1.Advent 03.12.2017 stadtkirche Offenbarung 5,1-12 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 1.Advent – 3.XII.2017                                                                                                       

               Offenbarung 5, 1 – 14

Liebe Gemeinde!

Erlösungshoffnung ist der Advent, … Rettungssehnsucht und Heilserwartung.

Jedes Kirchenjahr fängt damit an, dass wir wieder auf’s Neue spüren und begreifen, wie wir Christen ein kleiner Teil einer großen Welt sind, deren Not und Verlangen auf’s Ganze gehen: Versöhnung und Heilung und Frieden und Gerechtigkeit mangelt der Menschheit in unendlichem Maß, und Schonung und Wiederherstellung und Liebe braucht alles Lebendige. Das sollen wir nun wieder erfahren und gerade in den dunkelsten Stunden des Jahres zu unserer eigenen Lebens- und Gebets- und Erwartungshaltung machen.

Wir sollen stellvertretend und anteilnehmenden für Rohingyas und Somalis und Jemeniten und Palästinenser und Sinti und Syrer und Nordkoreaner zu einer Gemeinschaft werden, die nicht mit den eigenen Polstern und hinter den eigenen Zäunen vorliebnimmt und ihre siebzig, wenn’s hoch kommt achtzig Jahre wie einen Raub genießt, sondern wir sollen weite Herzen für die Not der Andern und blutende Gewissen angesichts des vielen Leidens und heiße Hoffnung mitten in der kalten Gleichgültigkeit der Welt haben.

Wir sollen jene Gemeinschaft werden, die am Anfang des Lukasevangeliums begegnet, wo eine aus eigener Erfahrung stocknüchterne, aber im Glauben immer noch zukunftshungrige alte Frau von dem kleinen Anfang spricht, der in dem Kinde Jesus erschienen ist: Von ihm redete die Prophetin Hanna nämlich zu „allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lk2,38).  

Auf die Erlösung Jerusalems zu warten, auf den Schmuck und das Freudenöl und den Lobgesang der Trauernden zu Zion zu hoffen (vgl. Jes.61,3): Das ist der Sinn des Advent.

Das wissen wir.

……. Das wissen wir??

Aber ja doch! Wir wissen es, und wir üben es.

……. Wir üben es???

Nun, wenn nicht wir, dann immerhin doch unsere Kinder. … Wobei freilich die Spannung der Hoffnung bei ihnen zum Papptörchen und die endlos herbeigebangte Erlösung zur … Schokolade geworden ist. Aber auf dieser lächerlichen, beinah lästerlichen Schwundstufe lebt sie gleichwohl immer noch fort: Die einzig wahre, unersetzliche, beherrschende Haltung des Glaubens, … die Haltung frommer Sehnsucht und heiliger Ungeduld, dass Gottes Wort erfüllt und das Verborgene aufgedeckt und aller Welt Verlangen gestillt werde.

Das will der Glaube nämlich vor allem anderen: Er will aufhören.

… Weil er ein Hunger ist und Sättigung braucht. Weil er ein Fragen ist und auf Antwort drängt. Weil er ein Schmerz ist und Linderung sucht. Weil er ein Nachtlicht ist und den Morgen erwartet. Weil er Glaube ist, Glaube an die Verheißung, einst schauen zu dürfen. …

Darum ist das alberne Kinderspiel mit den Türchen, das scheinbar sinnlose Einwickeln und Auspacken, das den Advent noch in den geistlosesten Parodien auszeichnet, mit denen unsere Gegenwart ihn nachäfft, eine ernstzunehmende und beherzigenswerte Botschaft: Wir, die wir Schokolade und Marzipan und Süßes und Schnickschnack zu jeder Zeit und in beliebiger Menge verschlingen und  verschwenden können, … wir werden durch jedes Kalendertürchen, durch jede zu entknotende Schleife, die den direkten Genuss aufhalten, dran erinnert, dass die Welt auf eine schier grenzenlos wichtige Lösung, ein buchstäblich notwendiges Entwirren und Eröffnen wartet, … dass wir warten auf die Erlösung Jerusalems und die Aufhebung der schwarzen Rätsel, die der Menschheit Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit verhüllen.

