Konfirmation / Misericordias Domini 15.04.2018 Stadtkirche Johannes 10,11ff Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth Misericordias Domini / Konfirmation 15.IV.2018                                                             

                           Johannes 10,11

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Seid Ihr hütbar?

– Das Rechtschreibprogramm meines Computers zeigt mir an, ich könne Euch diese Frage nicht stellen, weil es das Wort gar nicht gibt. Und die Autokorrektur schlägt vor, ich solle Euch lieber fragen, ob Ihr vielleicht „hörbar“ seid, … aber das muss ich nicht, denn die Antwort ist ein dreifach donnerndes „Und ob“. Ja, hörbar seid Ihr definitiv! … Zum Glück! Schließlich habt Ihr gerade laut von Eurer hörbaren Religionsmündigkeit Gebrauch gemacht und Gott mit Eurem Wort zu verstehen gegeben, dass Er mit Euch rechnen, dass Er in Zukunft Sein Recht und Sein Reich auch mit Euch voranbringen und vollenden kann.

… Aber dann ist es ja nur umso dringender nötig, noch einmal zu fragen, ob Ihr überhaupt noch „hütbar“ seid, oder ob ab jetzt nicht Schluss ist mit dem ganzen Kram von Kinderhüten und Babysitten über Aufpassen und Vorschreiben und Rumerziehen bis zum Ratschlägegeben und Vorschriftenmachen und ewigen Bevormunden?

Vermutlich habt Ihr einiges davon satt, und das Hüten und Behüten zählt für Euch nur noch zu den …. na eben! … „alten Hüten“, die langsam nicht mehr tragbar sind.

… Und Eure Eltern mögen es hier und da – stolz oder erschöpft – sogar ganz ähnlich sehen: Autopilot und Selbständigkeit und kein permanentes Beaufsichtigen und Beschützen und Zurück-in-den-Stall-Pfeifen mehr. … Ratinger Straße und Nachtresidenz: Here we come! —

Doch ausgerechnet jetzt steht einer hier vor Euch – am Tag, der irgendwie das Ende Eurer Hütbarkeit beschleunigt – und will Euch nochmal so richtig einherden und verlämmern und verschafen und verbocken, bis Ihr wieder „Määäh“ macht und klein und wollig seid?! …….

Das wäre wirklich typisch pastoral von Eurem Pastor, … schließlich heißt „pastoral“ ja auch einfach nur „hirtig“.

Will der Marquardt Euch also nochmal um jeden Preis als seine kleine Kaiserswerther Schafzucht behandeln und wenigstens noch einen großen, nichtlöslichen evangelischen Farbfleck auf Euern Pelz klatschen, damit man weiß, wer Ihr seid … so wie sie es in England und Australien und überall sonst, wo es freilebende Herden gibt, ja auch machen? ……

Na ja.

Ihr habt’s ja eben selbst gehört (Schriftlesung: Johannes 10,12f): Marquardt ist auch nur ein Mietling!

Wenn’s ernst wird mit Eurer Freiheit und Selbständigkeit und Eurem Risiko in Wildnis und Weite ... wo ist dann wohl der Pastor, wo ist dann der Miethirte? … Vermutlich – vielleicht sogar: hoffentlich?! –  nicht auf der Ratinger Str. oder in der Nachtresidenz oder wo immer Ihr Euch tummelt und auslebt oder wehtut und das arme Tier kriegt.

Da werden noch nicht einmal Eure Mutter, Euer Vater, Eure Geschwister und Familien unbe-dingt bei Euch sein, obwohl Ihr von denen wirklich in der Wolle gefärbt seid und sie Euch bestimmt von Herzen gern beistünden, wenn Ihr mal nicht ungeschoren davonkommt.

Je unhütbarer Ihr jedenfalls seid, je weniger festangebunden Eure Zukunft verläuft, je mehr Ihr Nomadenwege geht – und das heißt: je mehr Ihr Euch entwickelt und verändert und entfaltet – desto weniger wird irgendjemand, selbst wenn er’s noch so gut mit Euch meint, Euch behüten wollen und können.

Bis es sogar Tage geben mag, an denen Euch einfällt, wie schön der Stallgeruch früher war und wie angenehm es sich anfühlte, gefüttert und beschützt zu werden und einfach nur hinterherzutrotteln als Teil der vertrauten Herde.

Aber das nützt nichts.

Und schadet auch nichts: Wer groß wird und selbst verantwortlich ist, der ist irgendwann eben nicht mehr „hütbar“.

Das mag der Grund sein, weshalb es das Wort außerhalb der Fachliteratur für Schafzüchter auch gar nicht offiziell gibt, … weil man es irgendwann gar nicht mehr anwenden könnte auf Euch. … Vielleicht ja auch wirklich ab heute nicht mehr?!

Und trotzdem – ganz egal, ob es dafür auf unserer Seite einen Fachbegriff gibt – …, trotz aller unserer Unhütbarkeit bleibt eines dennoch immer und immer wahr: Nämlich dass wir einen Hirten haben, … den guten Hirten Jesus Christus.

