9.S.n.Tr., 13.08.2017, Stadt- und Mutterhauskirche, „Wo die Seele ist, da ist Gott.", Ulrike Heimann

Liebe Gemeinde, 

„Und willst du nicht mein Bruder sein...- Religion und Gewalt", so lautet die Überschrift des 5.Themenheftes zum Mitreden, das die Evangelische Kirche im Rheinland im Mai herausgegeben hat. Ein Thema, das wirklich brennend aktuell  und beileibe nicht nur ein Problem des fundamentalistischen Islam ist, sondern das in allen Religionen „lauert", wie es ja in allen Religionen Fundamentalisten und Fanatiker gab und gibt. Da wird als Ergebnis der Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europa" (2002-2012) festgestellt: Je religiöser Menschen sind, desto stärker ausgeprägt sind ihre Vorurteile. „Wer meint, der eigene Glaube sei anderen überlegen, erweist sich als feindseliger gegenüber fast allen schwachen Gruppen." Nicht nur Andersgläubigen gegenüber, sondern auch z.B. gegenüber Homosexuellen. Die Suche „nach einer Dimension von Religiosität, die nicht positiv mit Vorurteilen zusammenhängt, sondern vielmehr vor ihnen schützt", dauere an. Positiv wirke sich aus, wenn Religiosität mit einer pluralistischen Weltanschauung einhergehe, die keine absoluten Wahrheiten für sich beanspruche. (S.9 Themenheft)

Wie steht es da um die real existierenden Religionen unserer Zeit? Gerade den monotheistischen Religionen wird immer wieder der Vorwurf gemacht, besonders gewaltanfällig zu sein, weil jede für sich ganz radikal beansprucht, den einzig wahren Glauben zu verkündigen. Gläubige der anderen Religionen sind da schnell „Ungläubige", die entweder zu bekehren oder zu bekämpfen sind.

Entsprechende Texte finden sich nicht nur im Koran, sondern auch in der Bibel. Und diese Haltung hat sich dann auch in den Lehrtexten niedergeschlagen, in den Bekenntnissen und in den Dogmen. Ob es das Judentum ist, der Islam oder das Christentum - in ihrer jeweiligen Lehre vertreten sie einen exklusiven Anspruch auf die göttliche Wahrheit. Und aller Exklusivität wohnt Gewalt inne, wobei sie sich nicht nur in handfesten physischen Formen zeigt, sondern auch psychisch und sozial auftritt - als Ausgrenzung und Verächtlichmachung des Anderen. Dabei richtet sie sich nicht nur gegen Anhänger einer anderen Religion, gegen die man in den Heiligen Krieg zieht, wie die Kreuzfahrer im 12.Jahrhundert, oder in den Dschihad, wie die Islamisten ihn ausgerufen haben. Die Gewalt wendet sich auch gegen die Anhänger der eigenen Religion, wenn sie nur in dem, was sie glauben oder von Gott denken, von der herrschenden, der wahren, richtigen Lehre abweichen. So konnte es zu den Konfessionskriegen kommen, wo Christen gegen Christen standen. Und so geht es bis heute, wenn zum Beispiel die Fundamentalisten von „Kein anderes Evangelium" anderen Christen das wahre Christsein absprechen, weil diese vor allen Dingen nicht die buchstabengetreue Auslegung der biblischen Schriften teilen.

Der wahre Glaube, wie ihn die offiziellen Kirchen lehren, ist ein Glaube an „Bibel und Bekenntnis". Es geht um die wahre, die reine Lehre, die man haben muss. Die Gott ja offenbart hat ein für alle Mal - in der Bibel und durch Jesus. Wer dieser Lehre nicht folgt, ist verloren, verdammt.

Ich denke, alle merken jetzt, welches Gewaltpotential in solch einem Religions- und Glaubenskonzept steckt.

Doch es muss nicht zwangsweise so mit der Religiosität und dem Glauben sein. Religion und Glaube können auch ganz anders gelebt und verstanden werden. Und danach braucht man eigentlich auch gar nicht zu suchen, denn es gibt schon längst in allen Weltreligionen eine Spiritualität, die pluralistisch ist und offen, die keine absolute Wahrheit für sich beansprucht, die eben nicht exklusiv daherkommt, sondern inklusiv. Es ist die Mystik.

Die meisten Zeitgenossen können mit dem Begriff der Mystik nicht viel anfangen. Andere haben ein sehr einseitiges Bild von Mystikerinnen oder Mystikern vor Augen: für sie sind es leicht oder stark abgedrehte Personen, die Visionen haben und in Ekstase geraten. Und auch die offizielle Theologie und Kirche gehen beim Thema Mystik schnell auf Distanz: die Mystikerinnen und Mystiker des Mittelalters standen immer im Verdacht der Ketzerei und nicht wenige endeten auf dem Scheiterhaufen, weil sie gegen die rechte Lehre verstießen - im Christentum und auch im Islam.

Und in der Tat: mit Dogmatik, mit theologischen Lehrgebäuden hat die Mystik nichts zu tun.