Jedes der 24 Pappklapptörchen bis Weihnachten erinnert uns also daran, dass der Sinn aller Dinge nicht aufgedeckt, sondern verborgen ist und das große Buch der Klarheit in der Welt bis heute unzugänglich bleibt.

Noch immer wird’s verschlossen von den sieben ungelösten Siegeln: „WARUM?“, „WOZU?“, „WIESO?“, „WOFÜR?“, „WOHER?“, „WESHALB?“ … und endlich „WANN?“ ——

An diesen Kinderfragen, an diesen Menschheitsrätseln versucht sich jede Epoche, jede Generation, jeder Einzelne irgendwann mit Sicherheit.

Manchmal – wenn es im guten Sinne spannende Zeiten sind und sich frische Einsichten und neue Horizonte auftun, die eine Renaissance, eine Wiedergeburt, eine Aufklärung, einen gesellschaftlichen Fortschritt verheißen – … manchmal also scheint der Durchbruch unmittelbar bevorzustehen: Dann verbinden sich Philosophien, Techniken, Forscherdrang und Lebensgefühle zu einer Hochspannung, dass nun bald geklärt und festgehalten werden könne, was die Welt zusammenhält und wie sie auf den Gipfel der Vollkommenheit zu heben sei.

Doch leider haben weder die Renaissance mit ihrem frühlingshaften Tauwetter für alte Weisheit und ihrem Muskelspiel der geistigen Kräfte noch die menschheitliche Befreiungsfreude der Aufklärung noch die idealistisch-utopischen Aufbrüche der neuen Gesellschaftsentwürfe noch das Ende der Zivilisationsvergiftungen des ideologischen 20.Jahrhunderts zur Lösung der Leidens- und Schuld- und Verzweiflungs- und Angst- und Trieb- und Sinn- und Gottesfragen des Menschengeschlechts geführt: Die wiedergeborene Antike wurde zu Intoleranz und Alchemie, die Aufklärung führte zum Revolutionsterror, die säkulare und soziale Emanzipation führte über die Gleichbewertung alles Einzelnen zur völligen Vereinzelung und zur globalen Zusammenhangslosigkeit, auf die heute die aggressiv rückwärtsgewandten Religions- und Nationalitätsbewegungen sich einschießen.

Und wer auf Einsicht und Vernunft, auf Maß und Recht, auf Schutz und Frieden, wer auf Leben für die Kinder und Geschöpfe Gottes hofft, … dem können heute noch die gleichen Tränen kommen, wie einst dem Seher von Patmos, mit dem unser altes Kirchenjahr schloss und nun das neue beginnt.

Dieser Lieblingsjünger Jesu, … in der Einsamkeit seiner Verbannung stellt er sich am Anfang der geheimen Offenbarung (1,9) ganz adventlich wartend mit den Worten vor:

„Ich Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Trübsal und am Reich und im Ausharren bei Jesus, ich war auf der Insel, die da heißt Patmos, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus.“

… Und dann schildert er die gewaltigen ersten Enthüllungen, in denen sich ihm sein vermisster und wieder erwarteter Herr Jesus zeigt.

… Und schon beginnt man zu ahnen, dass diesem alten, isolierten Zeugen des Nazareners in der Stille der steilen, sichelförmigen Bucht von Patmos, wo er in einer Höhle hoch über dem Meer hausen musste und Wind und Wellen und seinem Herzen und dem Himmel lauscht, eines der größten, mysteriösesten Dokumente der Welt anvertraut wurde, ein Schlüssel zu Abgründen, ein Spiegel der Zukunft, ein rätselhaft gefügtes Mosaik aus Bruchstücken der ersten und letzten Dinge.

… Und dann schreibt Johannes als Sekretär des ewigen Seelsorgers auf dem Thron sieben Sendschreiben an die Kirche in der verrückten und unsinnigen Zerstreuung, die das Leben in dieser Welt darstellt.

