12.n.Trin. 03.09.2017 Kaiserswerth, Elternschaft bei Luther (im Rahmen der Predigtreihe "Familie bei und nach Luther"), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth 12.n.Trin. - 3.IX.2017                                                                                                       

            Elternschaft bei Luther

Liebe Gemeinde!

Martin Luther war kein Wunderkind.

Anders als bei andern Großen der Glaubensgeschichte wird vom kleinen Luther nichts Außergewöhnliches, kein Vorzeichen, kein fertiges Heiligenbildchen überliefert. Der Dreikäsehoch in Mansfeld fiel nicht besonders auf und auch der Schüler, der in Eisenach Heimweh, Hunger und die Pubertät erlebte, war weder hochbegabt, noch sonst eine Ausnahme.

Erst der Erfurter Mönch glänzte mit geistiger und geistlicher Schärfe, die sich ebenso als Feuereifer wie eiskalte Verzweiflung zeigen konnte.

Als Erwachsener erst war Luther also bei sich angekommen, erfüllt von den Gewissensfragen und dem Gewissheitsdrang, die sein Leben und die Kirche verändern sollten.

Weit vom Wunderkindlichen entfernt, war er demnach eher ein Verzögerter, einer, der nur allmählich, dann aber völlig klar erfasst, worauf es ihm ankommt. Er war – wie wir letzte Woche am Beispiel seiner Eheschließung sahen – ein echter Spätzünder.

… Man könnte aber auch sagen: Luther war ein Mensch der Entwicklung. Und genau diese Seite seiner Persönlichkeit macht ihn zu einem der modernen Welt Verwandten, zu einem ernsthaften Gegenüber für uns, die wir alle nicht mehr in Selbstverständlichkeiten und unwandelbaren Überlieferungen stehen, sondern deren Denken und Wollen, deren Meinung und auch Glauben heranreifen, sich entfalten und auf den Lebenswegen ändern, je nach den Fragen, die Zeit und Horizont uns stellen.

Die Entwicklungsfähigkeit Luthers, diese Bereitschaft zum Neudenken und Andersmachen, zum Ablegen und zum Hinzulernen – Luther hätte das alles übrigens „Buße“ genannt –, …diese Entwicklungsfähigkeit Luthers, die ihn tatsächlich zu einem Vater der Moderne macht, machte ihn auch zu einem durchaus bemerkenswerten Vater für seine leiblichen Kinder[i].

Wie im Fall der Ehe, so hatte Luther auch in Sachen des menschlichen Nachwuchses zunächst lange schon die biblische Botschaft von der Familie empfangen, gedeutet und vertreten, ehe er selber zum Vater wurde und erlebte, was die praktische Wirklichkeit des biblischen Kinder-Segens ist. Als aber Katharina 1526 den ersten Sohn, Johannes – später Hensichen genannt – , zur Welt brachte und Luther kurz drauf einen schrecklichen kardiologischen Anfall, einen Hörsturz und eine tiefe Depression, die ihn todesreif gemacht hatten, überwand, da begann ein Leben im ehemaligen Augustinerkloster, das sich die dort vor kurzem noch heimischen Mönche nicht hätten träumen lassen. Mindestens sieben Schwangerschaften erlebten die Klostermauern in 14 Jahren, die meistens noch in der für Käthe besonders mühsamen Stillzeit begannen, … sechs glückliche Hausgeburten, … mehr als eine für die Mutter bedrohliche Fehlgeburt, … das viele Wickeln und Waschen, das Plärren und Gurgeln der Kleinkinder, das Singen, Spielen und Jagen, das keinerlei Tabus kannte und auch in Luthers Arbeitsstube gut bezeugt ist, … das Schelten, Zanken und Lachen der Hausgenossen, die dank der mitaufgenommenen Waisenkinder aus der Verwandtschaft manchmal die Stärke einer heutigen Kindergartengruppe erreichten, als zeitweilig mehr als ein Dutzend Kinder unter dem selben Dach lebte, ……. diese ungeordnete Brutstätte der jungen Kirche, dieser Stall voll kleiner Rasselbande und wissbegieriger Studentenschaft, diese zusammengewürfelten Großtanten, Gelehrten und Gäste, diese lebensfrohen und immer wieder fast unangekündigt vom Tod ereilten Mitglieder einer Großfamilie aus Fleisch und Blut und Glaubensgenossen: Sie waren Schauplatz und Hintergrund, Ausgleich und Ablenkung für 20 entscheidende Jahre der luther’schen Reformation.

