3.So.n.Trin., 17.06.2018 Stadtkirche 1.Johannes 1,5 - 2,6 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 3.n.Trin. - 17.VI.2018                                                                                                         

                1.Johannes 1,5 – 2,6

Liebe Gemeinde!

Das erste, was bei der Lektüre dieser einleitenden Sätze, dieser Grund-Sätze des 1.Johannesbriefes auffällt, wenn man sie im Original liest, ist ihre mächtige Klarheit.

Diese Sätze könnte man einem Studenten vorlegen, der gerade die Grundlagen des Griechischen gelernt hat, und wenn man ihn dann bäte, eine Übersetzung anzufertigen, käme mit Sicherheit mehr oder weniger das heraus, was wir in der Lutherbibel ebenso finden wie in fast allen treuen Übertragungen. … Es gibt wenige Abschnitte des Neuen Testaments, in denen die Übersetzer so völlig übereinstimmen: Abweichungen sind kaum  möglich, weil der Urtext so völlig durchsichtig und folgerichtig und geklärt wirkt. ——

… Wer so zielgerichtet, schnörkellos und hell zu formulieren vermag, der hat entweder die letzte Weisheit erlangt oder die hellste Wahrheit erkannt oder die tiefste Demut erreicht. …….

An Johannes’ Sätzen, in denen nichts weggelassen werden kann, weil nichts stört oder schmückt, an diesen Sätzen, zu denen nichts hinzugefügt werden kann, weil nichts offen oder unverständlich bleibt, zeigt sich also – noch ehe wir ihren Inhalt betrachten – , dass hier ein menschlicher Verstand und die Erfahrung eines Lebens an der Grenze ihrer Vollendung stehen: So sparsam und doch leuchtend sprechen meistens nur alte Leute, für die Leid und Fülle des Gewesenen zum Wesen selber, zum Wesentlichen geworden sind. Die schrecklichsten Tiefen und die glücklichsten Geheimnisse des Daseins klingen bei ihnen so einfach, dass ihre Vertrautheit mit allem in allem nur noch etwas Selbstverständliches berührt und Angst und Zweifel verschwinden. ——

Diese Wirkung natürlicher Glaubwürdigkeit und mühelos vermittelten Friedens hat Johannes, der uralte Lieblingsjünger Jesu als Greis in den ersten christlichen Gemeinden entfaltet. Zeugen, die ihn als Kinder erlebt hatten, wussten noch in der  zweiten Hälfte des 2.Jhdts. vom unauslöschlichen Eindruck zu berichten, den der letzte Überlebende aus dem Zwölferkreis machte, wenn er gelähmt, geistig entrückt und nach Innen gekehrt ehrfürchtig in die Versammlungen getragen wurde und dort lediglich wieder und wieder den Satz wiederholte: „Kindlein, liebet einander!“[i]

Aus diesem abgeklärten, vorletzten Zustand auf Erden, in dem ein Mensch seine Entscheidungen getroffen, ihre Folgen sämtlich getragen und ihren Lohn nun unmittelbar vor Augen hat, ist wohl auch der Brief des Apostels zu verstehen.

Er enthält das Bekenntnis und Vermächtnis eines Menschen, der selber auf Golgatha dabei war und trotzdem weiß, welchem ewigen Licht er entgegen geht. Er enthält den durch Belastung und Versuchung und Verfolgung und Bewahrung  unkompliziert gewordenen, rundgeschliffenen, kieselharten Glaubenskern eines apostolischen Lebens, das Herrliches und Höllisches hinter sich hat – und im Reinen damit ist.

Allerdings hat diese durch und durch geläuterte und reduzierte Gestalt, die die Botschaft des Evangelisten in seinen Episteln annimmt, eine logische Folge: Je klarer sein in der Welt müde gewordenes Auge das Licht des Gottessohnes sieht, je heller seinem alten Gehör die innere Stimme der Wahrheit klingt, je sicherer er im Lauf der Jahrzehnte das Wort und Gebot der Liebe Gottes erkannt hat und je stärker er in einem langen Leben die Reinigungskraft des Blutes Jesu Christi erfahren konnte – desto schlichter ist sein Vertrauen geworden.

