21.n.Trin. 05.11.2017 Stadtkirche Matthäus 10,34-39 Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 4.XI.2017 - 21.n.Trin.                                                                                                         

                 Matthäus 10,34-39          

Liebe Gemeinde!

Ein splitternackter Mann rennt durch die Straßen, trieft, prustet und johlt – und die Welt erinnert sich noch nach mehr als zweitausend Jahren daran. Denn als der antike Forscher Archimedes sich einmal ins Bad gleiten ließ und dabei plötzlich begriff, wie seine Körpermasse, die das Wasser verdrängt, dem Auftrieb des Wassers im Becken entspricht, … als Archimedes also nicht zur Sauberkeit, aber zur Erkenntnis kam und als er seine Entdeckung tropfnass und in professoraler Schusseligkeit den Mitbürgern sofort im Adamskostüm mitteilen musste, da hat er einen begeisterten Ausruf getan, dessen Echo in Europa bis heute nachhallt: Das berühmte „Heureka!“ des Archimedes, der Entdeckungsschrei aus der Badewanne ist in unserem Weltteil zu einem populären Selbstbild geworden. Kritisches Nachdenken und überraschende Erkenntnis haben im Laufe der Zeit zu einer Art europäischem Nationalstolz beigetragen. Als Erforscher und Erfinder haben wir Europäer nach eigenem Dafürhalten zur Geistes- und Menschheitsgeschichte Wesentliches beigetragen: Die Philosophie und das Christentum, der stärkste räumliche und wissenschaftliche Expansionsdrang der Menschheit, die Reformation und die Aufklärung, die Menschenrechte und die Freiheitsideale und die klassischen Künste und die Industrie und die Emanzipation und die Toleranz und der Individualismus haben ja nach verbreiteter Auffassung abendländische DNA, sind uns jedenfalls am vertrautesten in ihrer europäischen Gestalt.

Das große „Heureka!“-Geschrei, die Durchbrüche und Wendepunkte, an denen einem etwas aufging, an denen etwas entdeckt  wurde, an denen ein Rätsel sich löste oder ein Beweisstück, eine bisher fehlende, aber sinnstiftende Gedankenverbindung endlich auftauchte, … diese „Heureka!“-Momente haben unsere Geschichte gemacht: Archimedes im Bad, Luther im Turm, Newton unterm Apfelbaum, Schliemann in Troja, Armstrong auf dem Mond … jeweils wurde etwas sehnsüchtig Gesuchtes endlich gefunden.

Und wir Nachgeborenen, die nicht wühlen und uns den Kopf zerbrechen oder die Haare raufen mussten, wir können uns ein Leben ohne die großen Fundstücke der glorreichen Sucher gar nicht mehr vorstellen: Wenn der Irrtum des Kolumbus und die Schufterei der italienischen Gastarbeiter im Steinbruch des Neandertals vor 150 Jahren folgenlos geblieben wären, wenn die Tüftelei eines Alessandro Volta, eines Michael Farady, eines Thomas Edison, oder die Überraschung, die Conrad Röntgen mit den unbekannten Strahlen erlebte, nicht stattgefunden hätten, wenn die geistigen und praktischen Untersuchungen einer Marie Curie oder eines Konrad Zuse keine moralischen und technischen Quantensprünge gebracht hätten, dann säßen wir krank im Dunkeln und wüssten ungleich weniger über unsere Welt. ———

Wie angenehm es also ist, sich die  Forschungen und Entdeckungen und Errungenschaften der Vergangenheit zueigen machen zu können.

Wie bequem und sicher es ist, das Erbe großer Zivilisationen anzutreten.

Wie frei wir dadurch werden – da die Welt erklärt zu sein scheint und für die nächsten Jahrzehnte auch noch leidlich funktionieren könnte – … wie frei wir also werden, uns ganz um uns selbst zu drehen und nichts anderes mehr zu verteidigen und zu vertiefen, als das, was ist.            