Ohne die Tatsache, dass er seine Kleinen auch während seiner Arbeit um sich herum duldete, … ohne die Tatsache, dass er ebenso herzergreifende Kinderbriefe wie Katechismen oder Schmähschriften schreiben konnte, … ohne die Tatsache, dass er ein Bildnis seiner geliebten Magdalene mit auf der Veste Coburg hatte, wo er die zähe Zeit des Abwartens auf die Wirkung des Augsburger Bekenntnisses nicht zuletzt mit dem Gedanken an dieses Lieblingstöchterlein verkürzte, … ohne die Tatsache, dass er mitunter verzückt und gelegentlich verhärtet auf die Art und die Unartigkeiten der kleinen Luthers reagierte, … ohne alle diese Tatsachen  ist der Übersetzer der Bibel, der Dichter unserer Lieder, der Lehrer des Katechismus, der Tröster der Betrübten, der Schlächter der Bauern, der Prophet der Deutschen, der Speichellecker der Obrigkeit, der Künder der Freiheit und Rächer der gequälten Gewissen, die Geißel des Papstes und der ekelhafte Propagandist gegen die Juden, ……. ohne diese Vaterfreuden und Vaterfehler ist Martin Luther nicht zu verstehen. Er war eben alles andere als ein Elfenbeinturm-Mensch; er steckte mit allen Sinnen und Wesenszügen je länger, desto tiefer in der Wirklichkeit des Lebens.

Insofern war es schlicht unumgänglich, dass er stets auch Entwicklungen erleben und begleiten und wieder und wieder selbst vollziehen musste: Wie das Wachstum der Kinder, so war auch seine Selbstwahrnehmung, waren auch sein Gottesverhältnis und Menschenbild in fortwährender Vertiefung und Neuausrichtung begriffen.

Der Anfang eines durchaus revolutionären Wandels in den festgefügten Rollenbildern der Menschen machte sich bei Luther schon bemerkbar noch ehe er selber Vater geworden war. Mit der festen Absicht, in der Kirche keine Zweiständegesellschaft mehr zu dulden, die zwischen den vermeintlich heiligmäßigen Geistlichen und Ordensleuten und den Weltbürgern trennt, hatte Luther ja begonnen, auch weltliche Berufe und ordinäre Alltäglichkeit als köstliche Berufungen und treue Bewährungsaufgaben der Gerechtfertigten zu preisen. Er ging dabei so weit, dass er den Männern und Vätern ins Stammbuch schrieb[ii]: „Wenn ein Mann die Windeln waschen oder sonst etwas für das Kind tun würde, das verachtet ist, und jedermann würde über ihn spotten und hielte ihn für einen Maulhelden und Frauenmann, wenn er es aber […] im christlichen Glauben täte, sage mir, mein Lieber, wer würde hier über den anderen zuletzt spotten? Gott freut sich mit seinen Engeln und Geschöpfen nicht darüber, dass er die Windeln wäscht, sondern dass er es im Glauben tut. Seine Spötter aber, die nur die Tat und nicht den Glauben sehen, werden von Gott mit allen Geschöpfen verspottet als größte Narren auf Erden. Ja, sie machen sich selbst zum Gespött und sind mit ihrer Klugheit des Teufels Maulhelden!“

Solche radikalen Ablösungen von alten Mustern sind typisch für den Neuerfinder einer bis dato beispiellosen Welt, in der die Gottesgegenwart nicht in den exklusiven Heiligkeitsgrenzen, sondern in der inklusiven Gestalt des Mütter-, Väter- und Kinderlebens, des Arbeitens, Schlafens und Spielens der gesamten Gesellschaft seinen Ort finden sollte.

Doch nicht nur in seinen gewagten und öffentlich bahnbrechenden Vorstellungen von der Heiligkeit des Alltags, die auf Bonhoeffers religionsloses Christentum in einer mündigen Welt vorausweisen, hat Luther sich als lernfähig und -willig erwiesen. Er war gerade auch im häuslichen Kreis nicht nur der derbe pater familias, den die Seinen bei gutem Humor am Kachelofen erleben, wo sie nach seinem Dirigat ein Liedchen schmettern, um den wackeren Papa dann wieder welthistorische Geschäfte erledigen zu lassen.

… Obwohl er viele Züge des harten, strafenden Vateramtes fortsetzte, das die Welt nicht nur immer schon, sondern immer noch prägt, hat der späte junge Vater in Wittenberg durchaus etwas Neuartiges und Untypisches getan:

Er hat nämlich ganz bewusst durch seine Kinder und von seinen Kindern gelernt!

