15.S.n.Tr., 24.09.2017, Mutterhauskirche, Rö.11,33.36+Texte aus „Prüft alles, und das Gute behaltet“, Ulrike Heimann

Text/Thema: Rö.11,33.36 und Texte Nr.70-79 aus „Prüft alles, und das Gute behaltet"; Beginn der interkulturellen Woche

Liebe Gemeinde,

heute beginnt die interkulturelle Woche, die unter dem Motto „Vielfalt verbindet" steht. Die IKW wird seid 1975 jedes Jahr im September begangen, getragen von der Deutschen Bischofskonferenz, der EKD und der griech.-orth. Metropolie. Sie ist eine Reaktion auf die seit den 60er Jahren offensichtliche Veränderung der Zusammensetzung unserer Gesellschaft durch Arbeitsmigration und Fluchtgeschehen. Aber sie will mehr: sie will nicht nur reagieren, sondern die Veränderungen, die einfach da sind, mitgestalten, gerade die Christen einladen, sich nicht zurückzuziehen und von vergangenen Zeiten kultureller Einheitlichkeit zu träumen, sondern die Vielfalt als von Gott gegeben zu bejahen und durch uns im Miteinander zu gestalten. Ein ausgesprochen reformatorisches Anliegen: sich zu öffnen für die erfahrbare Wirklichkeit und sie mit dem zu verbinden, was die biblischen Traditionen uns zu bedenken geben. Nach vorne zu sehen und auf neuen Wegen in unbekanntes Land aufbrechen - wie z.B. Abraham und Sara -, und nicht zurück zu sehen und zur Salzsäule zu erstarren, unbeweglich und geistlich tot - wie Lots Frau beim Blick auf das untergehende - nein, nicht Abendland, sondern Sodom und Gomorrha.

Und genau das ist die Aufgabe, vor der die europäischen Gesellschaften heute stehen, und mit den Gesellschaften die Kirchen. „Siehe, ich will ein Neues schaffen", hörte schon Jesaja den Anruf Gottes, als er die ganzen Probleme und politischen Wirrnisse seiner Zeit in den Blick nahm, „ich will ein Neues schaffen; jetzt fängt es an; merkt ihr's denn nicht?"  Nein, die meisten Zeitgenossen des Jesaja haben es nicht gemerkt, lange nicht gemerkt; erst im Rückblick haben sie dann gemerkt: die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems, die Verschleppung ins babylonische Exil, das war nicht Ende, sondern da ist tatsächlich Neues möglich geworden, nicht auf einen Schlag, sondern das Neue ist gewachsen. Neue Einsichten über Gott, neue Einsichten über den Menschen, über seine Verantwortung gegenüber Gott und seinen Mitmenschen. Der Glaube Israels war dabei einbezogen in dieses Wachsen des Neuen, denn Israels Gott, unser Gott ist nicht ein Gott über der Welt und jenseits der Wirklichkeit, sondern er will unser Gott sein in der Wirklichkeit, wie sie jeweils für uns ist. In gewissem Sinne gilt so nicht nur „ecclesia semper reformanda" (die Kirche muss immer wieder reformiert/erneuert werden), sondern auch „fides semper reformanda" (der Glaube muss immer wieder reformiert/erneuert werden), weil Gott das Neue schafft und liebt - und das nicht nur einmal oder dreimal, nicht nur 580 v.Chr. und 1517 n.Chr., sondern immer wieder, bis heute. Immer wieder lässt sich - ganz menschlich gesprochen - Gott etwas Neues einfallen, um die Menschen, um seine Menschenkinder anzusprechen, einzuladen, an seinem Projekt einer gerechten, friedlichen und barmherzigen Welt mitzuarbeiten, sich mit ihm an der Vielfalt des Lebens in allen Bereichen zu freuen und miteinander ohne Angst zu leben, ohne den Krampf, dass doch alle nur auf eine Weise zu leben, zu denken und zu glauben hätten. Wer sich für die neuen Wege Gottes öffnet, der wird mit Paulus staunen können:

„O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! ... Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit!"

