bezahlt ist, dann löst es sich auf und wird wieder zu Staub. …….

Wer er zu haben meint, der hat es nicht.

Nur wer es hat, als habe er es nicht, wird nicht enttäuscht, sondern den Weg der Freude und der Dauer finden.  

Denn das ist die Weisheit und Freiheit, zu der Paulus uns Christen beruft: Diese Welt und alles, was sie bietet, zu nutzen nicht mit dem tödlich erstickenden Klammergriff „Ich will!“ oder „Das muss!“, sondern auf der ausgestreckten Hand des

„Mein sind die Jahre nicht, / die mir die Zeit genommen, /

 mein sind die Jahre nicht, / die etwa werden kommen; /

der Augenblick ist mein / und nehm’ ich den in Acht, /

 so ist Der mein, / der Zeit und Ewigkeit gemacht.“ [i]  ———

Es liegt eine unermessliche und köstlich ruhige Weite in diesem christlichen Gebrauch der zeitlichen Dinge, … in diesem vorübergehenden christlichen Genuss an irdischer Freude … und auch in diesem christlichen Realismus angesichts der sterblichen Liebe.

„Unsterbliche Liebe“ – das große, künstliche Krampf-Ideal, das die Kultur vom antiken Mythos bis zum  kitschigen Kino durchwabert – … „unsterbliche Liebe“ ist eine theologische, keine romantische Wirklichkeit.

Obwohl der Junggeselle Paulus in diesen Dingen vielleicht am wenigsten berufen war zu urteilen, ist doch auch in Sachen des Herzens, der Ehe und des menschlichen Miteinanders seine grundnüchterne und bescheidene Maxime, man solle freien und lieben, man solle verehelicht und verbunden sein, als wäre man es nicht, weder ein Liebestöter noch eine Lizenz zur Untreue, sondern vielmehr die einzige Möglichkeit, etwas so Volles und Fundamentales wie die Liebe nicht platzen zu lassen wie den Ballon des kleinen Mädchens.

Man kann und soll nichts Absolutes aus den Erfahrungen und Geschenken des Lebens machen, …nicht einmal die zwischenmenschliche Liebe verträgt es, so überfrachtet zu werden, als sei sie das Totale, das Eine und Alles.

Wer einen anderen Menschen so auflädt, dass alles Glück des Daseins, aller Sinn des Lebens, alle Hoffnung der Welt sich in diesem Einen bündeln, der schafft sich doch nur einen von Außen bedrohten und im Inneren kläglich ohnmächtigen Nebengott: Kein Mensch kann ja das Versprechen halten, selig zu machen. Kein Mensch kann das Himmelreich ersetzen!

Nur wer also auch in der Liebe die Begrenztheit des Geliebten und die gemeinsame Freiheit für das Höhere und Höchste achtet, entgeht der zum Scheitern verurteilten Illusion, die sich das Letzte vom Vorletzten erhofft. ——                

Einerlei daher, wohin wir den Blick wenden: Die uns befremdende Botschaft, dass alle unsere Tränen und unser ganzes Lachen, dass sämtliches Haben und selbst die Liebe nur etwas Vorläufiges, nur Stückwerk, nur uneigentlich sein werden … diese befremdende Botschaft vom uneigentlichen Leben, ist in Wahrheit die Befreiung zum Eigentlichen:

Nichts soll uns schon vollkommen mit Beschlag belegen, nichts müssen wir als das Non-plus-ultra, als Höchstes der Gefühle, als Ziel und Gipfel betrachten und behandeln.

… Es ist alles nur vorübergehend, alles nur für den Augenblick. Wer sich drauf versteift und darein verbeißt, wer es alles jetzt sofort und ganz will, der erreicht nicht das Wahre, sondern nur einen ganz begrenzten Ausschnitt, ein rasches Vorleuchten, die Spur einer Ahnung.

… Die soll man zwar kosten. … Darf man auch gewiss genießen.

… Und sie sind unzweifelhaft auch zu lieben.

Aber sie bleiben so kurz wie die Zeit – und auch so endlich.

Wer also daraus schon unbedingt alles machen will, der hat das befreiende, das Geist und Herz und Sinn und Hoffnung erweiternde und eröffnende christliche Geheimnis des erlösten Lebens noch nicht erfahren: Das gelöste und gelassene Sein im Vorletzten, das nichts Letztes beansprucht und erzwingt, weil das Wesen dieser Welt vergeht und alle Wirklichkeit der Dinge und der Menschen und des Lebens nicht durch uns, sondern durch Gott selber erneuert und einst für immer festgehalten und bewahrt werden soll.

Darum kann man aber dieses gelöste Leben, das sich nicht im Alles-Wollen-und-selber-Machen vollzieht, sondern in Nehmen und Geben, in Haben und Lassen, als hätte und nähme man nicht, auch umgekehrt beschreiben als ein Leben, das jetzt schon frei ist von Verzicht und Verlust, weil es im Glauben bereits heute lebt, als ob alles gut sei und gewiss!  ……. ———

Dass das nichts Weltfremdes und Verrücktes sein muss, sondern das Geschenk großer Kraft und Klarheit, die im Vorletzten schon vom Letzten her leben darf, kann ein rein politisches Beispiel vergegenwärtigen.

Aus dem Polen der 80er Jahre – als der Würgegriff der kommunistischen Partei und ihrer mächtigen sowjetischen Beschützer die Menschen auf dem Weg in die Freiheit innerlich nicht mehr zu fesseln und zu brechen vermochte – berichtet ein damaliger westlicher Beobachter eine erstaunliche Parallele zum gelösten Leben, wie Paulus es uns lehrt:

Es war eine Lebensweise, in der das Bewusstsein das Sein bestimmte, schildert Timothy Garton Ash die Zeit, als die Solidarność begann: „In der unfreien Realität verkündet sie die Idee des Als-ob: Versuche zu leben, als ob du in einem freien Land lebtest, selbst wenn dein Arbeitszimmer gerade eine Gefängniszelle ist.“[ii]

Dieses Leben im Als-ob des Reiches Gottes, dieses Leben, als sei das Irdische nicht alles … das ist nun aber kein Kraft- und Willensakt verzweifelter Menschen, sondern es ist die Wirklichkeit der Gnade und das Geschenk unseres Glaubens.

Es ist unser Leben als Christen … von den ersten Märtyrern über alle Gefangenschaft, in der Christen „von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar“ (vgl. EG 652) leben durften, bis hin zu unserer Zeit, in der Not und Gewalt und Gier und Zweifel doch nicht hindern werden, dass wir immer noch und weiter dem Sieg der Liebe und Wahrheit und dem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit entgegenleben. 

Denn sie werden das Letzte sein, … weil Christus ist, was er ist, - Alpha und Omega - er, der die Welt erneuert, … Christus, der die Zukunft bringt, … Christus, der das Bleibende zeigt und schenkt.

Und das liegt an niemandes Wollen und Laufen, sondern an Gottes Erbarmen (Rö9,16)!

Amen. 



[i] Andreas Gryphius, „Betrachtung der Zeit“ – No.76 der Epigrammta oder Bey-Schrifften: Das erste buch, in: Andreas Gryphius. Werke Dritter Band: Lyrische Gedichte. Hg. v. Hermann Palm, ( Nachdruck der Ausgabe Tübingen 1884) Hildesheim 1961, S. 389.

[ii] Timothy Garton Ash, Ein Jahrhundert wird abgewählt, Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990, München 1990, S. 104.

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