Dafür musste er sie zunächst natürlich tatsächlich in seiner Nähe haben, sie begleiten und beobachten und anders als alle seine Zeitgenossen in ihnen nicht nur die fehlerhaften, unvollständigen Miniaturerwachsenen sehen, die sich nach dem Vorbild der wirklich Großen zu richten hätten. Luther gelang es nämlich gegen die allgemeine Tendenz, Kinder bloß als Mängelwesen einzustufen, sie wirklich in ihrer Andersartigkeit, in ihrer unvoreingenommenen inneren Freiheit zu erfassen und dann sogar festzustellen, wie das auf ihn, den fertigen Erwachsenen zurück wirkte: Im Licht seiner Kinder kam er so zu Fragen an sich selbst, zum Nachdenken über die eigenen Möglichkeiten.

Diese überaus ungewöhnliche Umkehrperspektive, die in den Kindern Träger einer Erkenntnis und Wahrheit findet, die der hochgelehrte Doctor nicht selber erreichen kann, macht die scheinbaren Plaudereien über seine spielenden, singenden, kabbelnden Söhne und Töchter dabei zu Dokumenten der Geistesgeschichte: Ein Erbe der abendländischen scholastischen Theologie, ein humanistischer Sprachforscher, begnadeter Schriftsteller, scharfzüngiger Provokateur, sensibler Seelsorger und wirklich biblischer Menschenkenner begreift da eine ganz neue Dimension des Lebens, … weil er seine Kinder ernst nimmt!

In den Tischreden etwa hören wir:

„Luther sah seinem Sohn zu und pries seine Einfalt und Unschuld, die auch im Glauben gelehrter sei; denn sie glauben aufs einfältigste ohne alle Disputation an den gnädigen Gott und das ewige Leben.“[iii] … Genial und unabhängig wie er ist, zieht der weltberühmte Gottesgelehrte den Hut vor seinen Kindern!

Oder bei dem, der unerbittlich lehrt, dass wir immer gleichzeitig Gerechte und Sünder sind, die Bereitschaft, diese hart erkämpfte Überzeugung angesichts von Kinderkram nicht mehr die einzige Regel sein zu lassen:

„Am 17.August 1538 hörte [Luther] die Zänkereien und Händel seiner Kinder mit an. Als er bemerkte, daß sie wieder miteinander gut wurden, sagte er: »Lieber Herr Gott, wie mag dir das Leben und Spielen solcher Kinder gefallen! Ja, alle ihre Sünden sind nichts anderes als Vergebung der Sünden.«“[iv]

… Ein andermal versicherte er einem der Kinder sogar ausdrücklich das, was er sonst sich selber und allen andern Menschen absprach: „Wie dus machst, so ists vnverderbt“[v]! … Sogar glatten Widerspruch zur eigenen Lehre konnte Luther also am Beispiel von Hänschen, Lenchen, Martin, Paul und Grete erstaunt zur Kenntnis und erst nehmen. ——

Dass es dem lernfähigen Vater dabei aber nicht etwa nur um die bezaubernde ursprüngliche Unschuld von Kleinkindern ging, die er mit dem halb neidischen Ehrentitel „unsers Herr Gots nerlein“ zu bedenken pflegte[vi], das beweisen seine nimmermüden Appelle an die Obrigkeit, alles zu tun, um den Mädchen und Jungen der evangelischen Städte und Stände Bildung zu ermöglichen.

Luther wollte die Jugend nicht naiv halten – selbst um den Preis, dass sie dann nicht mehr ihre anschauliche Überlegenheit über die erwachsene Zerrissenheitserfahrung bewahrt.

Das luther’sche Beharren auf dem Vorrang von öffentlicher Bildungsverantwortung vor allen elterlichen und ökonomischen Bedenken – ein Anspruch, der verblüffend zeitgenössisch wirkt, auch wenn damals nicht der Arbeitsmarkt, sondern die Sorge um die Zukunft des Evangeliums die staatlich gelenkte Bildungs- und Betreuungspolitik diktierte[vii] – … das luther’sche Bildungsethos also zeigt, dass kein sentimentales Bild vom unverdorben niedlichen Hosenmatz den Reformator bewog, die Erfahrungen mit seinen Kindern als Ergänzungen und Korrektiv aller seiner theologischen Erkenntnisse wahrzunehmen. Luther wurde durch seine Kinder schlicht tatsächlich über Möglichkeiten und Wahrheiten belehrt, die sein sonstiges Denken und Meinen auflockerten, … die es sozusagen in Klammern setzten und ihm ganz andere Einblicke in Gottes Walten und Willen eröffneten.