Es geht in der Mystik nicht um die richtige Lehre, die man kennen und lernen und glauben muss, sondern es geht um das Erleben der Beziehung zu Gott, um Erfahrungen des Herzens. „Wo die Seele ist, da ist Gott." formulierte es der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart.

Eine der Kernüberzeugungen der Mystikerinnen und Mystiker ist: Gott ist nicht irgendwo in einem Jenseits, einem transzendenten Himmel, sondern er ist überall und deshalb auch in einem jeden Wesen, in einem jeden Menschen - und dort will er gefunden werden. Selbsterkenntnis und Gotteserkenntnis gehören zusammen. Und das ist bei den Mystikerinnen und Mystikern aller Religionen so, auch im Islam und im Judentum.

Glaube im klassischen, kirchlichen Verständnis ist in großen Teilen ein „Glaube an", ein „Wahrhalten von" - von Gottesvorstellungen, von Glaubenssätzen. So heißt es ja auch in unserem apostolischen Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott den Vater ..., und an Jesus Christus, ...an den Heiligen Geist." Und die Sätze, die darin stehen, die „muss man glauben", wenn man ein Christ, eine Christin sein will. So jedenfalls verstehen es die meisten Christen selbst. Wie sehr es damals, als diese Glaubenssätze und Lehren festgeschrieben wurden, um Macht und Einfluss und darum, Christen, die anderes glaubten, andere Vorstellungen von Gott hatten, auszugrenzen, ja zu verteufeln, das wissen die allermeisten heute nicht.

Dabei meint „Glaube" eigentlich viel mehr „Vertrauen". Die Frage ist nicht, an wen ich glaube und was ich glaube, sondern wem ich vertraue. Glaube als Vertrauen - nur in dem Sinn ist das reformatorische „Sola Fide" zu verstehen. Und indem er sich ganz auf Gott verließ, zeigte sich Martin Luther als einer, der von den Mystikern gelernt hatte. Wobei er dieser Tradition dann - leider - nicht gefolgt ist, sondern sich ganz der Auseinandersetzung um die rechte Lehre verschrieben hat.

Allerdings gab es auch im Protestantismus Christenmenschen, die den mystischen Glaubensweg gegangen sind. Einer der bekanntesten ist Gerhard Tersteegen, der in seinem Lied „Gott ist gegenwärtig" (EG 165) die Haltung des Mystikers so beschreibt: „Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen."

Gott ist da, immer und überall da, und es kommt darauf an, sich für ihn zu öffnen, leer zu werden im Innern, um ihm Raum zu geben, sich von ihm füllen zu lassen, seine Liebe in sich aufzunehmen und so einen neuen Blick, ein neues Verhältnis zu seiner Mitwelt zu bekommen. Bestimmt von Liebe und Mitgefühl.

Ein Mensch, der im Glauben den mystischen Weg geht, kennt beides: die Ekstase, die unbändige Seligkeit im Herzen, von Gott geküsst zu sein, wie es eine Mystikerin formulierte und die weltzugewandte Nüchternheit, der es darum zu tun ist, im Alltag der Liebe Gottes Hand und Fuß zu geben; und so sollte er beides pflegen: Herz und Verstand, die Fähigkeit zur Empathie und die Freude an Erkenntnisgewinn.

Damit der mystische Weg einen nicht in die Irre führt, braucht es die stete Auseinandersetzung mit den eigenen religiösen Wurzeln, in erster Linie mit der jeweiligen Heiligen Schrift der eigenen Religion. Für einen Christen ist das die Bibel. Allerdings liest der Mystiker, die Mystikerin sie nicht in der Weise wie ein Biblizist oder  Fundamentalist und auch nicht wie ein Dogmatiker, der aus ihr ein Lehrgebäude zusammenstellt, nach dem sich alle richten müssen. Die Bibel ist für den Mystiker/in nicht Richtschnur, sondern Wegbegleiter, Gesprächspartner, und zwar einer, der durchaus kritische Anfragen stellt, aber nicht, um den anderen „auf Linie zu bringen", sondern zu ermutigen, den eigenen Glaubensweg zu gehen, auch wenn keine kirchlichen Autoritäten bisher diesen Weg gegangen sind. Aber Gott hat uns ja auch als Originale geschaffen und nicht als Kopien.

Wer auf diese Weise das Gespräch mit der Bibel neu aufnimmt, der wird schon bald überrascht feststellen, wie viele Texte und Verse davon sprechen, dass das Innere des Menschen, sein Herz der Ort der Gottesbegegnung ist; wie wichtig es ist, den Weg von außen nach innen zu gehen, nicht um der Welt, den Mitmenschen den Rücken zu kehren, sondern um so überhaupt erst ein Mensch zu werden, der auf  rechte Weise seiner Aufgabe in dieser Welt und Zeit gerecht werden kann. „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zu seiner Ikone", damit er die Schöpfung bewahre, damit er das Leben in Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit befördere. Im Islam heißt es, Gott habe den Menschen geschaffen und zum Kalifen bestimmt, zum Statthalter Gottes, der sich darum bemühen muss, den Willen und die Werke Gottes zu tun. Die Sufis, die Mystiker des Islam, leiten daraus ab, dass der Mensch sich mit den Qualitäten Gottes qualifizieren muss. Und Jesus fordert seine Nachfolgerinnen und Nachfolger auf: „Ihr sollt ganz sein - die Lutherbibel übersetzt „seid vollkommen" - wie euer Vater im Himmel ganz/vollkommen ist."