So jedenfalls stellt sich das Lebensgefühl vielerorts ja dar. Man ahnt, dass ungeheure Herausforderungen bevorstehen, für deren Bewältigung wir das Genie eines Leonardo da Vinci, die Begabung eines Carl Benz, die Geisteskraft eines Albert Einstein und die Neugierde einer Florence Nightingale brauchen werden …  und also wendet man sich lieber nur noch dem Vertrauten zu.

Das Zauberwort bei diesem enger werdenden, die Welt ausblendenden Rückgriff auf’s Bewährte ist derzeit überall das Wort von der „Identität“. Man will wissen und bleiben, was man ist. Man will beanspruchen und alleine nutzen dürfen, was war. Man will um sich und für sich besorgt sein bei dem, was kommt: … Inländer statt Ausländer. Amerika statt der Welt. Unabhängige Provinzen statt föderaler Staaten. Nationen statt Europa. Floskeln vom Christlichen statt Herausforderungen eines eigenen oder gar fremden Glaubens.

……. Und da kommt das Wort vom Kreuz, das Schwertwort, das Evangelium von der Entzweiung und den Konflikten, das wir heute – ungläubig staunend – aus Jesu Mund hören müssen!

Und trifft uns genau!

Lange nicht mehr hat die Botschaft Jesu Christi so zugeschlagen, so eingeschlagen wie der Blitz. Doch heute, in einer Zeit, in der die Menschheit vor lauter uneingestandener Angst alles ganz heimelig und fest und schallgedämpft haben will, platzt die Bombe umso lärmend verstörender.

…….. Wo wir doch immer meinen, Jesus Christus sei die Garantie für etwas Gutes, also etwas Gemeinschaftliches und Gewaltfreies und Christentum sei eine Einrichtung für Menschen, denen an Zusammenhalt und Zuversicht gelegen sei, da kommt diese zerstörerische Zuspitzung des Rufs in Jesu Nachfolge wie ein überraschender Überfall: Nicht Frieden, sondern das Schwert bringt er, … nicht Harmonie, sondern Zwietracht, … nicht Gemeinsamkeit, sondern Trennung, … nicht den Schutz  der Familie, sondern deren Zerbrechen?!

Klingt das nicht wie eine Verzerrung, wie eine verrückte Parodie auf alle Werte, die wir sonst verteidigen? Ist das nicht so etwas wie ein Negativ des Evangeliums, beim dem die hellen Stellen trüb und die Schatten plötzlich zu Leuchtflächen werden? Ist diese offensive und negative Predigt, dieser Angriff und diese Schmerzansage also vielleicht gar nicht echt? Muss man sie also nicht weiter ernst nehmen? …….

Andererseits: Wer hätte so etwas nachträglich erfunden? Wer hätte Jesus solche völlig unerwarteten Widersprüche gegen die pazifistische und radikal versöhnliche Ethik der Bergpredigt wohl eigenmächtig in den Mund gelegt?

Gerade der Bruch mit dem, woran wir uns längst gewöhnt haben, spricht also für die Echtheit dieser bestürzenden Worte.

Und dass wir sie heute so erschreckend gut verstehen – auch wenn wir sie nicht im Denksystem, im Lehrgebäude, in der Dogmatik, die wir für Jesus zurecht gemacht haben, unterbringen können – …, dass wir den Angriff Jesu heute so ungebremst abkriegen und so wuchtig spüren, gerade das zeigt wie originell und original, wie echt er ist:

Gebt’s auf, Euch an Eure Identität zu klammern, warnt Jesus uns.

Gebt’s auf, Euch auf das Gewesene und das Erreichte festzulegen! Ich bin nicht dazu da, dass alles bleibt, wie Ihr es gerne habt, … dass alles weitergeht, wie Ihr es Euch vorstellt, … dass alle Sicherheiten unerschüttert bleiben. Im Gegenteil: Ich komme, weil alles anders werden muss. Weil Ihr nicht die Alten und auch die Welt nicht beim Alten bleiben darf. Ich komme, um alle Gewiss- und Gewohnheiten abzulösen durch die neue Wahrheit des werdenden Reiches Gottes.

