2.Christtag 2017 Stadtkirche Offenbarung 7, 9 - 12 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 2.Christtag 2017                                                                                                                 

           Offenbarung 7, 9 – 12

Liebe Gemeinde!

Pfingsten ist nicht Weihnachten.

Der Hauptunterschied dabei dürfte sein, dass eine Publikumsbefragung auch heute noch zutage brächte, dass viele Menschen die Weihnachtsgeschichte – die Ursache des Festes mithin – kennen. Bei Pfingsten – das lehrt eine Erkundigung auch unter den Getauften auf’s Ernüchterndste – ist alles andere der Fall.

Und doch lassen sie sich nicht trennen, sondern verhalten sich wie das Wasser und die Gießkanne oder das Guthaben und der Geldautomat: Weihnachten ohne Pfingsten käme nicht an, schlüge nicht ein, erreichte gar nichts.

Denn Weihnachten ohne Pfingsten wäre bloß:

Ἐγένετο δὲ ἐν ταῖς ἡμέραις ἐκείναις ἐξῆλθεν δόγμα παρὰ Καίσαρος Αὐγούστου ἀπογράφεσθαι πᾶσαν τὴν οἰκουμένην. αὕτη ἀπογραφὴ πρώτη ἐγένετο ἡγεμονεύοντος τῆς Συρίας Κυρηνίου. καὶ ἐπορεύοντο πάντες ἀπογράφεσθαι, ἕκαστος εἰς τὴν ἑαυτοῦ πόλιν. Ἀνέβη δὲ καὶ Ἰωσὴφ ἀπὸ τῆς Γαλιλαίας ἐκ πόλεως Ναζαρὲθ εἰς τὴν Ἰουδαίαν εἰς πόλιν Δαυὶδ ἥτις καλεῖται Βηθλέεμ, διὰ τὸ εἶναι αὐτὸν ἐξ οἴκου καὶ πατριᾶς Δαυίδ, ἀπογράψασθαι σὺν Μαριὰμ τῇ ἐμνηστευμένῃ αὐτῷ, οὔσῃ ἐγκύῳ. ἐγένετο δὲ ἐν τῷ εἶναι αὐτοὺς ἐκεῖ ἐπλήσθησαν αἱ ἡμέραι τοῦ τεκεῖν αὐτήν, καὶ ἔτεκεν τὸν υἱὸν αὐτῆς τὸν πρωτότοκον, καὶ ἐσπαργάνωσεν αὐτὸν καὶ ἀνέκλινεν αὐτὸν ἐν φάτνῃ, διότι οὐκ ἦν αὐτοῖς τόπος ἐν τῷ καταλύματι.

… Es wäre einfach nicht das selbe und hätte sich kaum durchgesetzt.

Dass Weihnachten Weihnachten ist, liegt nicht zuletzt nämlich auch am vertrauten, kanzlei-sächsischen, großvater-seligen, weihnachtoratorischen, kindheitsvollen, heilig-heimeligen:

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde, und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Da machte such auf auch Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth in das jüdische Land … (heißt seit der Bibelrevision dieses Jahres wieder geographisch-korrekt das „judäische“ Land und verwirrt doch nur [so viel zum Vertrauten] …).

Ohne dass es also Eingang in unsere Sprache und durch die Sprache in unser Bewusstsein und unsere Kultur gefunden hätte, wäre aus dem Ereignis von Bethlehem in des Augustus Tagen nie etwas so Bleibendes, so Zivilisationsstiftendes, so seelisch tief Entscheidendes geworden.

Doch so wunderbar und wichtig demnach Pfingsten – der geistvolle Vorgang der Übersetzung und Aneignung – auch ist und immer sein wird,  … so lässt sich doch nicht übersehen, dass die notwendige Tatsache der Eindeutschung von Weihnachten auch dessen allmähliche Verwandlung bedeutet.

Denn das Evangelium von Christi Geburt und deren Feier sind ja nicht nur „verdeutscht“ worden, sondern auch in alle anderen Sprachen und Sitten der Völker übertragen. …. Und was für uns seitdem der Kern und das Wesentliche an Weihnachten sein mag, ist für unsere Nachbarn, für unsere christlichen Geschwister überall nur sonderbare Eigentümlichkeit und unerklärliche Ablenkung. Der Schmuck und die Melodien, der Duft und die Erinnerungen, die uns nach Bethlehem oder in den Himmel versetzen oder an die Hand unserer Toten, die alles das einst mit uns teilten, … sie sind von Landstrich zu Landstrich, von Erdteil zu Erdteil, von Geschlecht zu Geschlecht verschieden und sie bleiben unvermittelbar, … fremd.
Allein schon, wenn unsere allernächsten Mitchristen im Hirtenamt oder in ihren Weihnachts-messen die sog. „Einheitsübersetzung“ aufschlagen und man vernimmt:

„Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war …“

…  allein dann schon fragen wir uns ja unwillkürlich: Ist das noch das Hochfest der Geburt des Herrn oder nicht doch eher ein Abendschulkurs in Bürokratendeutsch? —

So hat also der pfingstliche Weg zu den Völkern der Welt zu volkstümlicher Vervielfältigung der Weihnachten geführt, und keine Weihnacht – gemeint ist: kein christliches Weihnachtsfest –, die doch zur selben Zeit gefeiert wird, gleicht dem anderen. …….

