8.n.Trin. 22.07.2018, Stadtkirche, 1.Korinther 6, 9- 20, Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 8.n.Trin. - 22.VII.2018                                                                                                       

           1.Korinther 6, 9–20

Liebe Gemeinde!

Ein Grund, weshalb es auch in diesem Sommer schwerfallen wird, wenn man auf dem Heimweg aus Burgund wieder über die deutsche Grenze kommt, ist der fürchterliche Zustand der deutschen Dörfer: Sie sind so steril, dass einem jede Lebensfreude und jedes Sommergefühl sofort vergehen. … Und das Schlimmste an ihnen sind die Kacheln und die Verklinkerung.

Was auf den Dörfern meiner Kindheit in den sechziger Jahren am anheimelnden hessischen Fachwerk begonnen hatte, hat sich überall wie eine Seuche verbreitet: Alle die alten, teils windschiefen und geflickten Muster der Vergangenheit, die überlieferten oder improvisierten Ornamente aus Lehm und Holz, die gegerbten und ausgewaschenen Farben, die grobe und fromme Schnitzerei an den Balken musste mindestens bis auf Mannshöhe verschwinden hinter potthässlichen grauen oder blauen Plättchen, die mit farbig darunter gesprenkelten Fliesen eine unsägliche Trostlosigkeit des Praktischen verströmen. So wurde die Welt der Brüder Grimm verdeckt von zwei typisch deutschen Erwägungen: Der Ersparnis, nie wieder streichen zu müssen, und dem Vorteil, dass Fliesen abwaschbar sind.

… Nun mag es in Deutschland Gründe geben, weshalb man zwanzig Jahre nach Kriegsende ein Bedürfnis nach Zudecken des Alten und Auswischen der Vergangenheit hatte.

Aber auf der ganzen Welt gilt dennoch die Wahrheit: Das Leben ist von uns aus nicht abwaschbar, und wo man das Gewesene mit einem raschen, praktischen Kunstgriff ausblendet, bleibt es dennoch bestehen … nur verdrängt. ————

Manch einem mag dieser umschweifige Predigtbeginn wie ein Ausweichen erscheinen, um nicht gleich auf die irritierenden Themen des Paulus zu sprechen kommen zu müssen, die unsere Kirche heute zuweilen als längst überwundene Reste einer überholten Sexualmoral behandelt, während andere unserer Glaubensgeschwister an ihnen immer wieder die eigentlichen Indizien einer großen Wahrheitsleugnung bei den Evangelischen festmachen.

Doch beide Seiten – die fröhlichen Befürworter ethischer Gleichgültigkeit in geschlechtlichen Dingen ebenso wie die ständig unanständig auf die Unanständigkeit Fixierten – übersehen den entscheidenden Zusammenhang, in dem fast alle moralischen, praktisch-en, konkreten Mahnungen des Neuen Testaments stehen. … Es geht nicht um Speisegesetze oder Sexualethik oder Sozialstandards!

… Es geht um die Auferstehung! ——

Beinah alles, was die apostolischen Schriften an Weisung und Anweisung für die Gemeinde enthalten, gewinnt seine Bedeutung vom Mittelpunkt der Heilsgeschichte her und wird darum wichtig, weil die Auferweckung Jesu unmittelbare Folgen für jeden menschlichen Körper und die ganze Menschheit insgesamt haben wird: Was zu Ostern an ihm geschah, wird uns allen künftig widerfahren.

… Das ist die beinah simple, aber allesentscheidende Voraussetzung, um wirklich als getaufter Mensch zu leben. Sie bedeutet: Nichts von unserem Leben, … auch nicht der Körper ist spurlos vorübergehend. Alles an unserem Leben … auch der Körper ist dauerhaft zum Sein in Gottes Gegenwart bestimmt. ——

Wer das nicht versteht oder wer es nicht ernst nehmen mag oder wer es unangenehm findet, der wird nie recht glücklich mit dem Evangelium werden können.