Das ging so weit, dass er sogar den Glaubensgehorsam – das tiefe Vertrauen in Gottes retten-de Gerechtigkeit, das ihn zu dem machte, der er geworden war –, im Blick auf die Bindung seines Herzens an die Kinder einschränken musste. Er verstand das „Herzpochen Abrahams, als [d]er hinging, um seinen einzigen Sohn zu töten. […] Ich wollte wahrlich mit Gott disputieren, wenn er mir solches vorlegen sollte.“[viii]

….... Umso tiefer traf ihn dann tatsächlich der Schmerz, als auch Käthe und Martin Luther am Sarg und Grab ihrer Kinder stehen mussten. Schon ihre Zweite, die kleine Elisabeth starb als Säugling. Damals überraschte die Wucht seiner Trauer den Vater; weil Käthe jedoch schon wieder schwanger war, überkam ihn gleichzeitig eine ganz eigentümlich prophetische und überhaupt nicht patriarchale Gewissheit, die in einem Jauchzer greifbar wird, der eine seltene Identifikation des Mannes mit seiner Frau belegt: „Ich habe ein anderes Töchterlein im Uterus!“[ix] schrieb er, noch ehe er wissen konnte, dass ihnen tatsächlich ein weiteres Mädchen –  Magdalena – geschenkt werden sollte.

Sie wurde sein Augenstern, das Kind, an dem er ganz unaussprechlich hing.

Mit kaum dreizehn Jahren aber wurde auch sie auf’s Totenbett gerufen.

Die damals minutiös aufgezeichneten Schmerzens- und Trostworte des im Innersten getroffenen Vaters, das letzte kleine Katechismusgespräch, das Luther mit seinem leise, … selig verlöschenden Liebling führte, die schonungslose Aufdeckung seiner Betrübnis und die Prüfung seines Glaubens bei Lenchens Tod haben seitdem vielen Generationen vor uns geholfen, … geholfen, sich nicht als unerschütterliche Helden, sondern als weinende Eltern und zugleich als Christen zu betragen, wenn ihnen das Schwerste widerfuhr. …….

Sein Wort an ihrem offenen Sarg gilt aber nicht nur im Schrecklichen des letzten irdischen Abschieds, sondern fasst den Blick des lernwilligen Vaters, der durch seine Kinder Neues und Großes erfuhr, wunderbar zusammen:

„Du liebes Lennichen! Wie wol ist dir geschehen! Ach, du liebes kint, dass du auffstehen müssest und leuchten wie die sternen, ja wie die sonne!“ [x] ——

Wenn es so etwas wie ein Vermächtnis des ersten evangelischen Kirchenvaters im Blick auf die Nachgeborenen gibt, dann ist es nicht das starke, aber immer auch in der Gefahr letzter Selbstgerechtigkeit und Spießigkeit stehende Urbild des Pfarrers, des Pfarrhauses, der Pfarrfamilie.

Viele wissen und die Kultur eines ganzen Volkes kann es immer noch nicht vergessen, was das evangelische Pfarrhaus durchaus war und was wir ihm wahrhaftig verdanken.

Indes ist das familiäre Idyll immer auch der enge Rahmen einer bestimmten Selbstgenügsamkeit gewesen. Ein geistreich böser Verächter des lutherischen Pfarrhauses schrieb nicht ganz unzutreffend: Seine „Grundlage … war das Sechskindersystem und die Bequemlichkeit auf halber Treppe; … die mit Kohl und Karnickel begnadete Diesseitigkeit“[xi].

Doch das Vermächtnis des ersten evangelischen Kirchenvaters ist genau das nicht, sondern der wunderbare Horizont eines Glaubens, der sich nicht einfach genügt und feststeht, sondern von den Kommenden verändern und vertiefen lässt.

Dass die Alten von den Jungen lernen, dass die Gläubigen vertrauensvoll sehen und bekennen, dass andere unter ihren Händen anders zu glauben lernen und doch auf eigene Weise gewiss glauben werden: Das ist der Segen des Vaters und der Mutter in unserer Kirche für ihre Kinder. Ein Segen, der den nächsten Generationen Zukunft hier und in Ewigkeit schafft, … dass die, die nach uns kommen, „aufstehen müssten und leuchten wie die Sterne, ja wie die Sonne!“

Amen.   

 

 

 

Offene Schuld vor der Predigt

 

Herr, das Geheimnis kennen wir.

Wir wissen, was alle Rätsel lösen würde.

Es ist uns offenbart, dass wir Leichtes und Schweres, Großes und Kleines, Lasten und Lieder, Freuden und Leiden teilen sollen!

 

Wir wissen, dass wir durch Teilen reich machen und reich würden.

