Quasimodogeniti, 08.04.2018, Mutterhauskirche, Joh.21 1-14, Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde!

„Im Evangelium des Johannes wiegt jedes Wort einen Zentner." So hat einmal Martin Luther dieses Buch charakterisiert. Bei einem Ausleger unserer Zeit habe ich den Satz gefunden, dass speziell im 21. Kapitel die für das ganze vierte Evangelium charakteristische Neigung zur symbolischen Redeweise zur vollen Entfaltung kommt.

Die Aufgabe, die sich uns heute morgen also stellt, heißt: sich auf eine Entdeckungsreise in den Predigttext hineinzubegeben, um die Symbole als Ausdrucksformen des Glaubens herauszuarbeiten, damit sie uns zum Leben helfen.

Unser Text gehört mit dem ganzen Kapitel 21 zu einem Nachtragsteil des Johannesevangeliums, das aus dem Kreis der Jünger des Evangelisten stammt. Eigentlich ist mit dem Kapitel 20 das ganze Evangelium abgeschlossen. So heißt es in Vers 30f : „Noch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen." Alles ist also gesagt, was gesagt werden muss, um Jesus als den Christus zu glauben und das heißt vor allen Dingen: zu glauben, dass er der Lebendige ist, der den Tod überwunden hat. Zwei Begegnungen schildert der Evangelist zwischen Jüngerinnen und Jüngern und dem Auferstandenen: die Begegnung Jesus - Maria von Magdala und die Begegnung zwischen Jesus und seinen Jüngern - und die sozusagen noch in doppelter Ausführung, einmal ganz handgreiflich für den Zweifler Thomas.

Alles ist also gesagt, damit die nachfolgende Gemeinde weiß: Jesus ist der Christus, er lebt.

Und dennoch dieser Nachtrag. Und mit Recht, denn es gibt noch etwas ganz Wichtiges zu sagen - für die nachfolgenden, die kommenden Generationen der Christen, für uns: wie nämlich wir in unserem Leben erfahren können, dass Jesus der Christus ist, dass er bei uns ist, mitten unter uns.

Ein drittes Mal offenbarte sich Jesus, heißt es in Vers 14. Unser Predigttext zeigt also auf, auf welche Art und Weise sich Jesus - bis heute - seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern zu erkennen gibt.

 

„Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger."

 

Sieben Jünger werden hier aufgeführt - stellvertretend für alle anderen, die Jesus nachfolgen. Ein Name fällt auf: Nathanael. Er gehört nicht zu den  Zwölfen. Nur im Johannesevangelium kommt er vor; zweimal wird sein Name genannt, im ersten und hier im letzten Kapitel. Damals, bei seiner Berufung, bekommt er von Jesus die Zusage: „Du wirst noch Größeres erleben." Das soll nun am Ende in Erfüllung gehen. Er erlebt das Größte, was es für einen Menschen gibt: er erlebt Jesus als den Auferstandenen; er erfährt, dass der Glaube an diesen Herrn trägt und Zukunft eröffnet, da wo alles andere wegbricht. Aber noch sind ihm die Augen nicht geöffnet. Gehen wir also den Gang der Geschichte mit, um dieses „Größere" mit Nathanael zu erleben.

 

„Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen.

Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen.

Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts."

 

Die Jünger sind wieder in ihren Alltag zurückgekehrt. Aber eine seltsame Lähmung liegt auf der Szene. Sie machen irgendwie weiter, wie gehabt, denn das Leben muss ja weitergehen. Aber es ist kein erfülltes Leben. Ihre Bemühungen, ihre Anstrengungen sind letztlich umsonst. Was sie unternehmen, bleibt folgenlos. Das Netz bleibt leer. Sie sitzen halt alle in einem Boot; aber das ist es auch. Die Begeisterung, der eigene Antrieb fehlt.

Für die Jünger heißt das auch: sie haben zwar alles über Jesus und sein Leben gehört und müssten eigentlich als Glaubende gelten; und trotzdem verläuft ihr Glaubensleben leer. Das Bild vom Boot und Fischfang ist ja geradezu das Bild von der Kirche und ihrem Wirken. Und ist es nicht auch heute so, dass gerade im kirchlichen Leben viele, die angetreten sind, die Botschaft Jesu unter die Menschen zu bringen, die Erfahrung von Leere und Erfolglosigkeit machen?

