11.So.n.Trin.,27.08.2017, Stadt- und Jonakirche,Ehe bei Luther (in der Predigtreihe "Familie bei und nach Martin Luther"), Jonas Marquardt

Predigt Kaiserswerth & Jona 11.n.Trin. - 27.08.2017                                                                                          

                    Ehe bei Luther

Liebe Gemeinde!

Vermutlich sind nicht Viele hier – inzwischen muss man ja ergänzen: weder Weib noch Mann … –, die wie einst Käthe bereit wären, mit Martin Luther die Ehe einzugehen.

Er mag faszinierend gewesen sein und bleiben – ob allerdings alltagstauglich oder in unserem Sinne partnerschaftstauglich … das darf getrost bezweifelt werden.

Nicht nur seine zeit- und kulturbedingte, krachledern patriarchale Weltanschauung lässt ihn als Rat- und Beispielgeber in Sachen Ehe heute scheinbar ausscheiden. Auch seine berüchtigte  Zart-Grobheit, sein totales Sendungsbewusstsein, das jegliches Privatleben ausschloss und seine unerreichbar hemmungslose Ichbezogenheit legen nahe, dass Katharina von Bora im Schwarzen Kloster von Wittenberg einen Hausstand und eine Familie gründen musste, die sie manchmal ihrem vermiedenen Schicksal im Nonnenkloster Nimbschen nachsinnen ließen.

… „Die Lutherin“ zu sein, war gewiss kein leichtes Los.

Andererseits – und diese Seite der Medaille ist von bleibendem Interesse – andererseits war das luther’sche Eheleben ja auch bewusst völlig unbeschwert durch anfängliche Glücks- und Liebesansprüche: Weder Braut noch Bräutigam heirateten einander in der Meinung, sie müssten etwa den perfekten Partner, das ideale Ich-Gegenstück gefunden haben. Denn – das ist der allesentscheidende Unterschied zu späteren Vorstellungen vom Heiraten! –, denn die reformatorischen Ehen dienten nicht dem guten Gefühl, sondern sie entsprachen einem Gefühl für das Richtige. …….  ——

Zunächst klingt das dürr und spröde.

Und es bedeutet ja auch tatsächlich, dass das, was wir heute „Beziehungen“ nennen, vor fünfhundert Jahren kein Selbstzweck war. Die erhofften Folgen einer Hochzeit wurden jedenfalls nicht mit emotionalem Wohlbefinden gleichgesetzt oder als Erfüllung individueller Bedürfnisse gesehen. Man trug einander darum auch nicht die Erwartung an, der jeweils Andere müsse das ideal personifizierte Glück abgeben.

Nicht allein die Person nämlich, sondern tatsächlich die „Ordnung“, also die Institution der Ehe machte das Heiraten sinnvoll und zum Segen.

Dass Katharina von Bora nach eigenem Bekunden sich ihrerseits vorgenommen hatte, nicht jeden, mit dem man sie verkuppeln wollte, sondern entweder nur Nikolaus von Amsdorf oder Dr.Martin Luther selber zu heiraten, bezeugt also nicht, dass diese in ihren Augen die romantischsten Reformatoren waren, sondern dass sie mit ihnen die Rollen eines verheirateten Paares in der neuen Freiheit aller Christenmenschen am besten ausfüllen zu können hoffte.

Andere Vorzüge als die überzeugend sachliche Gemeinsamkeit, das Eheleben ernsthaft evangeliumsgemäß ausrichten zu wollen, dürfte Luther wahrlich nicht besessen haben, der immerhin die Vierzig bereits überschritten, die Mönchskutte immer noch nicht abgelegt, nach dem Zeugnis seines letzten Mitbewohners in der verkommenen Junggesellen-WG des verlassenen Wittenberger Klosters sein Bettstroh zwei Jahre lang nicht mehr gewechselt und überdies auch noch öffentlich erklärt hatte, dass er Käthe von Bora für hochmütig und kaum mehr vermittelbar hielt.

Sie wollte ihn dennoch zum Ehemann. Und er nahm sie zuletzt auch. …

Beide waren vollkommen mittellos: Die Braut, die in der Heringstonne aus dem Kloster entschlüpft war; der Bräutigam, der damit rechnete, über kurz oder lang am Pfahl auf dem Scheiterhaufen zu landen.

Ihre doppelt verbotene Ehe – Mönchs- und Nonnengelübde untersagten sie! – war nach mittelalterlichem Aberglauben ein Sakrileg, in dem der Antichrist selber gezeugt werden würde. Verachtung, Ekel und Verfolgung waren ihnen somit gewiss.