… Alle Fragen hat die Wirklichkeit ihm beantwortet – damals, als nach Karfreitag der dritte Tag kam und dann die vierzig Tage des Glücks mit dem ewig Lebenden und dann der Schock des Himmelfahrtsabschieds und dann, nach zehn Tagen die plötzliche Durchdringung mit der Kraft des Geistes aus der Höhe, und dann die Jahre des Predigens und Wanderns und des Betens und der Mahlfeiern an unzähligen Orten der Erde und danach die furchterregende Einsamkeit und die Ketten auf der Verbannungsinsel Patmos und die heiligen Leiden und Freuden der Offenbarung der letzten Dinge und dann noch immer nicht der Tod, sondern das langsame, immer leisere Altern, in dem er für Maria, die ihm anvertraute Mutter (vgl. Joh19,27) nicht mehr sorgen musste, sondern ein anderer ihn gürtete und führte, wohin er gar nicht wollte (Joh21,18), und dazwischen das Schreiben des Evangeliums, und mit dem flacher werdenden Atem und den weniger werdenden Worte die immer kürzeren Briefe und das letzte Jahrzehnt seines Lebensjahrhunderts und der dritte kaiserliche Christenverfolger in Rom – Trajan, der auf Nero und Domitian folgte –, … und der See Genezareth wird blasser und Jerusalem wird blasser und Ephesus, die Stadt seines Alters wird blasser, denn nur Gott selber, … die Wahrheit, … die Liebe ist für ihn und vor ihm noch klar und immer deutlicher.

… Dem Johannes hat also diese Wirklichkeit seines Lebens für Gott und zu Gott hin alle Fragen beantwortet.

Und darum ist das, was ihm von alledem geblieben ist, eine ganz und gar eindeutige Botschaft, … etwas, das wir gewöhnlich abschätzig eine „Schwarz-Weiß-Botschaft“ nennen!

Denn darüber staunen wir, … dass da einer so fraglos und unvorsichtig einfach sagen kann: Gott ist für mich kein verschwommenes, verschleiertes Rätsel, sondern völlig klar. Von Gott geht eine so unverkennbare Ausstrahlung aus, dass wir uns entweder in Seinem Glanz befinden oder in radikaler Dunkelheit. Und dieses Entweder-Oder ist nicht von den üblichen, typisch menschlichen Grauzonen bestimmt, es ist nicht von Schatten begleitet und wird auch nicht von schwarzen Rändern eingefasst und überlagert. … Im Gegenteil. Das Blut des Sohnes Gottes ist wie der leuchtendrote Sonnenaufgang; wo sein Leben sich ausbreitet und fließt, da geschieht, was uns jeder Morgen zeigt: Aus Blutrot wird Taghelligkeit. ——

Es gibt da also nichts Dunkles zu fürchten, wo die Jünger vom Blut Jesu reden, das sie rein macht und neu.

Dass Jesus für uns starb – damals auf Golgatha, wo Johannes selber Augen- und Ohrenzeuge seiner Liebe bis zuletzt war – dass Jesus für uns starb, war wirklich das Ende der Nacht. … So viel Licht konnte das schwarze Reich nicht verdunkeln und verdecken: Das Sterben brachte – im Gegenteil – das unauslöschliche Licht in Jesus Christus endgültig hervor, indem sein Leben aus jenem Körper, jener einen Lebenszeit austrat, die es bisher umgrenzten, und seither überall und immer ist.

Schon der Lanzenstich in Jesu Seite war wie das Öffnen seines Grabes: Osterlicht strömt hervor, … unaufhaltsames Leben.

Und in diesem Licht und Leben können wir sein!

In einem Licht, das einfach gar keine Verdunkelung mehr erfährt. In einem Licht, das klar und ewig ist, weil keine Nacht ihm mehr folgt.

Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. ——

Das ist das blendende Weiß von Johannes’ Botschaft.

Und das Schwarz?

Das sind wir. Ganz einfach.

Nicht weil der Apostel den Dualismus lehrt, der zu seiner Zeit im römischen Reich viele nachdenkliche und ernsthafte Menschen faszinierte, die etwas von der persischen Hochreligion des Propheten Zarathustra erfuhren[ii]. Die persische Religion lehrte ein todernstes, lebensbedrohliches Ringen zwischen dem erleuchtenden Feuergeist des Schöpfers Ohrmazd und dem bösen Fürsten der Finsternis, Ahriman. … In deren Kampf ist alles einbezogen, in ihrem endlosen Kräftemessen teilt sich die ganze Welt, wird die Materie ebenso wie das Spirituelle verwickelt; ihr Duell zerreißt im Widerstreit der guten und der bösen Regungen auch die Menschenseele.

Diesen schwarz-weißen Dualismus – der um Vieles philosophischer und ethischer war, als der bequeme Brei, zu dem die Römer tausend bunte Götter in ihrem Staatskult vermischten – … diesen schwarz-weißen Dualismus hatte das jüdische Volk schon im babylonischen Exil und in der Zeit des großen Alexander kennen gelernt; und die ersten christlichen Missionare – darunter gewiss auch die Apostel des Iran, Judas Thaddäus und Simon Zelotes – begegneten bei den schwarz-weiß Dualisten einer solchen Sittenstrenge und einer so zwingenden Erklärung für die Konflikte zwischen Richtig und Verkehrt, zwischen Heiligem und Unheil, dass allmählich ein tiefer Einfluss der persischen Zwiespaltreligion in den Sekten der christlichen Gnosis und dann auch in der Kirche zu wirken begann. Dass die Welt der Schauplatz eines riesigen Zwei-Lager-Krieges sei und dass die Wahrheit also nur in einer apokalyptischen totalen Schlacht um den Endsieg sich behaupten werde – insgesamt also genau die Propaganda des Islamismus und der christlichen Fanatiker – das sind Auswirkungen jener Begegnung mit dem Dualismus Zarathustras.

Doch die Klarheit des alten Johannes, sein reines Entweder-Oder hat nichts von der erstickenden Bedrohlichkeit einer Welt zwischen zwei gleichstarken magnetischen Polen.

Johannes kennt das Weiß des Lebens, der Liebe und des Gebotes Gottes. So herrlich leuchtend, so ungetrübt und sonnenklar ist es, dass es eine ganz leichte, eindeutige Frage der Wahrheit ist, ob wir ein derartiges Licht auch an und in uns haben?

– Sind wir aber nicht von dieser schattenlosen, gleichmäßig weltraumfüllenden Heiterkeit, dann ist neben diesem wundervollen Glanz physikalisch und psychologisch alles andere schlicht Schwärze.

Wer sich darum einbildet und wer rausposaunt, er selber sei so transparent, so einleuchtend, so durch und durch klar und wahr wie Gott, der lügt.

Sünde ist der Selbstbetrug der Schattenwelt, sie sei aufgeklärt.

Das Allerschrecklichste an diesem Irrtum, an dieser trüben Selbsttäuschung ist aber, dass den Sündern, die sich selbst für helle halten, die wirkliche Quelle aller Wärme und aller Einsicht verborgen bleibt.

Diese tatsächliche Quelle der Erleuchtung und der Einsicht ist aber das Gebot Gottes, … das Gebot, das Johannes ... wie Jesus … wie die Propheten … wie Moses in dem einen Hauptgebot zusammengefasst sieht: „Liebt!“

Diese Hauptsumme des Gesetzes, diesen Kern und Stern der Wahrheit und des Lebens hat noch der alte Apostel Johannes um die Jahrhundertwende nicht umsonst wiederholt und wiederholt. Nicht aus Vergesslichkeit, nicht aus Demenz, sondern weil da, wo wir alles vergessen dürfen und nichts mehr behalten müssen, die Summe doch nach wie vor nicht mehr und nicht weniger und nichts anderes ist als dieses: „Kindlein, liebet einander!“

Wer dagegen sich selbst für die Sonne hält, für das Zentralgestirn, für rein und richtig und tadellos, der kann nicht lieben – jedenfalls nicht im christlichen Sinn! –, weil er keinem Beispiel folgen kann.

