1.Christtag 2017 Stadtkirche 1.Johannes 3, 1 - 6 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Christtag 2017                                                                                                                

             1.Johannes 3, 1 – 6

Liebe Gemeinde!

Christi Geburt ist der Anfang vom Ende des Glaubens.

Das ist ein ganz biblischer Satz, insofern ja beide Teile der Bibel sich darin einig sind, dass Glauben - wie der Hebräerbrief es ausdrückt - ein Nichtzweifeln an dem bedeutet, was man nicht sieht (vgl.Heb.11,1), und die Unsichtbarkeit nun einmal - wie die Zehn Gebote uns lehren - das Wesen Gottes ausmacht.

Der unabbildbare und unvorstellbare Gott ist also wirklich nur dem Gehör und dem Gehorsam zugänglich, nicht aber dem Gesicht und der Anschauung.

Doch diese sinnvolle und sachgemäße Ordnung – dass in geistlichen und ethischen Frau-gen nichts Äußeres, sondern nur Inhaltliches zählt – diese Ordnung, die Israel und der Islam bis heute in anspruchsvoll abstrakter Bilderlosigkeit wahren, sie ist durcheinander gebracht, sie lässt sich nicht mehr durchhalten seit Christi Geburt.

 … Wundern sollte einen das zunächst nicht. … Jede Geburt bedeutet ja Anarchie: Was bisher ehernes Gesetz oder geheiligte Gewohnheit war, wird durch ein Neugeborenes so ungerührt außer Kraft gesetzt, als gäbe es kein Gestern. Geburten sind immer eine Zeitachse, die das Vorher und das Nachher trennt. Und heute erleben wir in nie dagewesener Weise, dass das gerade auch für die Bilderfrage zutrifft: Wer bisher sparsam aufmerksam durch’s Leben ging, wird durch sein Kleinkind scheinbar hormonell umprogrammiert und verhält sich alsobald wie ein wilder Papparazzo, dem keine Nebensache zu albern für das verschwenderische Alles-Abbilden ist.

Wer je einen Kindergartengottesdienst erlebt hat, weiß wie Kinder jedes Bilderverbot aufheben. Auf Teufel komm raus wird da geknipst, gefilmt, geschossen und gezoomt.

… Und auch wenn es fern liegen sollte, diese rücksichts- und sinnlose Praxis schönzureden, lässt sich doch nur verblüfft feststellen, dass etwas Ähnliches in der Bibel vor sich zu gehen scheint und seitdem die Kirche prägt. Aus der dem Buchstaben nach völlig bilderlosen Welt Israels – von der wir zwischen den Zeilen der Bibel allerdings auch schon hören, dass sie sich immer neue Bildnisse machte –, … aus der Welt der zweiten Gebotes vom Sinai wird mit dem Augenblick von Christi Geburt eine andere.

… Nicht dass irgendjemand dort dem Kind von Bethlehem oder dem Mann aus Galiläa auf Schritt und Tritt gefolgt wäre, um alle seine großen Augenblicke auch bildlich zu fixieren, – viel zu sehr waren seine Zeugen ja durch ihr Hinhören, durch ihr Staunen, ihr Fragen, ihr Begreifen, ihre Dankbarkeit, ihre Zweifel, ihren Glauben in Anspruch genommen. Und dennoch: Jesus, der Menschensohn, Jesus, das Krippenkind, Jesus der Gekreuzigte, ja, auch Jesus der Auferstandene war sichtbar!

Das war in der Hör- und Denkwelt der Bibel etwas Revolutionäres.

Ein neuer Sinn wurde angesprochen, die Augen ließen sich einfach nicht mehr verschließen davor, dass hier in Sehweite und im Blickkontakt begegnete, was bisher gestaltlos hatte sein müssen und wollen: Die Heiligkeit, die Barmherzigkeit, die Ewigkeit, die Menschenliebe Gottes.

Und auch wenn die Jünger in den Sternstunden ihres Herrn geblendet waren oder fehlten – keiner hatte den Stern von Bethlehem selber erblickt, niemand vermochte den Glanz der Verklärung auszuhalten, kein Auge hatte gesehen, wie der Blitz der Auferweckung die Finsternis des Grabes durchbrach – das Evangelium von Jesus Christus hatte doch dem Glauben die Augen aufgetan: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“, so lautet der Kernsatz des Menschwerdungshymnus im Johannesevangelium (1,14), der für uns so unlöslich zu Christi Geburt gehört und der es sofort auf den Punkt bringt: Göttliche Gnade und Wahrheit im Fleisch schafft etwas Niedagewesenes: Augenzeugen des wahren Gottes.

Diese Urerfahrung der apostolischen Zeit aber wirkt seither durch alle Zeiten weiter.