… Und er empfindet Schrecken und Schönheiten der Welt Gottes – denn „siehe, eine Tür war aufgetan im Himmel“ (4,1) – und er späht die Geheimnisse der Thronwächter und der Ältesten, die ganz dicht am Kern der Wahrheit sind, und er erträgt, ja er verschlingt das alles, saugt es auf und wird trotz seiner Fesseln und seines Hungers und seiner Schmerzen auf Patmos in eine höhere Wirklichkeit aufgehoben, und eigentlich müsste er schon verjenseitigt und vergeistigt und entrückt und entkoppelt sein, denn das ganze atemberaubende Szenario wirkt wie bei einer delphischen Weihehandlung oder einer Wagner-Oper oder einem überwältigenden Fantasy-Film –,  ……. doch dann begegnet dem Johannes in jener Höhe und Herrlichkeit plötzlich eine Schrift, inwendig und auswendig beschrieben und da, … da muss er zum ersten Mal inmitten aller dieser Wunder weinen.

Denn diese Schriftrolle ist es, die ihn wirklich berührt und bewegt.

Dabei enthält sie aber gar nicht die Orakel eines Mediums der Unterwelt und auch nicht das Raunen eines Mysterienspiels und nicht einmal die Sensationen eines Science-Fiction-Spektakels – alle solche geheimnisvollen Dinge gehen dem Seher in seiner Vision ja gerade auf! –, sondern die beidseitig erkennbar vollgeschriebene und dem Verständnis dennoch versiegelte Schriftrolle dürfte genau das sein, was ein solches Bild uns vor Augen stellt: Es ist die Zeitung der Welt, die alltägliche Chronik der Zeit, die Aufzeichnung der menschlichen Geschichte. Es ist das Buch des Lebens, das Journal unserer Tage.

Diese von allwissender Seite geführte Mitschrift unseres Daseins, die zwar nichts enthält, was wir nicht kennen, enthält doch endlos Vieles, das wir nicht verstehen. … Warum und wozu, weshalb und wofür, wieso und woher die Einzelheiten und Tage und Jahre und Ereignisse so sind, wie sie sind, und wie lange sie so noch bleiben werden: Verstehen wir das?

Verstehen wir, was wir anrichten, obwohl wir wissen, was wir anrichten?

Verstehen wir überhaupt, wo Leben hinführt, obwohl wir doch zu wissen meinen, wofür wir leben?

Verstehen wir, wozu das geschieht, was wir nicht wollen und weshalb wir nicht wollen können, was wir geschehen lassen?

Verstehen wir unseren Streit?

Verstehen wir das Sterben?

Verstehen wir welche Verantwortung wir haben?

Verstehen wir, dass alles Folgen hat, obwohl wir nicht an sie denken mögen?

Verstehen wir, dass wir aber unbegrenzt denken sollen, obwohl wir in den Grenzen unserer selbst stecken? …….

Wer kann diese Geheimnisse des Menschen auflösen? Wer kann seine Fragen, wer kann die Fraglichkeit alles Menschlichen beantworten?

Müsste das nicht ein überirdischer Geist sein, der die Rätsel bewältigt, die uns Irdische überfordern? Müsste es nicht ein messerscharfer, durchdringender Geistesblitz sein, dessen übermenschliche Kraft zersprengt, was uns Menschen zu schwer ist?

Wenn Johannes weint – aus Frustration weint, die an Verzweiflung über alle Sinnlosigkeit grenzt –, weil kein Über- und kein Unterirdischer und auch niemand auf Erden würdig und fähig ist, ihm Grund und Wahrheit alles Geschehenen und aller Geschichte zu eröffnen, dann müsste doch in diesem Augenblick etwas immens Großes sich anbahnen.