 

Aber wir teilen nicht.

Wir behalten’s für uns.

… Die Güte, die Dinge, die Einfälle.

Wir behalten alles für uns.

… Sogar den Glauben, die Hoffnung, die Liebe.

 

Wir geben und sagen’s nicht weiter: Die Offenbarung Deiner Güte, die Lösung aller Rätsel, das Geheimnis des Teilens.

… Welcher Vater lehrt es seine Kinder?

… Welche Mutter teilt es ihnen mit?

… Welche Kirche teilt dein Wort aus?

… Welche Gemeinde gibt den Glauben weiter?

 

Wer von uns lebt so, dass er dem Geheimnis, dem Gebot, der Offenbarung dient?

 

 

 

Fürbitten nach der Predigt

 

Vater, segne die Kinder!

Die Kinder dieser Welt – die morgige Menschheit!

 

In ihnen liegen die Schlüssel zu jenen Probleme, die wir hinterlassen. 

Darum ist es so nötig, dass die Entwicklung, die innere Kraft, die äußere Sicherheit der jungen Generation nicht willkürlich auf dem Spiel stehen.

Und so bitten wir Dich, dass Du überall auf dieser Welt Zeiten und Verhältnisse gewährst, die das Leid und die Opfer der Kinder abschaffen!

 

Hilf, dass wir Großen der Kinder-Arbeit ein Ende setzen!

Hilf, dass wir Großen den Kleinen das Recht und die Freude der Bildung eröffnen.

Hilf, dass wir Großen die Neugier und genauso die Gewissheit der Jungen ernstnehmen.

Hilf, dass wir Großen nicht schuldig an den Schwachen und Unschuldigen werden, sondern lernen, mit Freuden in ihrer Schuld zu stehen.

 

Lass Eltern mit den Augen ihrer Kinder die Welt entdecken:

die fremde Welt des ersten Blickes;

die bunte Welt der selbstverständlichen Technik;

die große Welt des Träumens und des Wollens;

die bittere Welt aller Enttäuschungen und Schmerzen.

 

Lass Alte und Junge in gegenseitigem Geben und Nehmen stehen, und bewahre uns vor der Selbstsucht des Alters genauso wie vor dem Ichsinn der Jugend.


Und so lass uns miteinander in dieser müden Welt, die den ererbten Hass und die alten Kriege und das ewige Bluten doch nicht mehr tragen kann, … lass uns miteinander werden wie die Kinder: Dass wir staunend und jubelnd und fröhlich und frei in Dein Vaterhaus kommen und uns daran und darin nie satt freuen werden!   



[i] Zu den biographischen Einzelheiten vgl. die zur letzten Predigt genannten neueren Lebensbeschreibungen des Reformators.

[ii] M.Luther, Vom ehelichen Leben 1522, in: Martin Luther, Deutsch-deutsche Studienausgabe – Bd.3: Christ und Welt, hg.v.H.Zschoch, Leipzig 2016, S.203.

[iii] Martin Luther, Ausgewählte Werke (Münchner Ausgabe) Ergänzungsreihe 3.Bd.: Tischreden, hgg.v. H.H.Borchert und G.Merz, 3.Aufl., München 1963, S.227.  

[iv] AaO, S.228.

[v] Martin Luther, Tischreden,  Ausgew. und erl. v. Chr.Lehnert, (Insel-Bücherei Nr.1421), Berlin 2016, S.84.

[vi] Ebd.

[vii] Auf dem Gottesdienstblatt des Sonntags war in diesem Zusammenhang ein längerer Abschnitt aus Luthers „An die Ratsherren aller Städte im deutschen Land, dass sie christliche Schulen errichten und unterhalten sollen“ (1524) abgedruckt.

[viii] Tischreden (Münchner Ausgabe – vgl. Anm. iii), S. 226.

[ix] Zitiert bei Heinz Schilling, Martin Luther – Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 2012, S.347.

[x] Luthers Werke in Auswahl („Clemen’sche Ausgabe“), Bd.8: Tischreden, Nachdruck: Berlin 1962, S.312.

[xi] Hugo Ball, Sämtliche Werke und Briefe, Bd.5: Die Folgen der Reformation – Zur Kritik der deutschen Intelligenz, hg.v. H.D.Zimmermann, 2.Aufl, Göttingen 2011, S.44 = S.193. Dieser Frontalangriff und Totalverriss des Protestantismus durch  den katholisch gewordenen Vater der Dada-Bewegung dürfte das Geistreichste sein, was man sich zum Reformationsjubiläum durch den Kopf gehen lassen kann! 

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