Denn wer den Körper bei Glaubenssachen lieber nicht mit dabei hat, der ist auf irgendeine kopflastige oder abstrakte Weise mehr zu Verklinkerung und Abwaschen geneigt, … als seien die Erlebnisse und die Zustände und Bedürfnisse seines Leibes irgendwelche Neben-handlungen oder Hintergrundbilder des rein Geistigen, die der Regen sowieso davonspült oder die Zeit spurlos verwischt. …

Das aber ist gegen das biblische Grundmuster der Schöpfung, die den Atem Gottes und die Materie unlöslich verbunden hat.

Gerade der an Leib und Seele gottebenbildliche Mensch soll sich nicht weismachen, sein Organismus und dessen Gliederapparat seien eine Tafel, auf die jeder Pennäler seine Zoten schreiben und nach dem schmutzigen Gelächter, auf das er zielte, wieder auswischen kann.

Der Körper mit seinen verschlungenen Wegen für Blut und Atem, mit seinen Kreisläufen von Ernährung und Verbrennung, mit seinen Geheimnissen der Fruchtbarkeit und der Heilung und des Alterns und Sterbens, die alle ein ganzes Leben lang verborgen wirksam sind, ist kein bloßes Sieb, durch das man nacheinander den Saft von Sauerkirschen und den Sud von Essiggurken abgießt, er ist kein Stundenhotel, durch das man alle Triebe jagt und nach dem Gesuhle wird die Wäsche gewechselt und das war‘s.

Der Körper ist die Heimat des Lebens, er ist Wirt und Hausherr der Seele, er ist der Stoff, aus dem Gut und Böse, Heiliges und Scheußliches heranreifen können bis sie bleibende Gestalt auch in Fleisch und Blut gewonnen haben. 

Darum ist es für Christen alles andere als gleichgültig und auch niemals nur vorübergehend, was wir mit dem Körper vornehmen und was wir ihm antun.                  

Weil der biblische Glaube also so „ganzheitlich“ ist – um einen modernen und positiv besetzten Begriff zu nutzen –, eben darum kennt dieser Glaube auch Bedenken im Blick auf alle möglichen Handlungen und Gewohnheiten, … Bedenken, die uns vielleicht als überholt erscheinen.

In Wahrheit steht aber auch hinter den Einschränkungen und Tabus, hinter den Weisungen und den Warnungen der biblischen Moral der fundamentale Grundsatz, dass der Leib am Heil und an der Heiligkeit ebenso beteiligt sein muss wie das Innere des Menschen und dass er kein gleichgültiger Gegenstand, kein bloßes Instrument, keine Hülle darstellt. … Jedenfalls nicht für die Gemeinde, die den aus dem Grabe Auferweckten kennt und ihm gehören, folgen und gleich werden will!

Wenn wir uns also meistens auf den Grundsatz einigen, Menschen hätten die Lizenz, alles zu machen, was sie mögen, so lange sie niemand anderem wehtun und schaden, dann haben wir diese Rechnung tatsächlich ohne den Wirt gemacht.

Denn ein Mensch, der – ganz ohne Fremdgefährdung –  seinen Körper nur als Mittel betrachtet, das ihm Rausch oder Respekt verschaffen, mit dem er Willkür oder beliebige Experimente anstellen kann, der spaltet sich selbst und bricht den Hausfrieden zwischen seinem physischen und seinem psychischen Ich, indem die eine Seite ein Risiko eingeht, das auch die andere vergelten muss.

Denn die sexuellen und die moralischen Übertretungen – das Ausschweifen der Triebe bei Unzucht und unverbindlichem oder erzwungenem oder gekauftem Geschlechtsverkehr, die Zügellosigkeit des Geistes bei den Götzendienern und den Lästerern und die Maßlosigkeit der Diebe und Gierigen und Süchtigen haben jeweils dies gemeinsam: Sie leben von der Illusion, dass das einmalige oder seltene Ereignis, der peinliche, aber ja auch nur vorübergehende Sieg eines eigentlich nicht zu rechtfertigenden Verhaltensdrangs so schlimm nicht sei.