Die Vollkommenheit Gottes, die zeigt sich nicht als Allmacht, als Allwissenheit und nicht als Größe, sondern: als Liebe und Güte, die allen Menschen gilt, allen Geschöpfen, den Gerechten wie den Ungerechten, den Einheimischen wie den Fremden, den Frommen wie den Sündern, den Menschen aller Religionen und Kulturen. „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel." Jesus war selbst ein Mystiker, der seine Heilige Schrift kannte, der davon sprechen konnte, dass kein Jota aus der Thora gestrichen werden sollte, und der doch in besonderer Weise die Worte in seinem Leben zur Entfaltung brachte, die ihn dazu brachten, Grenzen zu überwinden, auf Außenseiter zuzugehen und allen Gott als liebenden Vater zu verkündigen - wie es im Buch Jesus Sirach heißt: „Die Barmherzigkeit eines Menschen gilt allein seinem Nächsten; aber Gottes Barmherzigkeit gilt der ganzen Welt." (18,12)  Jesus trug Gott als diesen liebenden Vater in seinem Herzen, und wenn er zu den Menschen sprach, dann spürten sie, dass er nicht über Gott sprach - wie die Schriftgelehrten oder Frommen seiner Zeit - sondern dass er der Liebe Gottes die Stimme lieh, seine Stimme. Er redet mit Vollmacht, er steht ganz dahinter, er glaubt und lebt, was er sagt, stellten seine Zeitgenossen fest.

Der Weg der Mystik, das ist der Weg, Gottes Liebe ins eigene Herz aufzunehmen und sich von ihr verwandeln zu lassen; immer mehr Gottes Willen und seine Werke im Alltag zu tun, um so mit Gott die Welt zu verwandeln, Werke der Gerechtigkeit, der Bewahrung der Schöpfung und des Friedens.

Der Weg der Mystik kann nicht verordnet werden, sondern jeder muss sich dafür öffnen, muss Gott sein Herz hinhalten.

Dabei wird man schmerzlich feststellen, dass vieles, was die eigene religiöse, christlich-kirchliche Tradition einem so verordnet hat an Glaubenswahrheiten eher hinderlich als hilfreich ist. Man wird überall an Grenzen und Mauern stoßen, von denen gesagt wird, dass sie einen schützen sollen, den eigenen Glauben vor dem falschen fremden Glauben. Aber sie schützen nicht, sondern sie engen ein, sie machen Angst, sie fördern Feindschaft und letztlich Gewalt.

Das macht den Weg der Mystik in unseren Tagen ja auch so dringend nötig. Wer Gott wirklich im Herzen spürt, der braucht keine Angst vor dem Anderen, dem Fremden zu haben. „Furcht ist nicht in der Liebe." (1.Joh.4,17c)

Im Koran findet sich in Sure 20,26 ein wunderbarer Gebetsruf, den Fundamentalisten sicher nie sprechen werden. „O Herr, mach mir Raum in meiner engen Brust!" Als ich diesen Vers vor Jahren bewusst zur Kenntnis nahm, fiel mir sofort ein Vers aus dem 51.Psalm ein, mit dem ich eine sehr lange Dialoggeschichte habe. Er heißt: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist." Das „rein" hatte bei mir schon immer Unbehagen ausgelöst, rein und unrein sind für mich Kategorien, die schrecklich viel Unheil gebracht haben und bis heute bringen. Ich hatte darum diesen Psalmvers für mich neu formuliert: „Schaffe in mir, Gott, ein weites Herz" - ein Herz, dass offen ist für dich und in allem erst einmal grundsätzlich mit Spuren und Zeichen deiner Liebe und Güte rechnet, im Fremden den Bruder und die Schwester sieht und dir zutraut, auf unterschiedlichste Weise Menschen für eine gerechtere, friedlichere Welt, für die Arbeit an deinem Reich zu gewinnen.

Liebe Gemeinde, ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: solch ein weites Herz ist eine köstliche Sache. Darum zu bitten, lohnt sich. Es entspricht der Erfahrung der Freiheit der Kinder Gottes, eine Freiheit von allem, was uns bedrücken und ängstigen und einengen will, und eine Freiheit, sich allen Menschen und Geschöpfen in Offenheit, Gelassenheit und Liebe zuzuwenden. Zu dieser Freiheit sind wir berufen. Nehmen wir sie also dankbar und verantwortlich wahr.

Amen.

 

 

 

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