Was bewegte sie also zur Hochzeit? … Zu einer Zeremonie, die für zartbesaitete Zögerliche und auch für diese zwei Zölibatere sicherlich eine echte Zumutung war, da der eigentliche Vorgang, der ihr Verlöbnis zur gültigen Ehe machte, nicht die Spende des Trausegens und auch nicht der spätere öffentliche Kirchgang war, sondern das Beilager vor Zeugen … und sei’s auch noch so symbolisch.

……. War es also etwa das? Wie die gesamte gegenreformatorische Öffentlichkeit genüsslich und schmutzig lästerte: War es der Sexualtrieb?  

Im Klartext: Ja. — Doch nicht so, wie die lüsternen Verleumder es sich einbildeten.

Die Keuschheit war für Luther, der seit seiner Jugend dreißig Mannesjahre enthaltsam gelebt hatte, keine besondere Anfechtung. Dagegen war das Geschlechtsleben für ihn allerdings mit Offenbarung verbunden – und zwar im buchstäblichen Sinn! … und auch schon deutlich ehe er selbst es erfuhr. In den Sprüchen Salomos, des Weisen übersetzte Luther selber später einen (wirklich!) wegweisenden Vers so (Spr.30,18f):

„Drey sind mir zu wünderlich / vnd das Vierde weis ich nicht /

des Adelers weg im Himel / Der Schlangen weg auff eim Felsen /

Des Schiffes weg mitten im Meer / Vnd eins Mans weg an einer Magd“.

An diesem alten Bibelstaunen über die nachvollziehbare Bestimmung und das dennoch bleibende Geheimnis geschlechtlicher Vereinigung wurde der ganze Mönchsabscheu vor dem Weiblichen zuschanden. … So sehr zuschanden, dass Luther als gedruckte Randbemerkung neben diesen Vers vom Wunder der Sexualität den Satz setzte:

„Das ist / Liebe ist nicht aus zu dencken noch zusprechen.“

Und ein Kapitel weiter in den Sprüchen lautet seine zum Sprichwort gewordene Anmerkung:

„Nichts liebers ist auff Erden Denn Frawlieb / wems kann werden“!

Mit anderen Worten: Trotz einer beinah anderthalbtausendjährigen Kultur der Frauen- und Leibfeindlichkeit und des ganz sexuell bestimmten Sündendogmas stieß Luther, als er das Wort Gottes in der Bibel zu entdecken begann, auf eine völlig andere Sicht des Menschlichen. Man könnte und sollte sich deren Besonderes vielleicht klar machen, indem man sie die hebräische, die jüdische Sicht nennt. Trotz aller Züge des orientalischen Patriarchates hat nämlich das Alte Testament schon an seinem Anfang eine einzigartige Botschaft: Zum Bilde Gottes wurden die Menschen geschaffen, indem Gott sie als Mann und Frau schuf! Diese grundsätzliche und theologische Notwendigkeit und Würde der beiden menschlichen Geschlechter, hat im biblischen Israel und noch viel betonter im nachbiblischen Judentum etwas hervorgebracht, das keine sonstige antike oder mittelalterliche Kultur derart akzeptierte: Die Angewiesenheit eines Mannes auf seine Frau, die neben der patriarchalen Abhängigkeit der Frau vom Mann eben so sehr dazu beitrug, dass das eheliche Miteinander nirgends höher geschätzt wurde.

Das biblische Menschenbild bedeutet ja, dass mit der Ehe nicht zuerst ein Rechts- oder Besitzverhältnis abgebildet und bestätigt wird, sondern die zu einander hin geschaffene Offenheit beider Geschlechter. Nicht in der Einzahl, nicht im abgeschlossenen Individuum, sondern im Miteinander, in der Verbindung von Männlich und Weiblich finden die menschlichen Möglichkeiten die ihnen gesetzte Entsprechung und ihre entfaltete Vollendung. ——

Diese biblische Sicht, die heute wieder ein riesiges Reizthema darstellt, wenn man sie als Anzeige eines Mangels oder Defizits bei denen deutet, die anders leben, … dieses biblische Bild vom Menschenpaar, das einander nötig hat, um gottgemäß zu sein, war jedenfalls vor fünfhundert Jahren ebenfalls ein Ärgernis und beinah ganz verdrängt: Der Mann vergötzte sich selber als das auserwählte Geschlecht, dem Weib sprachen die Gelehrten wahlweise die Seele oder das volle Menschsein ab und die gegenseitige Anziehung und Verbindung wurde als Fleischeslust derart verteufelt, dass entweder gröbste, männlich dominierte Brutalität oder neurotische Störungen die sexuelle Norm darstellten.