Schon Paulus, der erste und zentrale Nicht-mehr-Augenzeuge, der durch eine Vision, die ihn zwar blendete, aber eben doch sein Gesicht betraf, zu Christus kam, konnte die von ihm für den Glauben gewonnenen Galater mahnen: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte?“ (Gal3,1).

Mit anderen Worten: Was bisher als unangemessen ausgeschlossen war, ist durch Christi Geburt zu einer nötigen Form der Gottesbeziehung geworden: Hinschauen! Sehen! Sinnliche und körperliche, also auch weltliche und praktische und in alledem empathische Wahrnehmung gehört zu unserer Bindung an den in’s Menschliche gekommenen Gott dazu!

Niemals können Christen, denen Gott sich mit zwei Ärmchen und zwei Beinchen zeigt und einem uns verwechselbar ähnlichen Gesicht und den gleichen Organen und den selben Symptomen wie wir …, niemals können Christen mehr anders, als die Züge und Spuren Gottes im Nächsten, im Fremden und in sich selbst zu entdecken – sei’s im Christkind oder im Flüchtlingskind, sei’s im Toten des Turiner Grabtuches oder in der Auferstehungsrakete des Isenheimer Altars! ——

Diese „ästhetische“, also anschauliche Ader des Christentums, diese Indienstnahme des Sehsinnes hat nun aber nicht nur die visionäre Kraft und die künstlerische Phantasie und die gestaltete Schönheit in der Kirchengeschichte gestärkt, sondern noch eine viel tiefere Quelle freigelegt:

Wenn wir uns an der Krippe oder dem Kreuz Jesu in Gottes Antlitz – lachend, leidend – einsehen, wenn wir uns darein vertiefen, dann geschieht etwas, das man in unserer Sprache früher – vor den Papparazzi – ganz anders ausgedrückt hat, als es uns heute geläufig ist. Heute sprechen wir von „Abbildungen“, die wirklichkeitsnah und von „Einbildungen“, die unwirklich sind. Früher aber, als man das nutzbringende Werk des Töpfers und die rechtliche Notwendigkeit des Siegelns in heißem Wachs noch alltäglich vor Augen hatte, sprach man hingegen vom „Einbilden“, wenn man eine ganz unzerstörbare, prägende Form des Wahrnehmens meinte!

Und so ist keinerlei Täuschung, sondern der wirklich bleibende Eindruck gemeint, wenn es heißt, dass der stete Blick auf Jesus, die ständige Schau des Menschgewordenen uns mit der Zeit und Ruhe Gott tatsächlich einbildet!

Wer meditierend, lesend, betend, betrachtend auf Jesus sieht, der wird nicht wie bei Abbildern von Gott abgebracht, sondern dem prägt sich Gott ein, der nimmt in sich selber allmählich die Form der reinen, hingegebenen Liebe an, wie der nasse Lehm, aus dem wir ursprünglich geformt wurden zu Gottes Ebenbild.

Und aus dieser Beziehung zwischen der Sichtbarkeit Jesu und der neuen – alten! – Form, zu der die Anschauung Jesu uns umschaffen und heranbilden kann, ist der sonderbare Dreiklang erklärlich, den wir heute im Ersten Johannesbrief vernehmen:

„Sünde – Sehen – Sein“.

Diese Verknüpfung von Wahr-Nehmen und Richtig-Werden, diese Verbindung zwischen der Ansicht und dem An-Sich hat Johannes schon im weihnachtlichen Beginn seines Evangeliums beschrieben (1,12): „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden“.

Wer die Fleischwerdung des Wortes Gottes wirklich wahrnimmt, wer seinen geistlichen Blick schult und schärft an der Menschheit des eingeborenen Sohnes, der wird dadurch selbst zum Gotteskind gebildet.

Das ist der „Bildungs“weg, die praktisch zu befolgende Schule der Anschauung, die mit Weihnachten beginnt: Die Einsicht, dass Gott ein Mensch wurde, um sich uns und uns Ihm in tiefster Gemeinschaft, in letzter Einheit zu verbinden, führt über unsere Erkenntnis seines Sohnes zu unserer eigenen Veränderung und Gleichwerdung mit Christus.
Wir Menschen sind entworfen als Gottes Kinder – das sehen wir an der  verwirklichten Sohnschaft Jesu –, und wenn wir das, was wir ihm, dem Sohn ansehen können, ihm auch abgucken, dann verwandelt das uns selbst.

Das ist jener Prozess der Transformation, der Umbildung, den Johannes in die Worte fasst: „Es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden … wir werden ihm aber gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“

Für uns Menschen auf dem Weg dieser Nachfolge und Nachahmung – man könnte in der Bildersprache eben auch von „Nachbildung“ sprechen – ist das Ziel jenes letzte Wiederfinden, jenes Wiedererkennen, das uns bevorsteht, wenn wir Jesus Christus endlich von Angesicht zu Angesicht sehen werden und in ihm die ganze Menschheit und die vollste Menschlichkeit und zuletzt auch einen Spiegel unsers eigenen, noch nie so schönen und richtigen Bildes.