Darum schlage ich mit dem Schwert des Geistes die  Vorstellungen, die Ihr Euch von mir und von Euch und von allen andern macht, entzwei … so wie einst Gideon das Götzenbild seiner Sippe (vgl. Richter 6, 25ff) zerbrach und wie nach mir Paulus die Heiligtümer Griechenlands enttarnte (vgl. z.B. Apg.19,23ff)und Luther die starre Automatik des Kirchenapparats und wie überhaupt alles, das sich im Glauben verfestigt und verabsolutiert, beseitigt werden muss.“

Es kann und es darf also niemals der Eindruck des Endgültigen entstehen, solange wir noch im Glauben und nicht  im Schauen wandeln: Das ist der grundsätzliche Sinn der überraschenden Zerstörungsbereitschaft Jesu.

So lange wir noch im Vorletzten sind, gibt es keine letzten Bilder oder Worte oder Wahrheiten. So lange wir noch in der Zeit und ihrer Veränderlichkeit leben, wird niemals das Ziel, niemals das Ganze erreicht sein.

Wo immer aber dieser Anspruch erhoben werden sollte, da wird sich Jesu glatter Widerspruch, sein starker Widerstand, ja sein unwiderstehliches Eingreifen gegen das erweisen, das total sein will.

Wo immer Menschen und Zustände in der Wirklichkeit völlige Identität, ausnahmslose Übereinstimmung, restloses Sich-Einfügen verlangen, da wird das von Jesus gebrachte und genutzte Schwert dreinschlagen: Nichts und niemand vermag uns jemals so zu binden, vermag uns so verbindlich zu werden, dass Jesus uns nicht wieder entzweien und also befreien könnte! …….

Eben das verheißt ja gerade auch die Ankündigung der familiären Konflikte: Die heiligsten Ordnungen, die tiefsten Traditionen der Welt kann derjenige aufheben, der allein Gottes Ziele verwirklichen wird. Während nämlich alle anderen eigenmächtigen Propheten und Kämpfer und Gesetzgeber, während alle anderen menschlichen Ideologien – heute allen voran die Ideologie des Islamismus – Menschen auf etwas Altehrwürdiges festlegen und unter abgeschlossene Autorität und ausnahmslose Abhängigkeit zwingen, löst Jesus Christus die Macht und die Muster aller bisherigen Menschheitsgeschichte auf, um den Menschen zu befreien.

Was immer galt, muss nicht immer gelten.

Was alle lehrten, muss nicht allen eine Lehre sein.

Was immer gesucht wurde, muss sich nicht für immer als das Gesuchte herausstellen.

Wir müssen und wir dürfen also nicht die Sitten und die Weisheit, die Vormacht und die Vorbilder, die Werte und die Wissenschaft der Vergangenheit übernehmen!

Sondern erst wenn wir Vater und Mutter, erst wenn wir Vorfahren und Vordenker nicht mehr vorbehaltlos als Verkörperungen und Willensbekundungen der Wahrheit betrachten, … erst wenn wir es uns nicht mehr in ihren Bahnen und in ihrer Gesellschaft leicht machen, vertraute Überzeugungen und gewohnte Besitzstände für selbstverständlich zu nehmen, … erst wenn wir wirklich ohne die Vormundschaft der Alten und außerhalb ihres Schutzbereiches sind, … erst dann können wir als Jesu Leute leben, … als Leute, die ein Kreuz selber zu tragen lernen.

Denn das ist ja die größte und verwickeltste Schwierigkeit unseres Einigelns im vertrauten Rahmen, unseres Festklammerns an den Erfahrungen und den Gewissheiten, die unsere Identität stiften: Die Schwierigkeit nämlich, dass unsere Eltern und Lehrer uns Fehler ersparen und leidvolle Erfahrungen abnehmen wollen. … Alle Durchbrüche, alle Schmerzen und Erleuchtungen und Gefechte und Mühen, die andere schon gesammelt und erlitten haben, dienen ja zu unserer Schonung: Wir sollen die Umwege der Entdecker, die Entbehrungen der Pioniere, die Durststrecken der Suchenden und die unverhofften Abenteuer der Ahnungslosen ja alle nicht mehr machen müssen.