In dieser Lage aber war die Entdeckung, dass in der Ehe eine gute Anordnung des Schöpfers zu sehen sei, eine aufwühlende Befreiung – eine Befreiung des Glaubens und der Körper!

Wer mit biblischen Augen und Ohren den sinn- und freudenreichen Weg des Mannes bei der Frau und die leib-seelische Übereinstimmung zweier Menschen dabei wahrnahm, … wer die eben vernommene Mahnung des Apostels ernstnahm, dass die Männer ihre Frauen lieben sollten (vhl.Eph5,25ff)  – eine Mahnung, über die Griechen und Römer schlicht lachen mussten –, … wer vor diesem Hintergrund die eheliche Liebe als das älteste auf uns gekommene Gebot Gottes erkannte – „Seid fruchtbar und mehret Euch“ als die erste gesegnete Verbindung von Verheißung und Gebot –, … wer alle diese schwindelerregenden Gegensätze zur altkirchlichen und mittelalterlichen Sexualfeindlichkeit tatsächlich als Einsetzung und Zulassungen Gottes zu betrachten lernte: Der wurde von einem Heiratsfieber gepackt, das heilsgeschichtliche Züge annahm. Heiraten wurde dadurch zu einem wirklichen Schritt der Befreiung und Erlösung von der totalen, psycho-somatischen Fremdsteuerung des Menschlichen im Menschen. Heiraten wurde zur Befreiung aus einer babylonischen Knechtschaft der männlichen und weiblichen Natur.

Und trotz des anerzogenen Abscheus vor allem Sexuellen und trotz der einzigartigen Radikalität seiner Sündenerkenntnis erfuhren Luther und die Seine mit der Zeit, dass die Ehe nicht die Beschränkung eines bösen Triebes auf das unvermeidliche Minimum sei, sondern dass es tatsächlich ein Begehren und eine Lust gibt – beides ja die Hauptmerkmale aller Sünde! –, die durch ein Gnadenwunder Gottes, des Schöpfers dem Richtigen im Leben dienen, die der Heiligung förderlich sind. ———   

Durch diese Erkenntnis, der die Erfahrung erst folgte, wurde also im Jahr 1525 die Hochzeit zu so etwas wie Luthers berühmtem Apfelbäumchen: Sie wurde ein Zeichen des völligen Vertrauens auf Gottes Wort und Weisung gegen alle Welt. Wie das Apfelbäumchen, das noch am Vorabend des Weltuntergangs zu pflanzen wäre, sollte die Luther-Hochzeit ein letzter Ausdruck der Hoffnung, der Überzeugung und der inneren Freiheit im Angesicht des jüngsten Tages sein. … Denn tatsächlich – und auch nicht ohne das unverzeihliche Zutun Luthers! – war die Zeit damals so unheilvoll und bluttriefend, dass man landauf, landab apokalyptische Erwartungen hegte: Die Bauernkriege schienen mit ihrer Hoffnung und Enttäuschung, mit ihrer Brutalität und Aussichtslosigkeit und ihrem massenweisen Morden die gegenwärtigen Vorboten der Endzeit zu sein.

Mitten aber in dieses grausame Leiden, mitten in die himmelschreiende Härte der Niederschlagung der Bauern hinein fiel nun der Abend des 13.Juni, an dem gegen 17:00h die Verlobung zwischen Käthe und Luther und sofort darauf die sog. „Kopulation“ vollzogen wurden, also die Einsegnung der Ehe durch Johannes Bugenhagen und das öffentliche, symbolische Brautlager in der Schlafkammer, das unter anderen die Eheleute Cranach als Zeugen miterlebten. ——

Das Hochzeits-Zeichen des Trotzes und der Zuversicht vollzog sich also als mehrfaches Ärgernis: Sowieso unüberbietbar skandalös für die Altgläubigen und sagenhaft peinlich für die Anhänger der Reformation, denen der Rückzug in die Schlafkammer während der ersten großen Schuld und Bedrohung der Sache Luthers unerklärlich schien.

Ist mit der Eheschließung, die Luther dem Teufel und allen seinen Todfeinden als De-monstration seiner unerschrockenen Bibel- und Zukunfts-, Lebens- und Leibesbejahung entgegenhielt, aber nicht auch wirklich Verrat an der größeren, der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung des Glaubens begangen worden? …

…….  Zu beschönigen gibt es an dieser Stelle gewiss nichts. Auch nicht zu entschuldigen.