„Nacht" nennt die Bibel die Zeit solcher Leere. Eine seelische Zeitangabe. Ein Boot, draußen auf dem See, in der Nacht - und die Netze sind leer: wahrlich kein hoffnungsvolles, ermutigendes Bild. Wie kommt man da zum Tag, wie gewinnt man das feste Land, den Boden unter den Füßen, wie kommt man dahin zu wissen, wofür man lebt?

Unser Text sagt: der Anfang ist gemacht und die innere Verzweiflung und Dunkelheit lichtet sich, wenn einem die eigene Leere „klar" zu werden beginnt, wenn es einem „dämmert", trotz aller Anstrengung letztlich mit „leeren Netzen" dazustehen. Und diese Einsicht kann nur entstehen vor dem Hintergrund einer „Vision" einer ganz anderen Gestalt des Menschseins, einer Vision vom anderen Ufer.

 

„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen?  Sie antworteten ihm: Nein."

 

Wer begegnet da eigentlich den Jüngern am See? Es ist viel zu leicht, schnell „der auferstandene Jesus" zu sagen! Damit raubt man sich selbst die Chance, den Weg mitzugehen, den die Geschichte selbst eröffnet. Den Weg, den auch die Jünger im Boot gegangen sind - und die haben ihn ja nicht sogleich erkannt. Was ihnen da erscheint, ist eine Gestalt, die ihnen zunächst einmal den Mut gibt, offen zuzugestehen: sie haben nichts zu essen. Nichts, wovon sie leben können. Sie sind leer und hungrig. Kaum ein Geständnis kann uns Menschen schwerer fallen als dieses: zuzugeben, dass man trotz aller Anstrengungen, trotz aller ehrlichen Bemühungen bei Licht besehen mit leeren Händen dasteht. Zu solcher Armut zu stehen, das war - wir erinnern uns - Adam und Eva in der Paradiesesgeschichte nicht möglich. Sie versteckten sich, machten sich Schurze - und änderten doch an der Tatsache ihrer Nacktheit, d.h. Armut und Bedürftigkeit nichts. Dass die Jünger hier zu ihrer Armut, ihren leeren Händen stehen können, das ist unendlich viel. Und sie können es im Angesicht dieser Erscheinung vom anderen Ufer. Sie ruft in ihnen diesen Mut, diese Kraft wach - und damit schon neues Leben.

 

Folgen wir weiter dem Text:

„Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden.  Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische."

 

Was steckt hinter dieser Aufforderung, und warum sollen sie das Netz ausgerechnet zur rechten Seite des Bootes auswerfen? Und warum ist dann das Netz voll?

Die Jünger - und damit wir - sind berufen, in unserem Leben, in dem, was wir schon immer tun, Erfüllung zu finden. Wir brauchen nicht alles hinzuwerfen, sondern der Sinn des Lebens will in unserem Alltag entdeckt werden. Die Gestalt „vom anderen Ufer" beauftragt uns, ganz im Diesseits zu leben, das eigene Leben anzunehmen. Und zwar bewusst und entschieden. Die rechte Seite steht für das bewusste Handeln. Es geht darum, bewusst zu tun, was man tut, eben am hellen Tag - und nicht mechanisch weiterzumachen, zu funktionieren. Nur ein selbstgelebtes, bewusst gestaltetes Leben kann innerlich Erfüllung bringen. Wer weiß, was er glaubt und was er tut, bei dem beginnt sich das Leben zu füllen wie ein Treibnetz voller Fische. Und die Erfahrung der Fülle im eigenen Leben, die Erfahrung solch tiefen inneren Glücks, sie wird zur Voraussetzung, um die Person Jesu in ihrer Wahrheit und Lebendigkeit wirklich erkennen zu können. Je mehr das eigene Leben sich in seinem Reichtum enthüllt, erschließt sich zugleich, wer Jesus war und bleibend ist. Glaube und Erfahrung gehören zusammen - das ist die Botschaft unseres Predigttextes.

 

„Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr!   Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. Die anderen Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa 200 Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen."