Welches Weihnachten aber wäre denn dann das echte?

Streng liturgische Feiern oder das traute hochheilige Wohnzimmer-Fest?

Die kirchliche Straßenfrömmigkeit des Südens, die musikalische Hochkultur der Mitte, die herb-heidnische Freude an den Winter-Lichtern im Norden Europas?

Gibt es eine unter diesen vielen deutenden, spielerischen, tiefsinnigen Aneignungen des Christfestes, die dem Original besonders nahe käme? … Und wie können wir uns überhaupt dieses eigentliche Weihnachten und seine ursprüngliche frohe Botschaft, wie können wir uns die Urfassung dessen vorstellen, was wir vorgestern, gestern und heute gottesdienstlich nachvollziehen? … So, dass das Aramäisch, das in jener ersten heiligen Nacht gebraucht worden sein muss, als das gesprochene Wort gilt, … oder doch eher das griechisch geschriebene Wort der Evangelien … oder jene gedolmetschten Texte, die für jeweils ein Volk, eine Kirche kanonisch geworden sind? ……. ———

Alle diese Nachforschungen nach dem Wortlaut der Weihnacht sind jedenfalls mehr als Haarspalterei, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir hier die Fleischwerdung des Wortes betrachten.

Denn dass Gottes Wort Mensch wurde: Das ist die erste und fundamentalste Übersetzung, mit der unser Glaube beginnt.

Doch dieser Übergang aus dem unsäglichen Geheimnis des Gotteswortes in die Menschenwirklichkeit stellt uns ja sofort auch vor Augen, dass die Suche nach dem einen, einzigen, ersten und ewigen Sinn, auf den alle Übertragungen zurück verweisen, aussichtslos ist!

Weil Gottes Wort schlicht alles ist und alles umfasst, weil es alles enthält und alles vermittelt, darum kann es keine allein angemessene Übersetzung dafür geben, sondern nur ein „Weihnachtspfingsten“, das die menschlich gewordene Geschichte Gottes, das die Geschichte des einen Menschen Jesus in den Glauben und das Leben unzähliger anderer Menschenkinder einträgt und jedem davon sein eigenes Verstehen, seinen eigenen Reim darauf eröffnet.

Gottes Wort wurde ja genau deshalb Mensch, dass nicht alle unsere Erfahrungen und Überzeugungen und Gebete und Hoffnungen zurückgeführt werden müssen in eine einzige Urform, sondern dass es tausend Echos und Antworten, tausend Aneignungen und Entwicklungen geben solle, die alle von diesem einen lebendigen und als Mensch den Menschen verständlichen Jesus Christus ausgelöst werden.

Darum geben ihn die zeit- und endlosen Gesänge der griechischen Mönche genauso wieder  wie der Andachtsjodler der frommen Tiroler; ihn preist der vollorchestrierte Händel’sche „Messias“ ebenso gut und getreu wie der monotone Trommelrhythmus des äthiopischen Priesters im Hochland von Abessinien; von ihm zeugen einfachste Tagebucheintragungen voller Stoßseufzer der Not nicht minder zuverlässig als ausgefeilteste literarische Kompositionen und Lehrgebäude.

Das eine Wort Gottes, das in Jesus Christus zum schreienden Neugeborenen und zum lachenden Kind, zum tröstenden Meister und zum predigenden Rabbi, zum betenden Nachtwacher und zum schweigenden Opfer, zum winselnden Todeskandidaten und zum segensjauchzenden Sieger geworden ist – das eine Wort Gottes kann niemals aufhören, sich durch den Menschen mit allen seinen Ausdrucksmitteln mitzuteilen, … unbegrenzt, … von Neufassung zu Neufassung, … von Akzentverschiebung zu Akzentverschiebung, … von anhänglich auswendig gelernter Weitergabe zu neuer sprachschöpferischer Begeisterung … und fort und weiter … und darüber hinaus.

……. Immer wird das Wort übernommen und übersetzt und überliefert werden und darum kann es keine christliche Einheitssprache und auch keine Einheitsübersetzung geben und auch keine Einheitsweihnacht, sondern nur den Formen- und Gestaltreichtum der Menschheit auf den vielen Wegen zur Krippe, auf den vielen Wegen zu Gott. ——

Aber was, wenn die deutsche Ordnungsliebe und wenn der Wunsch nach sauberer theologischer Systematik uns immer noch die Frage stellen, ob es denn dann gar nichts eindeutig Gemeinsames in der Christenheit geben werde, ob denn gar keine Aussicht auf Gleichlaut und Übereinstimmung bestehe? – Nun, dann blicken wir heute, am zweiten Tag der Weihnachtsfeier auf, … dorthin, von wo die Weihnachtsbotschaft zuerst zu den Analphabeten kam, die sie hören und glauben und mündlich, nach ihrer Façon und zum Kopfschütteln ihrer Hörer weitersagen sollten.