Nur zu fragen: Da er kein Tugendheld und kein Heiliger war und auch nicht sein wollte – wäre Luther denn dann wohl im Zölibat ein besserer, ein gerechterer Vertreter und Verhandler der sozialen und ökonomischen Fragen seiner Zeit gewesen? — Gewiss doch nicht. ———

Vielleicht aber wird man, wenn man die Befreiung zum Miteinander der Geschlechter und Generationen betrachtet, die sein biblisches Eheverständnis brachte, unsere heutige Ausgangsüberlegung etwas anders fassen wollen:

Vermutlich sind wirklich nicht Viele hier – weder Weib noch Mann … –, die in Martin Luthers Welt leben und seine Weltanschauung teilen wollten.

Vieles davon hat sich nämlich gründlich überlebt, vieles hat sich selbst das Urteil gesprochen oder ist von Veränderungen und Fortschritten allmählich verschluckt worden.

In der durch Luther befreiten und Käthe und ihn befreienden Ordnung aber, in der Institution der Ehe, die nicht das ungetrübte Glück und nicht das Ideal eines Traumpartners, sondern die nüchterne Verheißung bedeutet, dass zwei unterschiedliche Menschen sich ergänzen und gemeinsam etwas Gutes und Gewolltes und Gerechtes leben können und die Last und Lust der Liebe teilen  – in dieser von den Luthers belebten und immer noch lebendigen Lebensform, da ist auch gegenwärtig wahrhaft gut leben!

Seit neben der erstickende Askese der alten Kirche und der verrohenden Frauenverachtung der vormodernen Welt in den evangelischen Ehen nach biblisch-jüdischem Vorbild ein von Gott gegebener Ort für die Gefühle und Genüsse, für die Sexualität und Sorgen, für das zeitliche und geistliche Zusammenwirken von Männern und Frauen eröffnet wurde, ist die Welt um ein Gutes reicher: Um das hohe, freie, zeitlose Geschenk der Ehe. 

Es ist nicht unbedroht – weil es kostbar ist.

Es ist nicht garantiert – weil es menschlich ist.

Aber es ist immer noch gültig und wird es immer sein – weil es Gottes Segen in sich trägt.

Nicht jeder kann und niemand muss es suchen oder finden.

Aber wem es zufällt, der sollte von Stolz und Vorurteil frei sein, als habe er selbst es verdient oder gemacht. Wenn es sie gibt – die Ehe –, dann sola gratia, … allein aus der Gnade Dessen, Der alles Menschliche rechtfertigt und Ihm gerecht macht: Auch den Weg des Mannes und der Frau miteinander! ———

Am allerwichtigsten aber bleibt, was Luther mit der schönen Grußformel des Neuen Testaments drei Tage vor seinem unerwarteten Tod über einen der allerletzten Brief an Käthe setzte:

„Gnade und Friede in Christo zuvor!“

Doch damals, am 1.Februar 1546 ergänzte er: „Gnade und Friede in Christo, und meine alte arme (…) und wie ich weiß unkräftige [Liebe] zuvor.

Unterzeichnet war dieser Brief an seine Doctorin und Saumärkterin und Bierbrauerin und wie er sie sonst noch neckte und schätzte, mit:

M. Luth., dein altes Liebichen.

……. Also doch eine zwar unfaire, aber treue, eine leidenschaftliche und leidgeprüfte, eine alltägliche und darin geheiligte, eine von Narrheit und Liebe, von Schwäche und Miteinander, von nüchternem Vertrauen und frommer Dickfelligkeit geformte, … eine echte, Gott wohlgefällige Menschenehe!

Und damit: Gnade und Friede und Liebe in Christo uns allen zuvor und zuletzt und für immer!

Amen.

 



Die Einzelheiten zu Luthers Lebensumständen, zum Beginn der Beziehung zwischen Katharina und Luther und zu ihrer Hochzeit und Gemeinsamkeit sind aus den z.Zt. gängigen Biographien von Heinz Schilling (M.L., Rebell in einer Zeit des Umbruchs, München 2012), Martin Brecht (M.L., Zweiter Band: Ordnung und Abgrenzung der Reformation 1521-1532, Stuttgart 1986) und Lyndal Roper (Luther – Der Mensch Martin Luther, Frankfurt/M 2016) entnommen.

Faksimile der „Biblia Germanica 1545“, Württembergische Bibelanstalt Stuttgart 1967,S. CCCXLII.

Im Original ist der Satz sperriger konstruiert: „G. und F. in Christo und meine alte arme Liebe und, wie E.G. weiß, unkräftige, zuvorn.“ (Luthers Werke in Auswahl [Clemen’sche Ausgabe], Bd.6: Luthers Briefe,  3., verbesserte Auflage, Berlin 1966 S.425) 

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