… Lüge auf der Kanzel oder in der Kinderstube, Betrug in der Politik oder Wirtschaft, Sex ohne jene Gegenseitigkeit und Treue, die nicht nur für zwei Partner, sondern auch für ein drittes Leben … ein werdendes, abhängiges, schutzbefohlenes Leben die dauerhafte Basis schaffen könnte, … alle solche Augenblickslaunen, solche Ausnahmeanwandlungen, die wir auf Dauer ja wirklich nicht gutheißen, aber eben gelegentlich nicht vermeiden mögen: Die sind so ernsthaft nicht, weil sie ja nicht die Norm, sondern deren Durchbrechung darstellen.

Doch wo das Innere wiederholt die Schranke zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Ehrlichkeit und Betrug durchbricht, da wird der ganze Mensch ein Wesen ohne Haltung, ohne Halt, das weder mehr aufrecht noch aufrichtig sein kann. Wahn, Verstellung und krankhafte Unsicherheit werden auch psychosomatisch die Folgen sein.

Und wo das große äußere Austausch- und Verbindungsmedium – nämlich der Körper – beiläufig und unterschiedslos, unaufrichtig und flüchtig eingesetzt wird, da verliert das menschliche Innenleben alles, worin es gefasst und verbunden war, und zerfällt in schutz- und ziellose Bindungsangst und Bestätigungssucht.

Denn abwaschen, wegpusten, ungeschehen machen: Das lassen sich unsere Lebensäußerungen eben nicht!

Der Geist kann also den Körper und der Leib die Seele gefährden.

 … Der Leib kann die Seele gefährden. Dramatisch. … Ja, sogar endgültig und ewig!

Ersteres – die Wirkungen von psychischen Zwängen, Traumata und Leiden auf den Organismus – nehmen wir noch ernst.

Bei Letzterem – dass ein Freibrief für die Sexualität das Seelenheil zerstören kann – haben wir die Einsicht verdrängt und leugnen die Erfahrung. ——

Doch für Paulus und die christliche Gemeinde ist ausgerechnet diese Wechselwirkung, vielmehr die Verantwortung, die der Leib für das hat, was er an Leidenschaft bindet und löst, worauf er sich einlässt und was er sich fernhält, das zentrale Unterscheidungsmerkmal, das ihre Identität als Nachfolger des Menschgewordenen ausmacht.

Damit standen die Christen im bewussten Gegensatz zu allen Heiden, die entweder als Philosophen völlig unabhängig vom Leib denken und leben wollten, oder als Machtmenschen die Ästhetik und Kraft von Körpern feierten, indem sie sie wie ein Genussmittel bei ihren abhängigen Lustobjekten – bevorzugt Knaben – auskosteten oder als Werkzeug in Gestalt von untergebenen Soldaten und Sklaven restlos ausnutzten.

Doch weder diese Verachtung noch solche Vergötzung des Fleisches kann ja der Weg der Christen sein.

Für uns darf der Körper weder zum Fetisch noch zum Ding werden – weder zum Schönsten, noch zum Nichtigsten – , denn er ist beides nicht, sondern das Mittel wirklicher, höchster und heiliger Verbindung: Schließlich hat Gott sich im Fleisch geoffenbart – und zwar nicht nur in seinem Reiz und seiner Stärke, sondern auch in seinem Elend und seiner Not –, und dann hat Gott sich durch Jesu Auferweckung zum Bleiben des Körperlichen bekannt, und so verbindet jeder Körper Gott und die Menschheit, Himmel und Erde, irdisch Zeitliches und künftig Ewiges. Weder Haupt-, noch Nebensache, sondern grundlegend beziehungsstiftender Bestandteil: Das ist es, was Glieder und Eingeweide, Haut und Haare für das Menschen- und Gottesverhältnis eines Getauften sind.