Liebe Gemeinde, als ich im letzten Jahr die „95 bedenkenswerten Worte zum Reformationsjubiläum" zusammengestellt habe, da ist es mir vor allen Dingen um dieses Anliegen gegangen: möglichst viele Leserinnen und Leser auf die Spuren Gottes zu locken, der viel zu groß ist, als dass er in die Schublade einer Konfession oder Religion passt, sondern der sich überall da vernehmen lässt, wo Menschen nach ihm fragen, wo sie sich um das bemühen, was ihm wichtig ist: Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Frieden, Liebe.

Deshalb finden sich in dieser Broschüre neben Versen aus der Bibel auch solche aus dem Koran, dem Tao Te King und dem Brahma-Upanishad, einer heiligen Schrift der hinduistischen Religion. Und ich denke, es tut uns gut, wenn wir gerade an einem Sonntag wie heute, dem Beginn der interkulturellen Woche, uns mit einigen dieser „fremden" Texte befreunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch Sie dazu kommen, festzustellen: es ist der eine Geist des Lebens, der eine Heilige Geist Gottes, der durch alle zu uns spricht. Wenn Sie die Texte mitlesen wollen, dann schlagen Sie bitte S.12 auf.

 

70. Für jede Gemeinschaft haben Wir einen Ritus festgelegt, den sie zu vollziehen haben. So sollen sie nicht mit dir über die Angelegenheit Streit führen... Und wenn sie doch mit dir streiten, dann sprich: Gott wird am Tag der Auferstehung zwischen euch über das urteilen, worüber ihr uneins wart. (Sure 22,67-69)

 72. Streitet mit den Leuten des Buches nur auf die beste Art, mit Ausnahme derer von ihnen, die Unrecht tun. Und sagt: „Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt und zu euch herabgesandt wurde. Unser Gott und euer Gott ist einer. Und ihm sind wir ergeben."  (Sure 29,46)

 

Was mich an diesen Versen beeindruckt, ist die Wertschätzung gegenüber den Juden und Christen, den Leuten des Buches. Jeder hat seine Berufung erfahren, jeder ist unmittelbar zu Gott. Dass der Gott Israels und der Gott Jesu und der Gott Mohammeds ein und derselbe ist, das wird hier ganz klar ausgesprochen. Christen und Juden tun sich damit bis heute - leider - schwer. Die Streitereien darüber werden genauso offen angesprochen, aber nicht debattiert. Die Unterschiedlichkeit im Ritus, in den Frömmigkeitsformen, sie werden einfach stehengelassen. Eine Gelassenheit gegenüber der Vielfalt religiöser Lebensformen, die jedem Menschen gut täte - egal ob Muslim, Jude, Christ oder auch Buddhist oder Agnostiker. Und wer trotz allem und immer noch meint, dass die Vielfalt nicht dem Willen Gottes entspricht, der möge doch bitte nicht dem Urteilsspruch Gottes vorgreifen, sondern es ihm allein überlassen, wie er am Ende der Zeiten sich dazu verhalten wird.

 

71. Diejenigen, die glauben, und diejenigen, die Juden sind, und die Christen und die Sabier, all die, die an Gott und den jüngsten Tag glauben und Gutes tun, erhalten ihren Lohn bei ihrem Herrn, sie haben nichts zu befürchten.  (Sure 2,62)

73. Jeder hat eine Richtung, zu der er sich wendet. So eilt zu den guten Dingen um die Wette. Wo immer ihr euch befindet, Gott wird euch alle zusammenbringen. Gott hat Macht zu allen Dingen.  (Sure 2,148)

 