… Und der Älteste im himmlischen Rat, der ihn tröstet und versichert, dass es doch eine Antwort, eine Lösung, einen Sinn hinter allen Widersprüchen und allem Unerklärlichen gibt, der weist ihn ja auch tatsächlich auf den siegreichen Löwen aus Juda hin, dem es gegeben ist, die Siegel zu brechen und das Weltgeheimnis zu lüften.

……. Also doch ein Bezwingen, doch ein ultimativer Kraftakt! Also doch ein Zupacken, das nicht locker lässt, ein Verbeißen in die widerspenstige Wirklichkeit, ein Zerfetzen der widerständigen Verhältnisse. Also doch ein sehr, sehr menschliches „Bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“-Vorgehen, um allem in der Welt das göttliche Geheimnis des „Warum“ zu entreißen?

Fast meint man, dass es so sein wird.

Doch dann begegnet im Himmel der Offenbarung, wo die Geschicke der Erde endlich ganz klar sein und stimmen werden, zum ersten Mal die entscheidende Instanz, der sich alles gerecht Gerichtete und Richtige am Ziel verdanken wird.

Und siehe da!, der Sinn unseres Lebens und der sinnvolle Zusammenhang aller Dinge und der entschlüsselte Grund der Welt, sie kommen nicht durch messerscharfe Schlüsse oder gewaltsame Eingriffe zustande. Kein gigantisches Konstrukt bringt irgendwann Licht ins Dunkel, kein Riesenapparat errechnet aus den komplizierten Brüchen und Teilen der Welt deren stimmende Summe.

Sondern aufgelöst und aufgehoben wird die ganze Not, das ganze Schlamassel, die fuchsende Unsinnigkeit und das schreiende Unrecht des Lebens ausgerechnet durch jenes kleine Wesen, das hier zum ersten Mal in der geheimen Offenbarung genannt wird und inmitten der himmlischen Mysterien ganz albern erbärmlich, alltäglich und allerweltsmäßig wirkt.

Und tatsächlich war es dem Johannes bisher unter den patriarchalischen Ältesten und den schillernden Cherubim und Seraphim gar nicht aufgefallen, dass da ein missgestaltetes und missbrauchtes Geschöpf steht, wie es tausendfach in jedem Stall und auf allen staubigen Fluren und in den unzähligen Schlacht- und Hinterhöfen der Erde herumspringt und blökt und zittert und stirbt: Ein Lamm, …noch dazu eines, das sieben Hörner und Augen hat, das sich also noch öfter verheddern und irgendwo in den Dornen verfangen und noch angstvoller auf seine Feinde und  Scherer und Schlachter blicken kann als ein gewöhnliches gesundes Tier.

Doch dieses Lamm – das Tier der Unschuld, das Allerweltstier, das Opfertier – dieses kleine, unscheinbare Lamm deckt den Sinn auf: Es nimmt aus Gottes Hand das Buch unserer offenen Fragen, das Rätsel unserer unbegründeten Schuld, die zähen Geheimnisse menschlicher Untröstlichkeit und wird mit ihnen fertig.

Weil es nicht ausweicht und nicht überlegen tut.

Weil es die ganze, ungeschönte, ungemilderte Wirklichkeit annimmt.

Weil es nicht über den Rätseln steht, sondern sich ihnen unterwirft.

Es unterzieht sich allen Fragen. Es nimmt teil an allen Schwierigkeiten, … auch den tiefsten und letzten.

Und darum ist allein das Lamm würdig Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob anzunehmen: Weil es die Heilssehnsucht im Unheil der Welt und die Rettungshoffnung in ihrer Hoffnungslosigkeit geteilt hat – darum gebührt ihm auch aller Dank und aller Ruhm.

Denn das kleine Lamm, das kleine Kind, auf das der Advent uns vorausweist: Das ist das aufgelöste Leid, es ist die von Innen überwundene Not, es ist der durch Sterben beendete Tod.

Das kleine Lamm, das kleine Kind ist das Ziel.

Und jetzt ist der Advent, der uns Tag für Tag daran erinnert, dass wir dieses Ziel und diese Zukunft mit der ganzen Welt suchen und finden sollen.

Amen.

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