Und was sehen und hören wir dort, … im Himmel hoch, wo wir die eine Form und Fassung der Wahrheit, die dann bitte schön für alle stimmen soll, wo wir die „Einstimmigkeit“ vermuten könnten?

 … Was hören und sehen wir im Himmel, in der Menge der himmlischen Heerscharen?

Nun, das was Ihnen auf dem Gottesdienstblatt in der Muttersprache vieler Russlanddeutscher – dem „Plautdietschen“ – und auf Portugiesisch und Finnisch und Hindi und Ungarisch und Thai und Maori vorliegt*. Wir hören und erleben im Himmel die himmlische Vielstimmigkeit und die menschheitliche Mehrsprachigkeit, wenn es dort heißt:

 

Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen, und riefen mit großer Stimme: Das Heil ist bei unserm Gott, der auf dem Thron sitzt, und bei dem Lamm! 

Und alle Engel standen rings um den Thron und um die Ältesten und um die vier Wesen und fielen nieder vor dem Thron auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Amen, Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. 

 

In Gottes eigener Gegenwart löst sich der Chor der unüberschaubar vielen, mal harmonischen, mal sich reibenden Stimmen der Menschheit nicht auf in homophones Wohlgefallen, sondern was immer an Irdischem dort nicht mehr hinreicht und nicht mehr gilt: Jene menschlichen Unterschiede, die wir ethnisch und kulturell nennen, sie bezeichnen offenkundig immer noch auch die Gemeinde, die schon bei Gott ist. Dass wir verschiedene Sprachen sprechen und unterschiedliche Bräuche pflegen, dass wir nicht alle die gleiche Geschichte und vergleichbare Erfahrungen mitbringen, das also hindert nicht, dass alle dennoch den einen wahren Gott anbeten und ihm mit großer Mehrstimmigkeit das Lob der Völker und Engel bringen.

Für diese Schar, die niemand zählen kann, wie sie vor dem Thron und dem Lamm stehen, … für diese Schar muss man sich im Namen des Christentums den blauäugig verhackstückten Begriff des „Multikulturellen“ zurückwünschen.

Wohlgemerkt nicht im Sinne der großen Gleichgültigkeit, die nichts ändern, die keinen befreien und niemanden erziehen will, sondern in der christlichen Orientierung, die keinem Menschen das Seine nehmen, aber jeden Menschen mit all dem Seinigen von Herzen gern am Throne Gottes und des Lammes sehen will.   

Denn auch wenn es in die Zeit der Entchristlichung Deutschlands nicht passen mag, in der unsere eigenen Traditionen und unser eigenen Formen – seien’s gottesdienstliche, seien’s geistliche – immer fremder werden: Es bleibt dennoch der frömmste aller Wünsche, dass sich andere Völker und andere Sitten mit allem ihrem Reichtum nicht ebenso auflösen, sondern dass sie Wege finden, die das Abwechslungsreiche und Andersartige der Menschenkinder friedlich auf die bleibende Mitte, auf die überreiche Fülle Gottes hin lenken.      

Das Ziel der Welt ist nämlich kein Einheitshimmel, sondern das Gotteslob aus der Vollzahl heller und tiefer Stimmen von Kindern, Männern und Frauen; das Ziel der Heilsgeschichte ist die bleibende Mischung der Temperamente und Kulturen aus allen vier Winden, weil sie allein die Größe Gottes wiedergeben kann; und dem äußeren Ziel der Versöhnung durch Christus entspricht im Herzen der Gemeinde die Durchdringung des Leidenschaftlichen und Besinnlichen, … des Geliebt-Gewohnten mit dem Sonder-Wunderbaren, … die Gegenseitigkeit des Gebens und des Nehmens dort, wo aller Segen ist.

Weihnachten will also pfingstlich vollendet werden.  Und jeder Vorgeschmack, dass Christus, das Heil der Welt der Heiland aller Völker ist, kann uns nur freuen.

Die vielen persisch sprechenden Glaubensgeschwister an unserem Tisch im Pfarrhaus am diesjährigen Heiligabend, … die bunte Kinderschar, mit Wurzeln auf allen Kontinenten, die in der diesjährigen Weihnachtsansprache der britischen Königin als Chor zu hören war, … die zunehmende Vertrautheit der Jugendlichen unserer Gemeinde, die Weihnachten jetzt zu Hause verbringen, mit vielen, vielen andern Ländern, andern Sitten … das alles zeigt uns:

Die Schar wächst!

Weihnachten verbreitet sich!

Das Lied, das alle Nationen und Stämme und Völker und Sprachen miteinander singen werden, wird immer stärker:

„Amen. Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke sei unserm Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

– Oder wie es in einer Sprache, die längst nicht mehr den Zwang zur Einheit bedeutet, sondern die Mutter vieler Sprachen geworden ist, lautet:

„Amen benedictio et claritas et sapientia et gratiarum actio et honor et virtus et fortitudo Deo nostro in saecula saeculorum amen.”

 



* Der Bibeltext Offenbarung 7, 9-12 war auf dem Gottesdienstblatt in diesen Sprachen – kommentarlos – abgedruckt-

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