Erinnern Sie sich noch daran, dass bis vor wenigen Jahrzehnten eigentlich in allen Kirchen gepredigt wurde, dass nur, wer an Jesus Christus glaubt, gerettet wird, in den Himmel kommt und nicht der ewigen Verdammnis anheimfällt? In der katholischen Kirche hieß es gar: „Extra ecclesia nulla salus." (Außerhalb der Kirche, der römisch-katholischen selbvstredend, gibt es kein Heil.) Da waren selbst wir evangelische Christen rettungslos verloren. Ich habe schon früh meine Bauchschmerzen bei diesen Vorstellungen gehabt. Wie konnte es sein, dass alle, die zum Beispiel in China oder in Indien, in einer ganz anderen Kultur geboren und aufgewachsen sind, wie konnte es sein, dass alle diese Menschen verloren sind? Hatte Gott sie nicht genauso ins Leben gerufen wie mich, sie an ihren Ort gestellt? Die beiden eben vorgelesenen Koranverse zeigen da eine ganz andere Haltung: es kommt nicht darauf an, dass jeder dasselbe glaubt, aber es kommt darauf an, dass der Glaube, der einen erfüllt, gute Früchte trägt. Das Wetteifern um die guten Dinge, das ist etwas ganz anderes als das Streiten darum, wer nun die bessere Lehre hat. Und was für eine wunderbare Hoffnung: Gott wird uns alle zusammenbringen. Es korrespondiert mit dem biblischen Bild vom endzeitlichen Hochzeitsmahl, zu dem wir alle geladen sind.

 

74. Die Leute des Buches sollen wissen, dass sie nicht über die Güte Gottes verfügen, sondern dass die Güte in Gottes Hand liegt. Er lässt sie zukommen, wem Er will. Und Gottes Güte ist groß.   (Sure 57,29)

 

Dieser Vers erzählt auf der einen Seite davon, dass offensichtlich „die Leute des Buches", also Juden und Christen ihren Glauben dazu missbraucht haben, sich selbst in der Rolle zu sehen, zu beurteilen, wem gegenüber Gott gütig ist oder eben nicht, wem er sich zuwendet und wem nicht. Gerade wir Christen sollten es aber besser wissen, denn so hat es schon Jesus selbst seinen Jüngerinnen und Jüngern gegenüber klargestellt: „Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte." In seiner Barmherzigkeit und Güte, die allen das Leben ermöglicht, darin liegt Gottes Vollkommenheit. (Mt.5,44ff)

  

75. Wenn ihr euch abwendet, dann wird Gott Menschen bringen, die er liebt und die ihn lieben.   (Sure 5,54)

 76. Sprich: Ruft Gott oder ruft den Erbarmer an. Welchen ihr auch anruft, Ihm gehören die schönsten Namen. Und sei nicht laut beim Gebet, und auch nicht leise dabei. Suche einen Weg dazwischen.   (Sure 17,110)

 

Der Weg des rechten Maßes, Frömmigkeit, die nicht aufdringlich ist und auch nicht verschämt. Die einfach aus dem Herzen kommt und gleichzeitig den anderen nicht bedrängen will. Der Weg dazwischen - ihn zu finden, eine immer neue Herausforderung. Besonders in einer Umgebung und Gesellschaft, die für religiöse Formen nicht viel übrig hat, die meint, sie überwunden zu haben durch Aufklärung und Fortschritt. Suche einen Weg dazwischen - nicht entweder oder, nicht Nikab oder bauchfreies Top. Einen Weg dazwischen suchen, das ist nicht nur eine Aufgabe für die, die zu uns kommen aus einer anderen Kultur, mit einer anderen Religion; das ist auch eine Aufgabe für uns, die „Einheimischen". Der Weg dazwischen - das ist der Weg des Ausgleichs zwischen den überkommenen Traditionen und Lebensausformungen, der Verabredung um des Friedens und eines gedeihlichen Miteinander willens.