Wer sagt, er habe keine Sünde, der kann ja nur sich selber als beispielhaft sehen. … Einem Vorbild folgen, die Bahn aller Körper um die große Sonne mitvollziehen: Das hingegen kann ein solcher blinder Sünder nicht, weil er ja von sich selbst geblendet ist.

Seine Sünde zu bekennen, heißt darum vor allem anderen, sich selbst vom erdichteten Himmel auf die wirkliche Erde zu versetzen und zu gestehen, dass man eben nicht überirdisch ist, sondern ein Trabant, ein Nachfolger sein will, jemand, der in der Umlaufbahn des wirklichen Lichtes und der wirklichen Liebe dem Gebot folgen will, das die Welt ordnet und schön macht.    

Und das ist das Wunder des Evangeliums, dass in ihm das Beispiel, wie wir leben sollen, und die Botschaft von der Sündenvergebung, die unser Leben rettet, in eins fallen: Indem Jesus Christus uns die Liebe Gottes vorlebt, indem er das göttliche Gebot der Liebe erfüllt, erfüllt und bestätigt es sich eben auch an uns: Dass Gottes Sohn uns liebt, ist ja die Versöhnung für unsere Sünden – und die der ganzen Welt! – und zugleich der Weg, auf dem wir ihm folgen, nahe sein und ähnlich werden können.

Und so ist das Glauben und Leben als Christ tatsächlich nicht schwer, sondern in Wirklichkeit so einfach und klar, wie Johannes es uns hinterlassen hat:

Gott ist Licht.

Wir sind’s nicht.

Aber der Glanz unseres herrlichen Gottes schließt die Finsternis nicht aus, wie in der dualistischen Sicht der Welt, sondern will sie erhellen und mit sich selbst erfüllen.

Und wer immer in der Dunkelheit bereit ist, sich erleuchten, d.h. vor allem: sich von Gott lieben und vergeben zu lassen, in dem wird alles, … alles ebenso hell.

Wenn die Sonne der Versöhnung in einem Menschen aufgeht, dann wird er selber lieben, bis Gottes Liebe in ihm vollkommen ist.

Wir trüben Menschen können nämlich als Liebende so leben, wie Jesus gelebt hat und lebt! ———

Klarer – und wunderbarer … und einfacher! – geht es nicht.

Amen.



[i] Aus historischer Sicht werden die vielfältigen Zeugnisse, die sich auf Johannes(-Gestalten), beziehen am gründlichsten vorgestellt bei Martin Hengel, Die johanneische Frage, Ein Lösungsversuch (WUNT 67), Tübingen 1993. Die Predigt gründet auf der altkirchlichen Überlieferung, die den Apostel mit dem Evangelisten und dem Empfänger der Offenbarung identifiziert: Folgt man dieser Tradition, wird das Corpus der johanneischen Schriften plausibel als Ausdruck einer langen, biographisch-meditativen Entwicklung.

[ii] Faszinierend für eine Gemeinde, in der viele iranische Neuchristen eine Heimat suchen und finden, ist die Erfahrung, dass unter den Iranern bis heute – trotz der islamistischen Unterdrückung – immer noch erstaunliche Kenntnisse der zoroastrischen Vergangenheit lebendig sind und ein kultureller Patriotismus diese Aspekte der persischen Geistesgeschichte nach wie vor als Bestandteile der eigenen Identität wahrnimmt. Das ergaben auch unmittelbare Rückmeldungen der iranischen Hörer zur Predigt.

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