……. Wenn wir uns aber auf den Fortschritten der Früheren und in den Grenzen des Gesicherten ausruhen, wenn wir die Not der Welt und die drängenden, gefährlichen Forderungen der Zukunft nicht ernstnehmen, sondern beim Stand der Forschung und bei den bekannten Verhältnissen unserer Wirtschafts- und Lebensformen, unserer Staatgrenzen und pragmatischen Prinzipien bleiben … wenn wir also im Windschatten der einstigen  „Heureka!“-Rufe verharren und kein Wagnis mehr eingehen, keine offenen, alternativen Möglichkeiten in der Politik, in den persönlichen Erwartungen und den materiellen Ansprüchen unseres Daseins mehr ergreifen, dann werden wir erleben, wie wir das schön gesicherte, scheinbar selbstverständliche Leben, das uns doch garantiert schien, verlieren.

Wenn wir nur das, was Technik und Weltanschauung bisher können und bieten, fortsetzen, wenn wir nur die Modelle und Meinungen der vermeintlich lebenserfahrenen Väter und Mütter befolgen und uns nicht – jeder für sich und im Miteinander der Menschen – auf tatsächlich große Gefahren und erkennbar letzte Bedrohungen um- und einstellen, dann wird Jesu Wort sich schlicht erschütternd bestätigen. Wenn wir glauben, dass die großen Heureka-Ergebnisse der Vergangenheit – das Gleichgewicht der Kräfte in des Archimedes Badewanne, die Rationalität des naturwissenschaftlichen Zeitalters, die Logik des Geschäfts- und Gewinnstrebens der ökonomisierten Wissensgesellschaft – dass diese Funde und Erfindungen uns tatsächlich den Schlüssel zum Leben, zum Überleben in die Hand gegeben haben, dann sind wir des Todes!

Denn keiner der großen Denker und Forscher, die bisher ausrufen ließen, dass sie’s gefunden hätten – „Heureka!“ – ist auf das Leben selber, auf das Leben aus Gottes Hand und auf Sein Ziel hin gestoßen.

Das zu finden, geht anders.

Es geht tatsächlich nur durch’s Kreuz.

Es geht nur, wenn wir das, wovor man sich fürchten muss, nicht verleugnen und vergessen, sondern wenn wir es bejahen und annehmen.

Wir müssen jeder sein Kreuz aufgreifen!  

Und so werden wir lernen und auszuhalten üben, dass Verzichten und Verlieren nicht Verlust oder Verlorensein bedeuten müssen.

Wir werden Selbstverleugnung – also das Aufgeben von Ansprüchen und das Absehen von Wünschen – nicht als Entbehrung, sondern als Befreiung zu erleben lernen.

Wir werden Abschied vom Vertrauten als Anfang dessen zu sehen beginnen, was mehr ist, als Menschen bisher kannten und hatten.

Wir werden das Leiden, das Mitleiden als die größte gemeinsame Menschenwürde zu ehren und dann mit eigenem Leben und Leiden zu bezeugen haben.

Wir werden gar nichts mehr als selbstverständlich, als rechtens oder sicher betrachten und erst recht nichts als sicher für uns mehr erfahren.

Doch je mehr wir das Kreuz der Verantwortung und der Liebe auf uns nehmen, je mehr wir dafür hergeben und lassen, desto mehr werden wir Jesus kennen lernen.

Er wird uns führen und Kräfte schenken!

Er allein muss das Ziel sein und der Weg, auf dem wir ihm unser Kreuz entgegentragen.

Und dann – wenn wir das Sichere und Bewährte und das Eigene und Begehrte gar nicht mehr verfolgen und verlangen –, dann werden wir finden, was man nicht ohne Schuld und Wahnwitz zu suchen beginnen kann: Das ewige Leben bei Gott!

Amen. 

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