 

77. Sagbar das Tao, doch nicht das ewige Tao; nennbar der Name, doch nicht der ewige Name. Namenlos des Himmels, der Erde Beginn, namhaft erst der zahllosen Dinge Urmutter. Darum: immer begehrlos und schaubar wird der Dinge Geheimnis, immer begehrlich und schaubar wird der Dinge Umrandung, beide gemeinsam entsprungen dem Einen, sind sie nur anders im Namen. Gemeinsam gehören sie dem Tiefen;  dort, wo am tiefsten das Tiefe, liegt aller Geheimnisse Pforte.  (Tao-Te-King)

 

Ein Text voller Demut. Wo der Mensch sich eingesteht, immer nur ein Teil, nie das Ganze zu sehen und zu verstehen. Wie Paulus es im 1.Kor.13 sagt: Unser Wissen ist Stückwerk. Was wir sehen, was wir benennen, definieren, das ist die Oberfläche der Dinge, im Text: die Umrandung, nicht der Inhalt. Nicht die Fülle, nicht die Tiefe. Israel wusste das auch: der Name Gottes ist nicht nennbar, weil Gott nicht verfügbar ist durch den Menschen. Der Islam spricht von den 99 schönsten Namen Gottes, doch den eigentlichen, den 100.Namen, der ist dem Menschen verborgen; denn: Gott ist und bleibt ein Geheimnis, nicht fassbar für den menschlichen Geist. Für mich ein wunderbarer Satz voller Weisheit:

„Dort, wo am tiefsten das Tiefe, liegt aller Geheimnisse Pforte." Um sich Gott wenigstens zu nähern, müssen wir vom hohen Ross absteigen, müssen wir uns hinabbeugen, weil es Gott gefällt, nicht oben, sondern unten zu sein. Was anderes feiern wir denn Weihnachten?

 

79. Der einzige Gott ist in allen Wesen verborgen, durchdringt alles und wohnt als Seele in allen Wesen, er wacht über alle Werke, wohnt über allen Wesen, ist Zeuge, Wächter, ganz für sich allein. Der einzige Herr wohnt in allen Wesen; er macht die eine Form vielfach. Die Weisen, die ihn in ihrem Inneren wahrnehmen, haben ewiges Glück, nicht andere. (aus dem Brahma-Upanishad)

 

Ja, darauf kommt es an: Gott im eigenen Herzen wahrzunehmen, sich ihm zu öffnen, leer zu werden für ihn, wie es die Mystiker und Mystikerinnen aller Religionen nicht müde wurden zu bezeugen, nicht irgendeine metaphysische Lehre über Gott festzuschreiben, irgendwelche Dogmen und Glaubenssätze. Denn die führen letztlich nur dazu, dass diejenigen, die diesen Sätzen nicht zustimmen, ihnen nicht Folge leisten, ausgegrenzt, abgewertet und sogar gewaltsam bekämpft werden.

Nicht alles ist Gott, aber Gott ist in allem.

Wird ein Rabbi von seinem Schüler gefragt: Meister, zeig mir, wo ist Gott, wo kann ich ihn finden? Der Rabbi denkt nach und antwortet: Zeig du mir erst, wo er nicht ist.

Entscheidend sind die Augen des Betrachters: sind sie bereit, Gott wahrzunehmen, dann können sie ihn überall sehen.

„O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! ... Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge - jede Religion, sofern sie von seiner Güte und Barmherzigkeit Zeugnis gibt, jede Form der Frömmigkeit, sofern sie dem friedlichen Miteinander der Menschen nicht entgegensteht, jede Kultur, sofern sie offen ist und lernbereit, mehr Zelt als festes Haus, unterwegs durch die Zeiten, der Zukunft Gottes entgegen. Ihm, dem Einen Gott, sei Ehre in Ewigkeit!"

Die interkulturelle Woche, eine gute Gelegenheit, aus aller christlichen Selbstgenügsamkeit und Selbstbezogenheit aufzuwachen und sich mit der Vielfalt der religiösen Anschauungen zu beschäftigen, zur Kenntnis zu nehmen: die Erkenntnis Gottes ist nicht abhängig vom Taufschein, er hat nicht nur durch Mose und Jesus gesprochen, sondern seine Wahrheit auf vielfältigen Wegen unter seine Menschenkinder gebracht. Entscheidend ist für alle: was machen sie aus ihren Erkenntnissen, welche Früchte bringt ihr Glaube für das Leben und das Miteinander der Menschen. Wetteifern wir ruhig darum, die allerbesten zu bringen.

Amen.

 

 

Alle anzeigen