 

Im Bewusstsein, worauf unser Leben hinausläuft, was seinen Sinn ausmacht, eben in der Erkenntnis, dass es Jesus ist, der auf uns am anderen Ufer wartet, brauchen wir uns nicht mehr vor den Risiken des Lebens zu fürchten. Ja, die Unwägbarkeiten sind sogar überschaubar - dafür stehen die 200 Ellen, mit denen die Distanz zwischen dem Boot und dem anderen Ufer angegeben ist. Wer weiß, was er glaubt und wofür er lebt, der kann sich sogar ganz in das Leben hineinwerfen - wie Petrus sich in den See hineinwirft. (Und er ist dabei nicht verrückt, sondern tut es überlegt - wie Petrus nicht nackt ins Wasser springt, sondern sich sein Obergewand anzieht. Bekleidet heißt hier: überlegt und vernünftig.)

 

„Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlefeuer und Fische darauf und Brot. Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt!  Simon Petrus stieg hinein ins Boot und zog das Netz an Land, voll großer Fische, 153. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht."

 

Am anderen Ufer angekommen, zeigt es sich: es ist schon angerichtet. Das soll die Jünger, das soll uns nicht enttäuschen - als wäre unser menschliches Tun überflüssig; sondern vielmehr: gerade im Gefühl und Bewusstsein der eigenen Erfülltheit merkt man, was Jesus, was Gott uns schon immer bereitet hat. Gerade die Erfahrung der Fülle im eigenen Leben lässt uns einfach dankbar sein und so Gott die Ehre geben. Unser ganzes Dasein ist letztlich Geschenk - und die Dankbarkeit und Freude darüber beflügelt einen, selbst zu tun, was man tun kann. Denn: unser Tun, der Ertrag unseres Lebens ist bei Gott gefragt, er ist Teil der ganzen Fülle.

„Bringt von eurem dazu" fordert Jesus die Jünger, fordert er uns auf. Gottes und unsere Arbeit verschmelzen zu einem großen Ganzen. Menschliches und Göttliches greifen ineinander, durchdringen und fordern sich gegenseitig.

153 Fische sind es, die die Jünger dazutun können. Ich habe zwei verschiedene Auslegungsmöglichkeiten hinsichtlich dieser Zahl gefunden, die für mich beide sehr bedenkenswert sind.

Einmal bemerkt der Kirchvater Hieronymus dazu, dass die Naturforscher seiner Zeit 153 Fischarten kannten. Die Zahl bedeutet dann, dass es bei dem Fang nicht nur um Viel geht, sondern um Alles. Gott hat die Fülle, hat Alles in unsere Hände gelegt.

Nun die andere Auslegungsmöglichkeit:

die konkrete Zahl will sagen, dass es für jeden im Hinblick auf sein Leben, seinen Erfolg und Ertrag, vor Gott ein festes Maß gibt - und nicht mehr und nicht weniger. Es geht nicht um Alles oder Nichts, sondern darum, ob wir das in unserem Leben und Alltag zur Entfaltung bringen, was in uns angelegt ist. Was wir einbringen können - ohne dass das Netz zerreißt - ohne dass wir überfordert sind.

 

„Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl.  Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war."

 

Das gemeinsame Mahl als Sinnbild der Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Wir sind die Eingeladenen und feiern die Fülle des Lebens. Und wo wir in solcher Feier verbunden sind, da erübrigt sich alles Fragen, da braucht es keine Beweise: da ist Jesus lebendig gegenwärtig, mitten unter uns. Da braucht keiner den anderen mehr zu belehren, wie es Jeremia schon geschrieben hat, sondern da erkennt jeder Gott in seinem Herzen. Da findet der Glaube sein Ziel.

Wenn wir das berücksichtigen, dann verliert der Vers 13 auch seine Merkwürdigkeit, wo es heißt:

 

„Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische."

Gerade das Bewusstsein seiner Lebendigkeit in unserem Alltag und Leben lässt uns immer wieder neue Erfahrungen seines Kommens machen, immer wieder neue Osterbegegnungen erleben. So möchte er erlebt werden, wenn wir im Gottesdienst das Abendmahl feiern. Und genauso möchte er erlebt werden, wenn wir beispielsweise in einer Lebenskrise stecken und uns Menschen mit wirklich guten Worten helfen, uns auf diese Weise Brot des Lebens reichen, wie Jesus es ja auch so oft ausgeteilt hat. Dass wir diese Begegnungen nicht gering achten, sondern als das „Größere" unseres Lebens begreifen, das Jesus Nathanael und mit ihm uns versprochen hat, das wünsche ich uns allen.

Amen.

 

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