Dann wird alles, was unsere Ähnlichkeit mit ihm – das heißt aber eben auch unser eigenes Spiegelbild – noch verunstaltet, nicht mehr das Bild beherrschen: Die Sünde, das Unrecht, der verzerrte und verschandelte und unfertige Anblick des Menschlichen, den wir bieten.

Dieser Anblick, der nicht dem menschgewordenen Jesus entspricht, zeigt nach Johannes schlicht, dass wir die falschen Vorbilder haben und das wirklich Sehenswerte übersehen: „Wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt“.

Diese Beschreibung der Sünde und ihrer Ursache halte ich für eine der hilfreichsten der ganzen Bibel. Denn sie zerstört und zerbricht die Sünder nicht, sondern öffnet ihnen gezielt die Augen: Verguckt euch nicht immer in die Kaiser Augustusse dieser Welt, die alles zählen oder die Herodesse, die alles selbst sein wollen oder die Pilatusse, die alles und jeden rasch erledigen; nehmt nicht immer bloß die Merkmale der Mächtigen oder die Selbstdarstellungen der Geltungsverrückten zur Vorlage; seid nicht immer nur auf Ähnlichkeit mit denen bedacht, die in den Augen der Öffentlichkeit schillern, denn das tut faules Fleisch, wenn es verwest auch.

Seht lieber die Liebe an, die der Vater uns erzeigtbesonders heute, liebe Weihnachtsgemeinde, heute, da wir buchstäblich die Geburt dieser Liebe feiern.

Seht’s und seid’s, was euch da vor Augen liegt in der Krippe.

Seht das Kind an, das Menschenkind Gottes, das nicht größer tut, als es ist, das nicht verbirgt, was ihm fehlt und nicht versteckt, was es freut, das nichts verlangt, was ihm schadet und niemand etwas geben kann außer Freude.

Seht’s an und sündigt nicht mehr, sondern bildet euch dieses Bild des Menschseins ein, nehmt’s in euch auf und entwickelt euch in diese Richtung: In die Gotteskindschaft, die keine Show ist, sondern die es verdient, geschaut zu werden.

Wenn ihr nämlich diesem Kind Gottes zuschaut, wenn eure Visionen vom Leben und euer Idealbild diesen Gottesmenschen nachvollziehen, dann wird geschehen, dass ihr werdet, was ihr glaubt. ——

So, wie Paulus es – sehr weihnachtlich und obendrein auch noch ganz ohne die vermeintlich bösen biblischen Geschlechterklischees – auch seinen Galatern wünschte: „Meine lieben Kinder – schrieb er ihnen – ich gebäre euch abermals unter Wehen, bis Christus Gestalt in euch gewinne!“ (Gal4,19).

Christus Gestalt in uns gewinnen zu lassen: Das ist das Ziel unseres Lebens nach seiner Geburt.

Bis nicht mehr der Glaube, sondern das Schauen uns ganz geformt und erfüllt hat. ——

Und ein wunderbares, schlichtes, geschmacklos wahrheitsgemäßes Sinnbild dafür ist mir vor vier Tagen auf dem Nordfriedhof vor Augen gestellt worden:

Ein herzensguter Mitarbeiter dort, mit wenigen Zähnen und auch nicht vielen Worten zwischen den Lippen nahm mich berührend aufgewühlt in Empfang. Dann drückte er mir das beliebteste Werkzeug der heutigen privaten Papparazzi-Unsitte in die Hand und zeigte mir mit Feuereifer ein Bild auf seinem Handy, dem ein polnischer Spruch vorgeschaltet war.

… Zunächst war ich ein wenig verwirrt, denn was er mir da so dringlich vor’s Gesicht hielt, war das Röntgenbild eines Brustkorbs.

Diese Ansicht der weißen Rippen auf schwarzem Grund berührte im Augenblick vor einer Beerdigung tatsächlich erst einmal befremdlich. … Doch dann erkannte ich den Sinn: Denn da, wo zwischen den Rippen schattenhaft das Herz zu erwarten wäre, prangte in der Photomontage ein polnisches Christkindl, volkstümlich niedlich aufgedonnert nach allen Regeln der Kunst.

Und das ist es!

Wenn wir zu durchschauen wären, wenn unser Leben transparent gemacht werden könnte, dann müsste es bei uns allen so aussehen, wie auf dem Handy des polnischen Totengräbers, dem dieses Weihnachtsbild so wichtig war, dass er es mir mit an die Gräber und an die Krippe gab:

Man sollte in uns das neugeborene Kind Gottes entdecken können, dem wir gleich sein werden, wenn wir ihn sehen dürfen, wie er ist.       

 

Amen.

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