Und darum soll unser Umgang mit allem Körperlichen immer dessen Vermittlerrolle berücksichtigen:

Blockiert das Leibliche das, was wir als Christen glauben und hoffen und lieben dürfen? Oder hält auch unser Körper sich bereit für Bewegungen,  Begegnungen und Berührungen, die die lebendige Wahrheit und Wirklichkeit Jesu Christi ihrerseits verkörpern und weitergeben?

Ist unser stoffliches Dasein also offen für den gegenwärtigen Gott?

… Bietet es Raum für Christus?

Denn das ist die letzte und eigentlich bis heute kaum angemessen wahrgenommene Folgerung, mit der Paulus – vermeintlich der Erfinder der leibfeindlichen Erbsündenlehre – uns überrascht, wenn er jeden einzigen christlichen Körper als Ort der Gegenwart Gottes, als Tempel des Heiligen Geistes beschreibt!

Nicht in unseren Gedanken oder unserem Gedächtnis, nicht in unserem Gefühl oder Gewissen allein will und kann Gott uns nahe sein, sondern in allen Fasern und in jeder organischen Notwendigkeit von Schlaf, Essen und Trinken, …. in jedem leiblichen Wohlgefühl von Tun und Liebe und Lust.

Gott, der den Menschen nie mehr in seine Bestandteile zergliedern wird, sondern Der als Gott des Bundes in jedem Einzelnen die unverbrüchliche Verbindung von Kreatur und Beseeltem heilen und heiligen will, … dieser Gott braucht Menschen, die Seine Anwesenheit in den schlichtesten und einfachsten und alltäglichsten Wechselwirkungen des Lebens bewahren und beweisen: Rede und Arbeit, Genuss und Verzicht, Hingebung und Beherrschung können wie selbstverständlich gottvoll sein … oder aber sinnlos. Entweder wir spüren und üben diese Gnade, dass unsere Geschöpflichkeit in allem den Schöpfer verherrlichen kann: Darin wie wir Nahrung zu uns nehmen, wie wir Leib und Geist aufeinander beziehen und behandeln, wie wir als Männer und Frauen den Geschlechtstrieb nutzen. In allem sind tausend Momente der Dankbarkeit und Verantwortung, der Freude und der Rücksicht, der Reinheit und der Gerechtigkeit angelegt.    

Und jede dieser Kleinigkeiten, jede dieser Natürlichkeiten trägt ihren unumkehrbaren Teil dazu bei, ob der Raum Gottes in der Welt durch uns ausgestaltet oder verschandelt wird, ob wir ihn erweitern oder ob wir Gott den Boden entziehen.

Nichts ist also unwichtig.

Nichts ist versteckbar.

Es ist nichts einfach abwaschbar … außer durch die Taufe, die aber gerade nicht die Fassade, sondern die alte, unregelmäßige, eigenwillige Wirklichkeit des aus Dreck und  Herrlichkeit gebildeten Menschen betrifft.

Genau diese nämlich – in ihrer auch nach der Taufe bestehenden ganzen Hinfälligkeit, in ihrer verwitternden Zeitlichkeit und ihrer irdischen Unvollkommenheit –  ermöglicht doch überall und jederzeit Lebenszeichen unserer Gottesnähe. In der Wirklichkeit unseres Daseins will Gott wohnen, er will eingebürgert, er will integriert sein in allem, was wir tun und treiben, was uns freut und hilft und hält.

Der Tisch, das Bett und das Bad, der Schrank, der Spiegel und der Sport können Räume der vertrauten Zugehörigkeit zu Gott sein, können unsere Bindung an Ihn beweisen: Durch Suchtlosigkeit, nicht Zuchtlosigkeit, durch Freiheit, nicht Abhängigkeit, durch Getreu-, nicht Getriebensein.  

Wir können und sollen Ihm also mit Fleisch und Blut Ehre machen, Der sich in uns wiederfinden und für immer mit uns leben will!

Gott ist also mit dem Leib zu preisen … physisch, praktisch und persönlich.

Weil Er uns so geschaffen hat und so haben will.

Weil wir Ihm mit Leib und Seele gehören.

Weil es eine Auferstehung der Toten gibt und das ewige Leben.            

Amen.

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