Das ist eine Tatsache, die unabhängig von uns und unserer Lage und Situation einfach unveränderlich feststeht: Jesus Christus wird niemals aufhören, mit seinem Leben für Euer Leben geradezustehen. Ob Ihr ihn unbedingt abschütteln wollt oder ob Ihr Ihn vielleicht gerade deutlich vor Augen habt, … so oder so bleibt Er der eine, wirkliche, verlässliche, unbeirrbare Hüter und Beschützer Eurer Lebenswege durch Dick und Dünn. …

Denn gerade das ist ja die eigentliche Arbeit und Aufgabe eines Hirten: Dieses Dasein und Treusein, das meistens einfach im Hintergrund geschieht und das diejenigen oft gar nicht mitkriegen, über die da doch gewacht und für die da doch gesorgt wird.

… Frag mal ein Schaf auf der Weide, wo denn der Schäfer ist?

Es wird ihn seit dem Morgen überhaupt nicht mehr zur Kenntnis genommen haben, und hält sich inzwischen selbst vermutlich für den abenteuerlustigen Entdecker seiner grünen Aue und des frischen Wassers, an dem es weidet.

Der Schäfer verträgt das durchaus.

Und Gott seinerseits genauso.

… Was nicht heißt, dass es gut oder gerecht wäre, Gott so lieblos aus dem Blick zu verlieren und zu vergessen, dass Er immer da war und immer da bleiben wird.

Natürlich wünschte ich Euch und bitte Euch heute auch ganz feierlich darum, dass Ihr nicht zu jener Sorte unbekümmerter, strunzblöder Leute werdet, die alles als selbstverständlich nehmen und gar nicht mehr merken, dass sie nicht ihrem eigenen Genie oder einem zufälligen Glück, sondern dem Segen ihres Gottes verdanken, was sie Gutes erleben!

Ich bitte Euch also drum, dass Ihr nicht dämlich wie die Schafe, sondern verständig wie denkende Menschen durch Euer Leben geht und immer wieder einmal Eure Gedanken und Augen aufhebt und hinblickt und seht, wer da am Rand Eures Gesichtsfeldes steht und Euch nicht verloren gehen lässt. Der war am Morgen Eures Lebens da und hat Euch auf die Wege und die Weide gebracht, und Er wird auch am Abend noch da sein und Euch mit Seinem Stab und Ruf sammeln und heimbringen, bis Ihr wieder geborgen seid bei Ihm.

Denkt also zwischendurch immer wieder an unseren, an Euren Gott und dankt Ihm!

Und fragt Euch ab und zu auch dieses noch: Wenn es schon kein Wort dafür gibt, dass Menschen hütbar sind und oft auch hütbedürftig … warum gibt es dann eigentlich trotzdem diesen Hirten? Warum passt da einer auf und gibt sich dafür her, dass wir nicht einfach im finstern Tal abstürzen oder im Angesicht unserer Feinde Reißaus nehmen, sondern dass wir behütet und versöhnt und gesegnet durch alles das durchkommen und einmal bleiben werden bei Ihm?

Warum hat die unhütbare Menschheit einen so unverbesserlich treuen Hüter?  

Die Frage führt ins Zentrum unseres Glaubens.

Und trotzdem ist sie nicht einmal schwer zu beantworten:

Gott macht das alles – Euch zu beschützen und zu leiten und zu retten und endlich festzuhalten und in Sicherheit zu bringen – … Gott macht das alles nicht, weil Er so gerne der Rudelführer oder der Leithammel ist.  

Im Gegenteil und umgekehrt! … Und das ist übrigens der Grund, weshalb ich alle anderen Götter und Götterbilder der Menschheit für eine Zumutung und eine Mafia oder bloß einen schlechten Scherz halte!

Unser Gott, unser Retter ist also auch unser Hirte nicht deshalb, weil er so gerne der Herr ist. … Vor Göttern, die nur Herren sein wollen, ist ebenso zu warnen wie vor Menschen, die nur das wollen. … Denn es gilt die Grundregel: Hütet Euch vor allen, die über Euch herrschen wollen! Behütet Euch also selber vor denen, die so tun, als seien sie göttergleich oder göttlich. … Und vertraut jemandem und jedermann überhaupt nur dann, wenn Ihr wisst, dass da nicht von oben herab, sondern aus der Nähe und Wahrheit Eures Lebens heraus gesprochen und gehandelt und befohlen und geholfen wird.

Vertraut also keinem Gott, der nicht auch Mensch wurde!

Und lasst nur Den Euren Hirten sein, Der selber auch ……. – was haben wir jetzt seit Wochen von ihm zu singen geübt? – „Christe, Du …….“? – Genau!

Lasst nur Den Euren Hirten sein, der selber auch „das Lamm Gottes“ ist!

Denn Der weiß und kennt und teilt und rettet Euer Leben nicht von oben herab als großer Treiber und Vormund, sondern aus der  ganzen Wirklichkeit von Lachen und Weinen, Leiden und Lieben, Freude und Schmerz, Ratinger Straße und Kaiserswerther Stadtkirche heraus … aus dieser Wirklichkeit heraus, die er als sterblicher Mensch erfahren hat und die aus dem Lamm Gottes den einzig wahren, guten Hirten gemacht hat.

Das ist Eure Wirklichkeit.

Und wenn man darin auch nicht hütbar sein mag, weil es das Wort schlicht nicht gibt … wichtig ist doch nur: Wenn Ihr Christus gehört und folgt, seid Ihr vielleicht nicht hütbar, aber ganz gewiss trotzdem behütet … und werdet’s immer bleiben!

Amen. 

Alle anzeigen